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Stadtentwicklung im Digitalen Zeitalter

Vielfach erklingen Prognosen, dass der reale Stadtraum in seiner Bedeutung zusehends verkümmert, da wir immer mehr in digitale Welten abdriften. Hanno Rauterberg beschreibt den Status städtischen Raums im Zeitalter des Digitalen und erläutert, weshalb in Zeiten der flüchtigen digitalen Inhalte, der physische Stadtraum, die erlebbare Körperlichkeit geradezu an Wichtigkeit gewinnt.

1. Renaissance des öffentlichen Raums

In stadttheoretischen Fachkreisen galt der öffentliche Raum durch Privatisierung in seiner Bedeutung als abgeschwächt. Entgegen der Erwartungen, dass diese Entwicklungstendenzen sich in der Digitalmoderne verstärken würden, gewinnt der öffentliche Raum wieder an Bedeutung. In Zeiten der gesellschaftlichen Individualisierung, Flexibilität und Globalisierung formiert sich ein Verlangen nach Urbanität und ein Gestaltungswillen innerhalb des eigenen überschaubaren Raumes (Nachbarschaft). (S. 7-16)

Der öffentlichen Raum wird als gesellschaftlicher Raum gedeutet und für die Organisation von Aktivitäten werden soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter genutzt. Paradoxerweise verhelfen eben diese digitalen Technologien zur Belebung des öffentlichen Raums, wo ihnen doch eigentlich das Ersetzen der Wahrnehmung der realen Umwelt vorgeworfen wird. Beispielhafte Bewegungen sind Flashmobs, das bedeutet kurze spontante Interventionen des Geschehens im urbanen Alltag, organisiert von Teilnehmer*innen über Onlineaufrufe.

Weitere Beispiele sind (ebd.):

  • Adbusting, Verfremdung von Werbung im öffentlichen Raum
  • Chair Bombing – öffentlichen Raum mit Möbel ausstatten
  • Transition Town – weltweite Umwelt- und Nachhaltigkeitsinitiativen, die den Übergang in eine postfossile, relokalisierte Wirtschaft lokal ausleben
  • Outdoor Clubbing, Feiern im Freien, beispielhaft Örtlichkeiten in Berlin
  • Parkour, sportliche Aktivität zur Fortbewegung imt Stadtraum
  • Ludocity, Sammlung von Spielen im urbanen Raum, Urban Gaming – öffentlicher Raum wird durch Spielverlauf neu entdeckt, man bewegt man sich anders durch ihn (S. 87)
  • Projekt Yellow Arrow, während dieser Initiative in den 2000er wurden in Großstädten weltweit gelbe Pfeile mit zusätzlichen Informationen über den spezifischen Ort verteilt
  • Dîner en blanc, Massenpicknick von weiß gekleideten Menschen im Stadtraum
Diner en blanc Paris, Place des Vosges (Juni 2012), von Luc Legay from Paris, France – White Diner Paris – Diner en blanc 2012, CC BY-SA 2.0,

2. Digitalmoderne vs. Moderne

Klassische ModerneDigitalmoderne
Streben nach Neuanfang, historisch erwachsene Strukturen entfernen, um Herr über das Chaos zu werden

Stattdessen neue, „erlösende“ städtebauliche Strukturen aufbauen („Tabula Rasa“)
kein finaler Zustand definierbar, sondern stets im Fluss, Optimierung möglich – daher auch Planung Bestand (z.B. Tactical Urbanism bzw. LQC-Urbanismus (lighter, quicker, cheaper))

Netz als zentrale Metapher der Digitalisierung, das beliebig erweiterbar ist und dessen Elemente stets neu verknüpfbar sind
(S. 20, 25)

Die Stadt, urbane Quartiere sind ein Ort der Möglichkeiten für den Austausch mit Gleichgesinnten und das Ausleben kreativen Potenzials. Urbane Quartiere bieten daher durch ihre Vielfalt den Raum, Individualisierung auszuleben. (S.28)

In der Digitalmoderne verschwimmt zunhemend die Grenze des privaten und des öffentlichen Raums. Der öffentliche Raum wird privatisiert – einerseits durch wirtschaftliche Akteure (Shoppingzentren, Werbung) und andererseits durch Menschen, die ihr privates Leben zunehmend in den öffentlichen Raum hinaustragen (durch neue Technik Videogespräche im öffentlichen Raum, häufiges Teilen von Bildern ermöglicht). (S. 45-47)

