Freitag, 17. September 2021
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Digitale Beteiligung mit DIPAS-Digitales Partizipationssystem

Titelbild: Der DIPAS-Touchtable im Einsatz / Quelle: Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen Hamburg

Das in Hamburg entwickelte digitale Partizipationssystem DIPAS steht seit Ende Februar 2021 als quelloffene Software zur Nachnutzung und gemeinsamen Weiterentwicklung zur Verfügung. Der folgende Artikel gibt einen Einblick in die Funktionsweise des Systems, verdeutlicht die Beweggründe hinter der Open-Source-Veröffentlichung und gibt abschließend einen Ausblick zu den Entwicklungsmöglichkeiten der Software sowie dem Potenzial einer DIPAS-Community.

Digitale Bürgerbeteiligung online und vor Ort

DIPAS wurde im Rahmen eines dreijährigen Forschungs- und Entwicklungsprojektes von der Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen (BSW), dem Landesbetrieb Geoinformation und Vermessung (LGV) und dem CityScienceLab (CSL) der HafenCity Universität entwickelt und im Februar 2021 im Rahmen einer Konferenz zum Projektabschluss als Open-Source-Software veröffentlicht. Das System für informelle Bürgerbeteiligungsverfahren wurde schrittweise und mit mehreren Erprobungsschleifen in realen Beteiligungsverfahren zwischen 2017 und 2020 entwickelt und projektbegleitend evaluiert.

Mit DIPAS können Bürgerinnen und Bürger georeferenziertes Feedback zu Planungsvorhaben geben und z. B. digitale Fach-Karten, Luftbilder sowie das 3D-Modell der Stadt aufrufen. Die Anwendung kann nicht nur mit dem eigenen Computer zu Hause, sondern auch von unterwegs mit dem Smartphone oder z. B. vor Ort in Workshops gemeinsam mit Projektverantwortlichen an einem digitalen Datentisch (Touchtable) genutzt werden. Sowohl Online als auch vor Ort werden die digitalen Beiträge der Bürgerinnen und Bürger in einer gemeinsamen Datenbank erfasst und können so von den planenden Dienststellen medienbruchfrei und daher besonders effizient ausgewertet werden. Einsetzbar ist DIPAS überall dort, wo die Stadt mit ihren Bürgerinnen und Bürgern in einen Austausch treten möchte. Dies kann bei städtebaulichen Planungen der Fall sein, ebenso wie bei dem Ausbau von Radwegen oder bei der Entwicklung von Klimaschutzkonzepten. 

DIPAS besteht aus zwei Komponenten: Die erste Komponente ist das DIPAS Online-Beteiligungstool. Diese webbasierte Anwendung ermöglicht es Bürgerinnen und Bürgern, über das Internet Vorschläge, Fragen und Kritik zu Planungen der Stadt abzugeben und Projektinformationen sowie geodatenbasierte Fachkarten aufzurufen. Darüber hinaus kann man mit dem Tool an Umfragen teilnehmen und Planungsentwürfe diskutieren. 

Das zweite Element bildet der DIPAS-Touchtable für Veranstaltungen vor Ort. Durch den Einsatz einer speziell für digitale Datentische entwickelten Kartenanwendung (DIPAS-Table-Instanz) wird das ganze Potenzial städtischer Geodaten, digitaler Modelle und Simulationen nicht mehr nur online, sondern auch vor Ort z. B. in Bürgerveranstaltungen nutzbar. So kann während eines moderierten Gruppengesprächs zwischen Bürgerinnen und Bürgern und den Planungsverantwortlichen mit Hilfe des Datentisches auf die gesamte städtische Geodateninfrastruktur zugegriffen werden. Interaktive Grundkarten, wie z. B. ein farbiger Stadtplan, ein Luftbild oder eine schlichte schwarz-weiße Basiskarte bilden hierfür die Grundlage.

Abb. 1: Das Hamburger 3D-Stadtmodell kann auf dem DIPAS-Touchtable interaktiv entdeckt werden/ Quelle: LGV

Beide Bestandteile von DIPAS werden über eine gemeinsame webbasierte Oberfläche administriert. Über dieses sogenannte DIPAS-Backend können Projektverantwortliche ihr DIPAS-Verfahren eigenständig verwalten und moderieren sowie darüber hinaus die digitalen Beiträge der Bürgerinnen und Bürger auswerten. Für das Backend wurde im Rahmen des initialen Entwicklungsprojektes zudem ein Prototyp zur automatisierten Textanalyse auf Basis von Natural-Language-Processing (NLP) entwickelt. Dieser wird aktuell im Produktivbetrieb getestet und evaluiert.

Abb. 2: DIPAS schlägt eine Brücke zwischen Onlinebeteiligung und digitaler Beteiligung vor Ort. Quelle: CityScienceLab, Joseph Pearson Unsplash

Der Einsatz der NLP-Technologie soll die Projektverantwortlichen langfristig bei der Strukturierung und Verarbeitung der stetig steigenden Anzahl von digitalen Beiträgen unterstützen und wird daher auch bei der zukünftigen Weiterentwicklung von DIPAS eine wichtige Rolle spielen. Bürgerbeteiligung mit einer oder beiden DIPAS-Komponenten bildet in der Regel einen Baustein in komplexen mehrstufigen Beteiligungsverfahren, in denen Präsenzformate und Online-Elemente miteinander verschränkt sind.

