Andera Gadeib über die digitale Stadt

Andera Gadeib ist Digital-Unternehmerin mit Herzblut. Die Wirtschaftsinformatikerin gilt als etablierte Expertin zu Fragen der Digitalisierung – nicht zuletzt, weil sie als Vorreiterin eine Internet-Karriere einlegte, als sie 1995 einen der ersten kommerziellen Webserver in Deutschland aufbaute. Als Serial Entrepreneurin ist sie u.a. Gründerin und CEO der Dialego AG, einem in Aachen ansässigen und international tätigen Marktforschungsunternehmen mit Fokus auf Innovationen, Marken und Digitalisierung. Für ihre Pionierarbeit im digitalen Unternehmertum in Deutschland wurde sie bereits mehrfach ausgezeichnet und berät als berufenes Mitglied in verschiedenen Beiräten die nordrhein-westfälische Landes- sowie die Bundesregierung. Sie engagiert sich auf vielfältigste Weise für die Gestaltung einer menschenorientierten digitalen Zukunft, für Young IT und für mehr Frauen in der unternehmerischen Welt. Im nachfolgenden Interview spricht sie über ihre Sicht auf die digitale Stadtentwicklung.

  1. Digitalisierung
  2. Stadt
  3. Lernen von der IT-Kultur
  4. Digitale Stadtwirtschaft
  5. Smart City
  6. Digitale Innovationen in der Stadtentwicklung

 

Frau Gadeib, beginnen wir mit einer einfachen Frage, wenn sie denn wirklich so einfach ist: Was bedeutet für Sie Digitalisierung?

Das ist eine super Frage. Spontan kommt mir „Neuland“ in den Kopf. Digitalisierung hat einen riesengroßen Deutungsraum. Ich empfinde die Digitalisierung als eine der spannendsten Reisen der Menschheit und das gilt insbesondere für unsere Generation, die digitale Entwicklungen aktiv mitgestalten kann. Gleichzeitig ist die Digitalisierung für weite Teile der Bevölkerung ein Angstmacher und da liegt meiner Meinung nach unsere größte Herausforderung: Wir müssen alle Menschen ins Digitalzeitalter mitnehmen. Ich sehe gerade durch die Digitalisierung eine enorme Möglichkeit, Menschen viel umfassender in gesellschaftliche Entwicklungen einzubeziehen.

 

Analog dazu interessiert uns natürlich: Was bedeutet für Sie Stadt?

Spontan kommt mir „Heimat“ in den Kopf, weil ich mich als Stadtmensch einschätze und nicht unbedingt als Landmensch. Stadt bedeutet für mich ein Treffpunkt für Menschen, ein Zentrum mit gewisser Lebendigkeit, was aber nicht unbedingt mit der Größe einer Stadt zusammenhängen muss. Für mich ist es zum Beispiel Aachen, was ja eine mittelgroße Stadt und keine riesige Metropole wie New York ist. Stadt ist für mich vielmehr ein Stadtgefühl, das durch Lebendigkeit, Vielfalt und Dynamik entsteht. Die Vielfalt kann sich ganz unterschiedlich äußern, z.B. in kulturellen Angeboten oder unterschiedlichen Angeboten der Infrastruktur. Dynamik empfinde ich für eine Stadt auch als sehr wichtig, weil inzwischen Lebenswelten sich in einem schnelleren Takt wandeln, als Städte sich entwickeln. Da müssen Städte die sich ändernden Bedürfnisse ihrer Bevölkerung besser verstehen und darauf eingehen. Eine Stadt sollte in meinen Augen auch einen eigenen Charakter, man könnte sagen, eine eigene Marke haben, die für etwas steht.

 

Was könnte die Stadtverwaltung als treibender Akteur der Stadtentwicklung, von der IT-Kultur lernen?

Die Stadtverwaltung sollte sich beweglicher aufstellen. Es muss ja nicht gleich idealtypisches Scrum der agilen Projektentwicklung sein, aber in diese Richtung müsste es gehen. Den Arbeitsablauf in kleinere Päckchen gliedern und viele verantwortliche Teams bestimmen, um die starre Hierarchie in der Verwaltung aufzulockern. Damit dieser Freiraum genutzt wird, muss natürlich unter allen Verwaltungsmitarbeiter/innen ein Gestaltungswille kultiviert werden, ganz nach dem Motto „machen wollen und machen dürfen“.

