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Lernen von der Smart City Ahaus

Während einer Tagesexkursion im Oktober 2020 habe ich dank einer Einladung von Dr. André Wolf, Leiter der Stabstelle Smart City Münster, Einblicke in die Smart City-Partnerschaft der Städte Münster und Ahaus erhalten. Die Mitarbeiter*innen der Münsteraner Stadtverwaltung wurden von der Ahauser Stadtverwaltung/-spitze und dem IT-Unternehmen Tobit.Software empfangen und durch die Stadt geführt. Das westfälische Ahaus zählt knapp 40.000 Einwohner*innen und liegt an der niederländischen Grenze in der Nähe von Enschede.

Meines Erachtens ist die Stadt in puncto Smart City-Entwicklung in der Fachwelt medial stark unterrepräsentiert. Während der Exkursion hat mich dieser Umstand verstärkt beschäftigt, denn hinsichtlich digitaler Stadtentwicklung stellt die Stadt ein spannendes Reallabor dar, mit dessen Hilfe ich persönlich fünf Themenbereiche vertiefen konnte.

1. Organisatorische Learnings von der Verwaltung

Zwei organisatorische Punkte, die meines Erachtens mittlerweile zum Konsens digitaler Stadtentwicklung gehören, ließen sich für mich auch in Ahaus beobachten. Zum einen liegen in der Ahauser Stadtverwaltung die Verantwortlichkeiten für die Digitalisierung im Verwaltungsvorstand, denn dieser umfassende Transformationsprozess erfährt an Aufwind, wenn die Stadtspitze ihn aktiv beabsichtigt. Zum anderen hat sich im Zuge des Digitalisierungsprozesses auch in Ahaus die Erkenntnis herausgebildet, dass die Zusammenführung der Datenbestände von einzelnen Verwaltungsabteilungen essenziell ist. Erst wenn die Datensilos der einzelnen Fachabteilungen aufgebrochen werden, lassen sich Synergieeffekte für das urbane Datenmanagement und die gestaltende Stadtentwicklung generieren.

Darüber hinaus illustriert Ahaus hervorragend, dass die Chancen kleinerer Kommunen für erfolgreiche Smart City-Entwicklungen in ihrer Überschaubarkeit liegen. Diese ermöglicht letztlich eine einfachere Vernetzung und Einbindung aller Akteure, um Smart City-Projekte umsetzen zu können.

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2. Lokalen Handel und Gastronomie stärken

Für die Digitalisierung des Einzelhandels wählen viele Städte den Weg, ihr lokales Kaufangebot vollständig zu digitalisieren und gebündelt auf einer lokalen Shoppingplattform bspw. unter Zuhilfenahme von Dienstleistern wie Atalanda, bereitzustellen. Die Ganzheitlichkeit der Plattform erfordert dabei ein fortlaufendes und zeitaufwändiges Einpflegemanagement seitens der lokalen Anbieter.

Ahaus ist diesbezüglich einen anderen Weg gegangen, das bedeutet man hat sich bewusst gegen einen umfassenden lokalen Onlinemarktplatz entschieden und ermutigt stattdessen seine Ladenbetreiber*innen bzw. Gastronom*innen dazu, lediglich ihre Sonderangebote bzw. Mittagstische online zu stellen. Die Ahaus-Webapp speist sich automatisch aus den Social Media-Posts der Wirtschaftssubjekte: wenn sie bei Facebook ein Highlight veröffentlichen, erscheint dieses automatisch auf im Feed der stadtweiten Ahaus-App. Dadurch minimiert sich der Aufwand, die Ansprache ist jedoch viel gezielter.

3. IT-Unternehmen als kooperativer Stadtentwickler

Die Ahauser digitale Stadtentwicklung verdeutlicht eindrucksvoll, wie die Interessen der öffentlichen Hand mit denen von Wirtschaftsakteuren interagieren können. Das im Jahr 1987 gegründete IT-Unternehmen Tobit.Software identifiziert sich mit seinem Standort und hat im Laufe der letzten Jahrzehnte aktiv an der Ahauser Stadtentwicklung mitgewirkt. Das mittelständische IT-Unternehmen beschäftigt über 200 Mitarbeiter*innen und hält Ausschau nach jungen Fachkräften. Damit diese in Ahaus bleiben, muss für sie das Zusammenspiel von Handel, Gastronomie und Entertainment stimmen. Aufbauend auf dieser Erkenntnis hat das Unternehmen bereits mehrere Freizeitangebote übernommen, die ohne digitaler Tools nicht existieren würden bzw. an Bequemlichkeit verloren hätten.

