Mittwoch, 20. Oktober 2021
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Digitale Stadtplanung und Beteiligung mit Zebralog, Mehr Demokratie und Leibniz-Institut für Länderkunde

In der dritten Ausgabe unserer Austauschrunde haben wir uns mit Vertreter:innen aus Kommunen, Wirtschaft und Wissenschaft über die Geschichte der digitalen Bürgerbeteiligung in Deutschland, das Bürgerbeteiligungstool CONSUL sowie das  Analyse- und Visualisierungstool für städtische und regionale Bewegungsdaten hin&weg ausgetauscht.

1. Software der digitalen Stadtplanung und Beteiligung

Zu Beginn haben sich alle Teilnehmer:innen vorgestellt und in Eingangsstatements beantwortet, welche Art von Software bzw. konkrete Software sie derzeit im Bereich der digitalen Stadtplanung und Beteiligung am spannendsten finden. Neben der Beteiligungssoftware wie der Dialogzentrale oder CONSUL wurden dabei sowohl Tools für effektivere Flächenplanungen bzw. -management wie bspw. Projekt-Check, als auch sämtliche Software, die sich für eine verbesserte Visualisierung von Planungsinhalten einsetzt, genannt. Diesbezüglich ist der Status Quo in vielen Kommunalverwaltungen derzeit so, dass die Pläne als PDF-Dokumente ins Internet gestellt werden. Eine solche Bereitstellung von Planinformationen führt dazu, dass viele Bürger:innen sich diese nicht so gut räumlich vorstellen können. Interaktive Planungstische, die auch mit Softwareanwendungen wie DIPAS bespielt werden können, sind ein Weg, das räumliche Vorstellungsvermögen zu steigern.

Jede raumbezogene Planung beginnt idealerweise mit einer vorangestellten Sichtung von raumbezogenen Daten. Für diese Zwecke helfen Tools wie der InstantAtlas, die für raumbezogene Informationen eine anschauliche Visualisierung als planvorbereitende Maßnahmen ermöglichen.

2. Vorgestellte Tools und Projekte

Sahand Shahgholi – Geschichte der
digitalen Bürgerbeteiligung in Deutschland

Sahand Shahgholi ist Projektleiter und Berater für digitale Beteiligungsvorhaben bei Zebralog, einer in Bonn und Berlin ansässigen Agentur für crossmediale Bürgerbeteiligung. In seinem Input leitete er die Geschichte der digitalen Bürgerbeteiligung mit dem informellen städtebaulichen Beteiligungsverfahren zum Bonner Wohn- und Technologiepark ein. Das Beteiligungsprojekt wurde im Jahr 1998 als Ergänzung zu analogen Beteiligungsversammlungen durchgeführt und basierte auf einem Tool, das von der Fraunhofer-Gesellschaft entwickelt wurde. Zwei Jahre später wurde in Esslingen Zell ein weiteres Projekt mittels eines Tools, das Bestandteil des Media@Komm-Projektes war, realisiert.

Ein weiterer Meilenstein war die im Jahr 2009 durchgeführte Lärmaktionsplanung der Stadt Essen. Das NRW-Umweltministerium hat in diesem Pilotprojekt zunächst die Bestandsaufnahme von lauten Orten und Einreichung von Vorschlägen zur Lärmreduzierung mittels Crowdmapping durchgeführt. In der zweiten Phase wurden die daraus ermittelten Maßnahmen zur Lärmaktionsplanung mit einer Maßnahmenliste priorisiert. In den kommenden Jahren haben Projekte wie das Nürnberger „Glockenhof und Bleiweiß – wo fehlen Radständer?“ gezeigt, dass sich kartenbasierte Darstellungen für raumbezogene Beteiligungsprojekte als dienlich erweisen.

Ausgehend von den historischen Entwicklungen lässt sich für Beteiligungsprozesse in der Gegenwart feststellen, dass Beteiligung durch digitale Tools vorrangig in den folgenden drei Formen bereichert werden kann (siehe Abb. 1). In der Gesamtschau zeichnet sich damit für gegenwärtige Beteiligungsprozesse die Entwicklung zur Crossmedialisierung ab.
Abb. 1 – Kategorisierung von digitalen Beteiligungstools nach ihren Nutzungszwecken | © Zebralog GmbH

Durch diese Verflechtung von digitalen und analogen Beteiligungsformaten werden mehr Bürger:innen erreicht, die Transparenz gefördert, Diskussionen versachlicht sowie gezieltere Auswertungen ermöglicht.