Soweit es die Verantwortlichen einer Stadtverwaltung können, empfehle ich auch, den Dokumentationsaufwand zu reduzieren. Auf die Frage, was dokumentiert werden muss, lautet die Antwort: so viel wie nötig und nicht so viel wie möglich. Das würde den Mitarbeiter/innen wieder Luft zum Atmen geben, sodass sie nicht den ganzen Tag Formulare ausfüllen, sondern auch Zeit fürs ideenreiche Ausprobieren haben. Frischer Wind würde auch in personeller Hinsicht sinnvoll sein. In Unternehmen wurde ja bereits nachgewiesen, dass die Innovationskraft mit zunehmender Diversität unter den Mitarbeiter/innen steigt. Unterschiedliche berufliche, kulturelle oder soziale Hintergründe bereichern den Arbeitsalltag mit neuen Blickrichtungen auf die Sache.

Diese Startup-Denklogik, die wir versuchen in Unternehmen hineinzubringen, die müssten wir eigentlich genauso versuchen in Stadtverwaltungen hineinzubringen. Das hängt an einzelnen Köpfen, die eine Perspektive für ihre Stadt haben. Wir brauchen in der Stadtverwaltung mehr Persönlichkeiten, die die Zukunft innovativ gestalten wollen und auch dürfen.

Andera Gadeib‘s Digitalunternehmen
Dialego AG – Informierte Entscheidungen treffen

Wir ermöglichen kundenzentrierte Innovationsprozesse weltweit. 1999 inmitten der New Economy als Pionier in der internetbasierten Marktforschung gegründet, ist Dialego heute mit seinen mehr als 15 Jahren Online-Kompetenz eines der innovativsten Institute in Europa. Dialegos Fokus liegt auf der Innovations- und Kommunikationsentwicklung in mehr als 50 Ländern weltweit. Dialego-Tools und Methoden vereinen erstmals qualitative und quantitative Verfahren und sichern damit die Wertschätzung der einzelnen Konsumentenstimme. Die innovativen Co-Creation Technologien ermöglichen eine intensivere Interaktion zwischen Marketing, Kreation und dem Konsumenten.

SmartMunk GmbH bietet Online-Software für Künstliche Intelligenz, Co-Creation und Textmining und eine optimierte Kundenbeziehung. Wir sind auf intelligente SaaS-Lösungen für Co-Creation- und Textanalyse spezialisiert. SmartMunk-Software unterstützt Marketing, Vertrieb und Produktentwicklung in Unternehmen. Umfangreiche Textdaten, bspw. aus Kundenfeedbacks, werden semantisch verdichtet und in prägnanten visuellen Analysen nachvollziehbar auf einen Blick dargestellt. Die Tools werden von namhaften Firmen wie Ritter Sport, Lindt, Merz, Unilever, Gruner+Jahr, A1 Telekom, Infas Institut und IP Deutschland genutzt.

Let’s Balance – Online-Tierheilpraxis

Gesundes Tier. Glücklicher Mensch. Lets-Balance.de ist ein tierliebendes Team aus Programmierern, Profis der Energiemedizin und Tierheilpraktikern. Wir behandeln Haus- und Nutztiere mit Hilfe moderner Messung des Energiehaushalts und für jedes Tierindividueller geprägte Energiemedizin.

 

Die Digitalisierung transformiert die Stadtwirtschaft und die Auswirkungen sind insbesondere im stationären Handel bereits zu spüren. Wie kann die Digitalisierung keine Ängste auslösen, wenn doch eine umfangreiche Wegrationalisierung von Arbeitsplätzen absehbar ist? Was halten Sie von der oftmals verkündeten Begütigung, dass durch die Digitaliserung, ebenso wie bei der Industrialisierung und Transformation zur Dienstleistungsgesellschaft, genügend neue Arbeitsplätze entstehen werden?

Mir scheint diese Haltung, in der Vergangenheit sei immer alles gut gegangen und deswegen wird es auch jetzt klappen, als zu einfach. Das klingt so, als hätte man keine echten Lösungen. Das Problem existiert ganz offenbar und ich glaube auch nicht, dass es einfache oder fertige Lösungen dafür gibt.

Speziell für den stationären und digitalen Handel erkennen wir durch unsere Arbeit im Forschungsprojekt dazu, wie komplex die Situation ist. Einerseits wollen die Verbraucher/innen gerne eine lebendige Innenstadt mit vielen Einkaufsmöglichkeiten. Aber allein daraus erwächst keine Verantwortung, denn auf der anderen Seite shoppen sie natürlich auch online und bedingen damit den Umsatzschwund für den stationären Handel. Vielerorts wird dann versucht, die Kundschaft mit dem schlechten Gewissen zu fangen und die Botschaft „Kauf lokal!“ ausgerufen. Das ist sicherlich wichtig, aber das darf nicht alles sein. Das Bewusstsein zu schaffen ist das eine, aber der Mensch ist nicht so rational. Wir leben in einer Zeit, wo Menschen einen sehr verdichteten Alltag erleben und in der ein „pain reliever“ etwas ist, wenn ich vom Sofa aus bestellen kann und nicht losrennen muss. Das ist unsere Lebensrealität, für die wir uns auch nicht schlecht fühlen sollten.