Offene Daten für die digitale Stadtplanung

DIPAS ist Open-Source und wurde von einem interdisziplinären Team im Schulterschluss zwischen Verwaltung und Wissenschaft entwickelt. Ein Vorteil der Entwicklung von und für die öffentliche Hand liegt u. a. darin, dass das mit DIPAS anonym verfasste Feedback der Bürgerinnen und Bürger nicht in privatwirtschaftlichen und daher zumeist verschlossenen Datensilos verschwindet, sondern als offene Daten auch nach Verfahrensende öffentlich und transparent zugänglich bleiben können, z. B. in der Hamburger Urban Data Platform.

Eine wichtige Grundlage dafür bildet das vom LGV entwickelte Datenformat „Participatory Data Specification (PDS)“, das die Daten der mit DIPAS durchgeführten Beteiligungsverfahren in eine einheitliche und strukturierte Form überführt. Auf diese Weise kann das im Rahmen der verschiedenen Beteiligungsverfahren erfasste Bürgerwissen für weitere Prozesse der digitalen Stadtplanung fruchtbar gemacht werden.

An diesem Punkt zeigt sich auch das besondere Potenzial einer verwaltungsgetriebenen Anwendungsentwicklung: So wurde z. B. im Rahmen des DIPAS-Projektes unter ämterübergreifenden Beteiligung verschiedener Dienststellen eine Schnittstelle zwischen der informellen digitalen Bürgerbeteiligung mit DIPAS und der formellen digitalen Bauleitplanung mit dem Hamburger Projekt „Digitale Bauleitplanung (DiPlanung)“ konzipiert. Ziel dieser Schnittstelle ist es, den Datenschatz digitaler Bürgerbeiträge mit DIPAS für die digitale Bauleitplanung mit DiPlanung interaktiv nutzbar zu machen.

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Auf diese Weise kann bspw. das Bürgerfeedback aus frühzeitigen Beteiligungsverfahren in den weiteren formellen Planungsprozess hineingetragen werden, was die Verfahrenswirksamkeit der Bürgerbeteiligung insgesamt nachhaltig stärken kann. Wo aktuell noch an vielen Stellen die Herausforderung besteht, einen ämterübergreifenden Informationstransfer zwischen den verschiedenen Prozessschritten der Stadtplanung zu organisieren, kann eine sogenannte “digitale Prozesskette” neue Potenziale für die Stadtentwicklung insgesamt freisetzen. Die wichtigsten Voraussetzungen hierfür sind offene Daten, bedarfsgerechte Anwendungen und passgenaue Schnittstellen. Ein weiterer auf dieser Schnittstelle basierender Anwendungsfall könnte bspw. die Verknüpfung von DIPAS mit der digitalen Sozialraumplanung im Projekt „Cockpit städtische Infrastrukturen“ sein und befindet sich aktuell in der Prüfung.

DIPAS ist Open-Source: Von Hamburg für Hamburg und für alle

Abb. 3: DIPAS Elemente / Quelle: BSW

Mit der Veröffentlichung als Open-Source-Software unter GPL-Lizenz ist DIPAS „Public-Code“ und kann von anderen Städten, Kommunen und Institutionen eingesetzt und kooperativ weiterentwickelt werden. Ein wichtiger Grund, der für eine quelloffene Veröffentlichung der Software sprach, ist die Transparenz. Dadurch dass der DIPAS-Code offen ist, kann die technische Funktionsweise der Anwendung von fachkundigen Dritten unabhängig nachvollzogen und geprüft werden. Die Nutzung einer quelloffenen Software ist zudem ein weiterer Baustein auf dem Weg zu einer offenen und transparenten Verwaltung – sowohl in Hamburg als auch bundesweit.

Neben der Transparenz unterstützt eine Eigenentwicklung auf Basis von Open-Source-Frameworks zudem die digitale Souveränität der Verwaltung insgesamt. Wo lizenzbasierte Verträge mit Anbietern proprietärer Software unter Umständen die Bewegungsfreiheit einschränken, besteht durch Open-Source die Chance, städteübergreifend an innovativen digitalen Lösungen für die Verwaltung zu arbeiten. Diese Lösungen können zudem dann dank des offenen Quellcodes sowohl von großen Metropolen als auch potenziell von kleineren Kommunen eingesetzt werden (Stichwort „DIPAS-Community“).

Abschließend sprach für eine quelloffene Veröffentlichung auch die Tatsache, dass DIPAS bereits auf einem vielfältigen Open-Source-Stack aufbaut. Zu den technischen Open-Source-Bestandteilen von DIPAS gehören neben dem Hamburger „Masterportal“, als geodatenbasierte Kartenanwendung, auch das Content-Management-System „Drupal“, als Administrationsoberfläche/Backend. Darüber hinaus wird aktuell der Einsatz von „LimeSurvey“ als webbasiertes Werkzeug für Bürgerumfragen sowie „Wikimedia“ als interaktives Handbuch für DIPAS-Endanwender erprobt.