In Ergänzung zur historischen Entwicklung hat Sahand Shahgholi einige grundlegende Erfahrungswerte aus dem Kosmos der digitalen Bürgerbeteiligung vorgestellt. Zu diesen gehörte auch die Abgrenzung von Verfahren digitaler Bürgerbeteiligung zu E-Government-Diensten, die sich durchaus ähnlicher Tools bedienen, erstere jedoch vom Prozess her befristet sind. Eine aktuelle im Trend liegende Beteiligungsform ist die Nutzung von digitalen Beteiligungsformaten wie Livestreams mit begleitend moderierten Live-Chats, die bspw. im Rahmen von Informations- und Erörterungsveranstaltungen auf München Mitdenken eingesetzt werden.

Abb. 2 – Gegenüberstellung von Instrumenten der Beteiligung und E-Government-Angeboten | © Zebralog GmbH

Abgeschlossen hat Sahand Shahgholi seinen Input mit der Botschaft, dass für eine erfolgreiche Beteiligung neben zielgruppengerechter Kommunikation zudem entscheidend ist, dass zum Zeitpunkt der Beteiligung ein ausreichender und klar kommunizierter Gestaltungsspielraum besteht. Entsteht hingegen bei den beteiligten Bürger:innen der Eindruck von gefestigten Bahnen, so steigt die Wahrnehmung der Pseudobeteiligung. Weiterführende Informationen zur Dialogzentrale, dem Beteiligungstool von Zebralog, finden Sie hier.

Allgemeine Informationen zu Arbeitsweisen und Beteiligungsangeboten von Zebralog sind auf www.zebralog.de abrufbar.

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CONSUL – Digitale Bürgerbeteiligung für Kommunen,
Jan Renner, Mehr Demokratie e.V.

Zu Beginn hat Jan Renner, tätig für Mehr Demokratie in Bayern, den Verein und dessen Commitment zur digitalen Bürgerbeteiligung vorgestellt. Dieses erwächst aus der Erkenntnis, dass Bürgerbeteiligungssoftware eine schnellere, umfangreichere und transparente Informationsvermittlung ermöglicht.

Vor diesem Hintergrund setzt sich der Verein für die Verbreitung der Open Source-Beteiligungssoftware CONSUL in Deutschland ein. Diese wurde ursprünglich Anfang des letzten Jahrzehnts von Bürgerbewegungen in Madrid entwickelt, um politische Willensbildungsprozesse transparenter und basisdemokratischer zu gestalten. Mittlerweile hat sich rundum diese Open Source-Plattformlösung (abrufbar auf Github→) eine lebendige Community aus ca. 140 Institutionen mit geografischen Schwerpunkten in Europa sowie Süd- und Nordamerika gebildet.

Auch in Deutschland findet diese Anwendung zunehmend Anklang, da Städte wie München, Detmold, Passau, Bamberg, Bautzen, Eching und Plön sie implementieren. Im Gegensatz zu ihren internationalen Vorbildern, nutzen Städte in Deutschland CONSUL insbesondere für projektbezogene Beteiligungsprozesse. Aufgrund des offenen Quellcodes und der modularen Architektur lässt sich die Beteiligungssoftware entsprechend anpassen. Folgende Instrumente bietet CONSUL in der Grundversion Diskussionen, die Einbringung und Abstimmung über Vorschläge, Beteiligungsverfahren, und budgetbezogene Entscheidungsfindungen.
Abb. 3 – Screenshot der Würzburger CONSUL-Umsetzung und der Beteiligung für einen Mountainbike-Track, das Tool erlaubt auch die Hinzufügung von Dokumenten und Medien als Diskussionsinhalte | © Stadt Würzburg

Im interaktiven Teil seines Inputs hat Jan Renner zwei konkrete CONSUL-Umsetzungen der deutschen Städte Würzburg und Bamberg vorgestellt, die auch stadtteilbezogene Beteiligungen vorsehen. In der dabei aufgekommenen Fragerunde hat er beantwortet, dass CONSUL-nutzende Kommunen unerhebliche schlechte Erfahrungen mit  Hatespeech gemacht haben. Es gäbe zwar keinen automatischen Mechanismus, der solche Beiträge herausfiltern könne, jedoch haben sich ausgebildete Moderator:innen bisher als ein hilfreiches Mittel für konstruktive Diskussionsverläufe bewährt.

Bezüglich der erreichten Zielgruppen teilte er die Erfahrung, dass die Kommunen eine gute Durchmischung feststellen. Nichtsdestotrotz sei diese ausbaufähig und hänge im Endeffekt stark von den diskutierten Projektinhalten, den einzelnen Beteiligungsformaten und der Art der Bewerbung der Plattform, ab. Außerdem wurde erläutert, dass eine Verknüpfung von CONSUL mit dem Einwohnermelderegister über eine API, so in etwa die BayernID, möglich sei. Damit können die Data-Governance-technischen Voraussetzungen für effiziente lokal bezogene Beteiligungsprozesse geschaffen werden.