Für dieses Dilemma gibt es keine einfache Lösung. Fakt ist, dass der Einzelhandel nicht so bleibt wie er heute ist. Genauso wie durch die Industrialisierung die Pferdekutschen nicht mehr auf unseren Straßen verkehren. Das heißt in Zukunft werden wir eine andere Art des Handels erleben. Diesen zu gestalten, ist eine Aufgabe von allen: der Stadtverwaltung, derjenigen, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen und der Verbraucher/innen mit ihren Bedürfnissen. Als größte Herausforderung empfinde ich dabei ein Ergebnis zu schaffen, bei dem nicht nur die großen Handelsunternehmen überleben werden, denn dann sieht am Ende jede Stadt gleich aus. Das wäre dann keine lebendige Innenstadt mehr, sondern eine sehr homogene Struktur. Für eine lebenswerte Stadt braucht es aber ein Zusammenspiel von ganz vielem und vor allem auch einen individuellen Charakter, denn Einkaufen ist mehr als reine Warenbeschaffung und hat viel mit Erleben zu tun.

Forschungsprojekt smartmarketsquare
„Interaktive Einkaufserlebnisse in Innenstädten durch digitale Dienstleistungen: Das Verbundprojekt smartmarket² nutzt die Innovationspotentiale der Digitalisierung, um neuartige Mehrwertdienste und Applikationen zur Stärkung des innerstädtischen Handels zu entwickeln. Es trägt somit nachhaltig dazu bei, dass Charakter und Profil des städtischen Lebens, welches maßgeblich durch den Handel geprägt wird, erhalten und sogar aufgewertet werden kann.“

 

Werfen wir noch einen Blick auf die Smart City: Muss in unseren Städten alles mit allem vernetzt sein oder unterbleibt da nicht zum Teil die Reflexion, wie sehr uns dies als Stadtgesellschaft nützt? Wie wichtig ist für Sie die Balance zwischen Ethik und Technikgläubigkeit?

Ethik ist ein total wichtiges Thema für mich, insbesondere in Verbindung mit künstlicher Intelligenz, weil wir bei Dialego auch in Richtung künstliche Intelligenz entwickeln. Wir müssen uns in der Gesellschaft darüber unterhalten, wie wir mit Daten umgehen. Wir müssen nicht alles umsetzen, was geht, nur weil es geht. Jeder Sensor, den man machen kann, damit der Sensor nur existiert, ist erst einmal Datenmüll. Auch wenn Sensoren und Datenspeicherung mittlerweile fast nichts mehr kosten, ist bei KI und Datenanalyse generell, der wichtigste Schritt zu schauen: Was habe ich für Daten und welche dieser Daten bringen im späteren Verlauf welchen Nutzen? An dieser Stelle fällt normalerweise schon sehr viel weg.

Die größte Gefahr, die ich sehe, sind digitale Technologien als Selbstzweck. In 90% der Fälle passiert aber genau das: Digitaltechnologie wird umgesetzt, weil es technologisch möglich ist. Uns muss sehr viel bewusster werden, dass Digitalisierung von den Bedürfnissen ihrer Empfänger ausgehen muss. Wir dürfen also nicht umgekehrt, das heißt vom Sender bzw. der Technologiemöglichkeit heraus denken. Das muss die Wissenschaft im großen Maße lernen, weil sie viel Technologie nur der Technologie willen entwickelt. Das ist sicherlich wichtig, aber spätestens in der Anwendung müssen wir den Menschen mitnehmen und dann eröffnen sich ganz viele Potenziale durch die Digitalisierung.

Im spanischen Santander ist genau dieses Thema neulich wieder aufgekommen. Die Stadt ist infrastrukturell gesehen eine der fortschrittlichsten Smart Cities weltweit. Nach dem ersten Hype haben die Verantwortlichen jedoch die fehlende Beachtung dieser neuen Technologien durch ihre Stadtbevölkerung festgestellt. Es hieß dann, die Bürger/innen könnten nicht mit der Technologie umgehen, aber genau darin liegt die falsche Haltung. Nicht die Bürger/innen müssen sich an die Technologie anpassen, sondern die Technologie muss sich überlegen, wie Sie ihren Bürger/innen einen Nutzen bringen kann. Ich denke, diesen Gedanken brauchen wir viel mehr in der aktuellen Zeit, weil so tatsächlich viel mehr Veränderungen und Dialog mit den Bürger/innen stattfinden kann, um eine lebendige Stadt zu entwickeln. Aus meiner Erfahrung ist es allerdings eine große Herausforderung, diese eher trägen Prozesse einer Verwaltung den Notwendigkeiten der Realität gerecht werden zu lassen. Dazu müsste die Stadtverwaltung ein paar „Schnellboote“ starten und dafür gibt es auch genügend gelungene Beispiele.