DIPAS-Community: digitale Beteiligung gemeinsam voran bringen

Ein weiteres Potenzial der Open-Source-Veröffentlichung von DIPAS besteht darin, dass so die Grundlage für eine kollaborative Weiterentwicklung der Software in einer DIPAS-Community möglich wird. So können bspw. in Hamburg neu entwickelte Funktionen auch in anderen DIPAS nutzenden Kommunen eingesetzt werden, was Redundanzen minimieren und sich auch positiv auf die Wirtschaftlichkeit auswirken kann. Wenngleich sich der Aufbau der Community noch ganz am Anfang befindet, wurden im Rahmen des initialen DIPAS-Entwicklungsprojektes bereits wichtige Grundlagen für mögliche zukünftige Kooperationen geschaffen.

Abb. 4: Die Informationsplattform dipas.org / Quelle: BSW

Ein wichtiger Baustein hierfür ist die initial aufgesetzte Informationsplattform www.dipas.org. Dieser Plattform kommt vor dem Hintergrund des Community-Gedankens eine hohe Bedeutung zu, da neben der reinen Bereitstellung des Codes vor allem der Wissenstransfer eine maßgebliche Rolle für die Nachnutzung spielt. Im Falle von DIPAS ist gerade die Vermittlung von Wissen so wichtig, da nicht nur die technische Funktionsweise des Systems erläutert werden muss, sondern auch die neuartige Methodik, die mit dem Einsatz von DIPAS und der kombinierten Online- und / Vor-Ort-Komponente einhergeht.

Vor diesem Hintergrund wurde für die Plattform u. a. ein interaktives Handbuch für Endanwenderinnen und Endanwender (DIPAS-Wiki) aufgesetzt. Das Wiki beinhaltet sowohl Informationen zur Methodik als auch zur praktischen Nutzung der beiden DIPAS-Komponenten sowie des Backends. Auf diese Weise können auf der einen Seite die Dienststellen in Hamburg, die bereits Beteiligungsverfahren mit DIPAS durchführen und auf der anderen auch potentielle Nachnutzerinnen und Nachnutzer mit praxisrelevanten Informationen zum Einsatz von DIPAS versorgt werden.

Neben Informationen für Endanwenderinnen und -anwender galt es vor dem Hintergrund der Nachnutzung auch die technische Seite des Systems nachvollziehbar zu machen, z. B. für externe Entwicklerinnen und Entwickler. Daher wurde u. a. im Code-Verzeichnis (Repository) besonders auf die Dokumentation der Software (z. B. mit JsDoc) geachtet und ein DIPAS-Installationsvideo auf der Plattform verlinkt, das die Systemvoraussetzungen und die ersten Schritte der Einrichtung erläutert.

Sowohl das DIPAS-Wiki,das Code-Repository als auch die Informationsplattform insgesamt werden als „lebende“ Ressourcen begriffen, die sich im Zuge der weiteren Entwicklung und den über die Zeit gemachten Erfahrungen stetig verändern und verbessern werden.

Ausblick

Ab 2021 startet in Hamburg der Produktivbetrieb von DIPAS. Im Rahmen einer zweijährigen Einführungsphase werden die verfahrensverantwortlichen Dienststellen weiter an das System herangeführt und bei der Nutzung des Tools unterstützt.
Erste Erfahrungen im Bereich einer gemeinschaftlichen Nutzung von DIPAS werden im Rahmen des in 2021 startenden Projektes „Connected Urban Twins – Urbane Datenplattformen und Digitale Zwillinge für integrierte Stadtentwicklung“ (CUT) gemeinsam mit den Partnerstädten Leipzig und München gemacht. In diesem Projektrahmen soll DIPAS in den Partnerstädten pilotiert werden und wichtige Erkenntnisse und Erfahrungen zur weiteren Entwicklung der Software und der Nachnutzungs-Community liefern. Parallel wird die Entwicklung des Systems weiter vorangetrieben. Neben der Prüfung weiterer Anwendungsfälle wird z. B. die Umsetzung eines Partizipations-Cockpits für Bürgerinnen und Bürger geprüft. Dieses Cockpit könnte u. a. Informationen zu digitalen Bürgerbeteiligungsverfahren verfahrensübergreifend bündeln und diese interaktiv und übersichtlich für die Öffentlichkeit zugänglich machen. 

Über den Autor

Mateusz Lendzinski ist als DIPAS Product Owner in der Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen im Amt für Landesplanung und Stadtentwicklung, u.a. für die Stabstelle ‚Stadtwerkstatt und Partizipationsverfahren‘ tätig.

Melden Sie sich gerne bei uns unter info@urban-digital.de, falls Sie eine fachliche Vernetzung mit dem Autor wünschen oder mehr über die Umsetzung von DIPAS erfahren möchten.

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Mateusz Lendzinski
Mateusz Lendzinski ist als DIPAS Product Owner in der Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen im Amt für Landesplanung und Stadtentwicklung, u.a. für die Stabstelle ‘Stadtwerkstatt und Partizipationsverfahren‘ tätig.

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