Das Smartphone formiert als Alltagsgegenstand unsere Erwartungshaltung, dass alles überall abrufbar und verfügbar ist – das Gefühl der räumlichen Distanz schwindet zunehmend. Entwicklung muss keine reale Raumüberwindung bedeuten, sondern findet nun oftmals in digitalen Welten statt. Vor der Digitalmoderne waren die Entwicklungsrichtungen von räumlicher Ausweitung geprägt – das eigene Automobil und die Schnellbahn ermöglichte das Pendeln und der Fahrstuhl ermöglichte das Wachstum von Gebäuden in die Höhe. Beides schuf neue Arbeits- und Lebenswelten: sehr dichte vertikale Mischung von Nutzungen innerhalb eines mehrstöckigen Gebäudes und vorstädtische Siedlungsstrukturen mit Pendlerströmen in die Innenstädte. (S. 50-52)

Die Cloud bzw. Wolke als eine zentrale Metapher des digitalen Zeitalters kann im übertragenen Sinne auch die digitale Gesellschaft in ihrer Beweglichkeit und Uneindeutigkeit charakterisieren. (S. 51)

Mit der zunehmenden Digitalisierung unseres Arbteis- und Freizeitaktivitäten, steigt bei Menschen das Bedürfnis nach realen Erfahrungen wie der Atmosphäre eines Platzes, Körperlichkeit, Sport, zufälligen Begegnungen (der Filterblase entkommen). Diese realen Erfahrungen passieren oftmals im öffentlichen Raum. (S. 60-62)

Trotz der schier unbegrenzten Möglichkeiten, sich in der digitalen Welt ausdrücken zu können, bildet die Stadt einen Resonanzraum (StreetArt, Urban Gardening):

„Die Stadt aber ist als Austragungsort des gestaltungswilligen Ichs besonders verlockend, sie bietet Reibung, Erdung, eine Realität für oftmals irreale Einfälle.[…] Denn das Grundgefühl, das ihnen von digitalen Medien vermittelt wird, ist eher ein Gleiten, widerstandslos, fast ohne Berührung“ (S. 72)

Die Vernetzung durch soziale Netzwerke schafft neue Beziehungsformen zwischen Menschen: man kann sich zweckgebunden bspw. zum Wandern verabreden, aber es besteht kein Anspruch auf Verbindlichkeit (insbesondere über Facebook, Meetup). (S. 78)

Auch das Pop-up Fenster, was im Computer plötzlich auftaucht und danach wieder verschwindet, ist eine Metapher der Digitalmoderne. Initiiert durch Aufrufe in sozialen Medien ploppen Pop-up-Märkte, -Straßenmöbel, -Gärten u.v.m auf, überlagern den bestehenden Stadtraum und verschwinden wieder genauso schnell wieder. Steigende Aufmerksamkeit für urbane Themen im Internet und die Belebung des Stadtraums sind zwei Größen, die sich gegenseitig hochschaukeln können. (S. 100-108)

  • Softwalks in NYC, Herstellung spontaner Sitzgelegenheiten bspw. auf Gerüsten in New York City
  • Parking Day, weltweit wird am 3. Freitag im September ein Parkplatz in einen temporären öffentlichen Park verwandelt
  • Rooftop Day
  • A Better Block, Organisation für “urban prototyping”, die zur Gestaltung des eigenen unmittelbaren Lebensumfelds aufruft, dazu inspirierender Videovortrag:

3. Gemeinschaftsdenken findet Stadt

Die Nutzung digitaler Technologien belebt den Gemeinschaftsgedanken durch Konzepte wie Open-Source, Crowdsourcing, Open Data, und wirkt sich wiederrum auf die eigenen Lebens- und Arbeitsformen aus. Die Stadt stellt als Ballungsraum den richtigen Lebensraum dar, um Gemeinschaftsgüter wirtschaftlich nutzen zu können, denn in ihr kommt genügend Nachfrage für Carsharing, Werkzeugverleih-Läden, Leifahrräder, Hightech-Werkstätten,… auf. (S.109-111)

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Diese Plattform informiert über Themen, Akteure, Events und Experten rundum die digitale Stadt. Unsere Vision ist es, die Triebkraft der Digitalisierung in die Bahnen einer erstrebenswerten Stadtentwicklung zu lenken.

Dazu forcieren wir den inhaltlichen Austausch über die digitale Stadt zwischen Akteuren aus Forschung, Wirtschaft, öffentlicher Verwaltung und Zivilgesellschaft.

Beitrag

Dimitri Ravin
Dimitri Ravin
Studium der Raumplanung an der TU Dortmund, verfasst derzeit seine Abschlussarbeit über kommunale Digitalstrategien, zuvor Werkstudent bei der Stadt Dortmund (Projektassistenz Digitale Woche Dortmund), seit 2017 Herausgeber von urban-digital.de

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