 

Existiert Ihrer Meinung nach ein Widerspruch zwischen den langen Zeithorizonten der Regelungen in der Stadtentwicklung (z.B. Flächenausweisungen für Jahrzehnte) und den rasanten Innovationszyklen in der Digitalisierung (die durchaus die Stadtentwicklung beeinflussen können)?

Ja, das ist durchaus ein Spannungsfeld, denn manche Regelungen passen unter Umständen gar nicht mehr zu der Zeit, in der sie gelten. Ich wüsste auf Anhieb gar nicht, ob es dafür Lösungsansätze gibt. Das auszugestalten, wird sicherlich ein spannendes Feld.

Allgemein gesagt müsste dazu, wie gesagt, eine Stadtverwaltung beweglich sein und die Haltung „einfach mal machen“ annehmen. Genauso entstehen innovative Projekte wie das Shopping Lab Aachen, wo die Auswirkungen und Chancen der Digitalisierung für die Stadtentwicklung, in dem Fall für den stationären Handel, ausprobiert und entdeckt werden.

Shopping Lab Aachen
Das Shopping Lab ist ein temporäres Innovationslab in der Aachener Innenstadt. Bis zur anstehenden Umnutzung des alten Kaufhauses, finden sich die Verbraucher/innen, die Wissenschaft, die Händler, Technologieunternehmen und die Wirtschaftsförderung zusammen, um das vielfach geglaubte ODER zwischen stationärem sowie digitalem Handel in ein UND umzuwandeln.

 

Welche Eigenschaften sollten Ihrer Meinung nach, digitale Innovationen in der Stadtentwicklung aufweisen?

Aus einer Metaanalyse unserer Innovationsprojekte wissen wir, was eine Innovation erfolgreich macht. Ich denke, diese drei Punkte lassen sich auf digitale Innovationen in der Stadtentwicklung übertragen. Zum einen muss immer der relevante Nutzen, also ein Mehrwert für den Adressaten erzielt werden. Zum Beispiel sollte eine Stadtverwaltung nicht überall im Stadtraum digitale Infostellen aufstellen, wenn die vermittelten Informationen die Stadtöffentlichkeit gar nicht interessieren. Dagegen wäre es viel sinnvoller, beispielsweise den „Bürger als Sensor“ zu etablieren. Wenn Bürger/innen in ihrem städtischen Lebensalltag eine Unstimmigkeit auffällt, können sie die Stadtverwaltung darüber informieren. Um diese Information zu verarbeiten, fehlen momentan die Strukturen. In den nächsten Monaten und Jahren müssten Städte solche intelligenten Ansätze von Bürgerfeedback als echte Partizipation ermöglichen, weil das die Lebensqualität verbessert.

Wichtig ist auch, dass der relevante Nutzen oftmals nicht funktional bzw. rational ist – es kann durchaus ein sehr emotionaler Nutzen sein. Ich war neulich erstaunt, in Düsseldorf eine Fahrradzähler-Säule zu sehen. Das habe ich zuletzt im Silicon Valley gesehen. Die Säule misst rational wie viele Radfahrer vorbeifahren, aber sie hat auch eine klare emotionale Komponente an die vorbei fahrenden Fahrradfahrer/innen: „Super! Du tust gerade etwas für die Umwelt und für deine Gesundheit, du bist jetzt hier durchgefahren, +1 bedeutet du zählst mit.“

Als Zweites sollte die neue Innovation zur Marke, das heißt im städtischen Kontext, zur Geschichte und zum individuellen Charakter der Stadt passen. Es bringt nichts, mit Innovationen plötzlich irgendetwas zu machen, womit sich die Menschen nicht identifizieren können. Die Innovation und ihre Vermittlung an die Öffentlichkeit muss authentisch wirken.

Als Drittes muss die Innovation in die Zeit passen. Ich habe ja schon zuvor erwähnt, dass sich die Erwartungen der Menschen an ihr städtisches Lebensumfeld mittlerweile deutlich wandeln und darauf muss die Stadtentwicklung eingehen. Eine Stadt sollte ein Stück weit, wie Unternehmen es schon machen, in dieses Agile einsteigen, also sich mehr auf zeitgemäße Strömungen und Veränderungen einlassen und die Zukunft der Stadt und ihrer Stadtgesellschaft aktiv gestalten.

 

Frau Gadeib, vielen Dank für das Interview. Zum Abschluss beenden Sie bitte folgenden Satz: Die Digitale Stadt von morgen soll…

… ihren Bürger/innen einen relevanten Nutzen bieten.

 

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