Die Stadtverwaltung profitiert mit Tobit.Software von einem kompetenten Partner, der viele IT-Projekte selbständig und teilweise kostenfrei umsetzt, so dass die budget-bedingte Politisierung von Smart City-Vorhaben umgangen werden kann. Für Tobit.Software bedeutet die offene Haltung der Ahauser Stadtverwaltung, dass das Unternehmen die Stadt als eine Art Reallabor nutzen kann, um seine Smart City-Projekte ausprobieren und entwickeln zu können.

Digitale BestellungSmartes HotelDigitaler Verleih
Informationen und Bild: Tobit.Software
Digitale Gastronomiekonzepte ermöglichen die Realisierung eines „Self Order and Pay“ Systems, so dass Gäste per Handy bestellen und gleichzeitig bezahlen, während sich die Wirte vollständig auf die Gastfreundschaft fokussieren können.
Informationen und Bild: smartel®
Dass ein Hotelgewerbe über Familienge-nerationen hinweg betrieben wurde, aber in der heutigen Zeit der Bruch geschieht, weil die aktuelle Generation wegzieht, ist keine Seltenheit. So stand auch ein Ahauser Hotelgebäude leer bis Tobit.Software daraus ein smartes Hotel umbaute.

Informationen und Bild: Stadt Ahaus
Der Ruderboot-Verleih wurde über 30 Jahre hinweg nicht betreut, weil sich kein Personal für diese Tätigkeit gefunden hat. Tobit.Software hat eine QR-Code Lösung entwickelt, die ohne Personal auskommt.

4. Digitallotsen als Multiplikatoren

In Kooperation mit dem Studieninstitut Westfalen-Lippe, einem kommunalen Zweckverband für die Aus- und Weiterbildung von kommunalem Personal,  bildet die Stadt Ahaus sogenannte „Digitallotsen“ aus. Als Ergebnis formiert sich eine „kritische Masse“ an digital affinen Mitarbeiter*innen innerhalb der Stadtverwaltung. Die Digitallotsen sind Multiplikatoren, die Ideen und strategische Überlegungen der kommunalen Digitalisierungsspitze in die einzelnen Verwaltungsabteilungen hineintragen und umgekehrt Feedback von diesen aufnehmen und weiterleiten können.

5. QR-Codes steigern Lebensqualität

In Ahaus scheint das Duo aus Smartphone und QR-Code das Einfallstor für mehr Lebensqualität darzustellen. Nachfolgend seien beispielhafte Aktivitäten aufgelistet, die in Ahaus über dieses Duo abgewickelt werden:

  • Im Ahauser Schlosspark steht ein Schrank, in dem diverse Freizeitspielgeräte wie Bälle, Boulekugeln u.a. gelagert werden. Parkbesucher*innen können diese per App und QR-Code ausleihen.
  • Im nextone, einem Club geschieht das Check-In, die Garderobe, Bestellung und Bezahlung sowie die Kontaktaufnahme komplett digital über das Dashboard der Chayns-App. Mehr erfahren »
  • Der Kauf von Schirmen, die Ausleihe von eBikes und eScootern läuft über QR-Codes.
  • Gemeinsam mit dem Jugendwerk, wurden Orte, an denen sich Jugendliche treffen, mit QR Codes versehen. Jugendliche können dadurch mit HIlfe des Smartphones ihr Feedback zu diesen Orten abgeben. Schließlich würde keiner der Jugendlichen aktiv ins Rathaus gehen, um seine / ihre Beschwerden kundzutun. Mehr erfahren »

Nachweise

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Dimitri Ravin
Dimitri Ravin
Dimitri Ravin befasst sich seit dem Jahr 2017 als Intiator von urban-digital.de mit dem Einfluss der Digitalisierung auf Städte. Neben seinem Studium der Stadtplanung, ist er mit Beratungs- und Vortragstätigkeiten i. Z. m. Smart City Projekten und Strategien tätig. Zuletzt untersuchte er am Institut für den öffentlichen Sektor (KPMG) die Smart City-Strategien deutscher Großstädte und war davor als Projektassistenz für digitale Projekte bei der Stadt Dortmund angestellt. Kontakt: info [at] urban-digital [.] de

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