Weitere Informationen:

  • Material zur Beteiligungsplattform CONSUL auf der Seite von Mehr Demokratie e.V.
  • Allgemeine Demo-Seite für CONSUL

hin&weg – Analyse- und Visualisierungstool für städtische und regionale Bewegungsdaten, Francis Harvey, Tim Leibert, Aura Moldovan, Leibniz-Institut für Länderkunde (IfL) 

Das Tool hin&weg ist eine kostenlose Analyse- und Visualisierungssoftware, die vom Leibniz-Institut für Länderkunde (IfL) in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) und dem Geodatendienstleister DELPHI IMM GmbH entwickelt wurde. Es ist ein Werkzeug, das öffentlichen Institutionen sowie anderen Nutzergruppen Raum-Zeit-Analysen zu Bevölkerungsbewegungen unterschiedlichster Art ermöglicht. Während die Analyse innerstädtischer Umzüge der originäre Anwendungsfall der Software war, lassen sich mittlerweile bei entsprechender Datenverfügbarkeit auch Schulwechsel von Schüler:innen, Stadt-Umland-Wanderungen, Pendlerverflechtungen in einer Region, Binnenwanderungen zwischen Bundesländern oder auch nicht-personenbezogene Bewegungsdaten wie interkontinentale Vogelzugrouten aufbereiten.

Abb. 4 – Beispiele von räumlichen Ebenen, für die hin&weg Bewegungsdaten visualisieren kann | © IfL

Nach der interaktiven Vorstellung des Tools anhand von aktuellen Wanderungen junger Familien von und nach Leipzig, wurden Fragen zu hin&weg besprochen. Dabei kamen u.a. folgende Erkenntnisse heraus.

hin&weg kann mit sehr feinteiligen Datensätzen gespeist werden, was kleinräumige Betrachtungen bei der Analyse von Bevölkerungswanderungen zwischen Raumeinheiten ermöglicht. Dabei gilt ein gleichgerichteter Zusammenhang zwischen der Kleinteiligkeit (↑) von Datensätzen und der Lade- bzw. Verarbeitungsdauer (↑).

Die Frage, ob die dargestellte Anwendung nicht obsolet wäre, weil im Grunde diese Form der Datenaufbereitung mit GIS-Systemen realisierbar wäre, wurde verneint. hin&weg bündelt als komfortable All-in-One-Lösung mehrere Komponenten, die für den spezifischen Anwendungsfall notwendig sind, um Bevölkerungsbewegungsdaten visuell aufzubereiten und zu analysieren. Damit erleichtert hin&weg mit Hilfe von niederschwellig realisierbaren Zeitreihenanalysen das Brainstorming und die Hypothesenbildungen in stadt- und regionalplanerischen Entscheidungsprozessen.

In den kommenden Monaten ist eine Fertigstellung der aktuellen Beta-Version ebenso wie die Organisation bzw. Bereitstellung von mehreren Webinaren und Video-Tutorials geplant. Für das Frühjahr 2022 wird eine Abschlusskonferenz für hin&weg in Berlin angepeilt.

Weitere Informationen:

  • Website und eigens für hin&weg eingerichtetes Wiki
  • Forum zum Austausch zwischen Anwender:innen von hin&weg
  • Direkter Kontakt zum IfL als Projektkoordinator

3. Fazit

In dieser dritten Ausgabe haben wir drei Tools der digitalen Stadtplanung und Beteiligung kennengelernt und besprochen, die interessanterweise von drei unterschiedlichen Akteursgruppen entwickelt und vorangetrieben werden. Während Zebralog mit der Dialogzentrale ein Privatunternehmen ist, setzt sich Mehr Demokratie als zivilgesellschaftliche Institution für die Verbreitung von CONSUL ein. Das Tool hin&weg wird aus einem Konsortium von öffentlichen Institutionen federführend vorangetrieben. Dieser Umstand zeigt deutlich, dass die Digitalisierung peu à peu ihren Eingang in stadtplanerische Abläufe und Beteiligungsprozesse findet – akteursübergreifend und immer flächendeckender.

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Beitrag

Dimitri Ravin
Dimitri Ravin befasst sich seit dem Jahr 2017 als Initiator von urban-digital.de mit dem Einfluss der Digitalisierung auf Städte. Parallel ist er mit Beratungs- und Vortragstätigkeiten i. Z. m. Smart City Projekten und Strategien tätig. Davor untersuchte er am Institut für den öffentlichen Sektor (KPMG) die Smart City-Strategien deutscher Großstädte und war als Projektassistenz für digitale Projekte bei der Stadt Dortmund angestellt.

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