Montag, 28. November 2022

Einladung zum Online-Austausch „Starkregenmanagement in Kommunen: Hochwassersimulation trifft auf Umweltsensorik“ am 28.11.

Ziel dieses Online-Austausches ist es gemeinsam mit der Stadt Dresden, Landkreis Fulda und virtualcitysystems unterschiedliche Initiativen im Bereich des Starkregenmanagements vorzustellen und mögliche Berührungspunkte zu besprechen.

StartDigitale StadtplanungBegleitforschung in Smart City-Förderprogrammen

Begleitforschung in Smart City-Förderprogrammen

Die Digitalisierung von Städten und Regionen erhält in jüngster Zeit insbesondere durch die Mittel aus dem größten Smart City-Förderprogramm Modellprojekte Smart Cities – mit einem Gesamtfördervolumen von bis zu 820 Millionen Euro – an Aufwind. Folglich werden deutschlandweit zahlreiche Strategien erarbeitet und Projektumsetzungen angestoßen. Dabei erkennen die beteiligten Akteure zusehends an, dass neben der allgemein vom BBSR durchgeführten Begleitforschung auch eine lokale wissenschaftlich fundierte Begleitung von Digitalisierungsbestrebungen hilfreich ist. Diese verhilft einerseits zu einer möglichst objektiven und fortlaufenden Bewertung zwischen Zielen der eigenen Smart City-Entwicklung bzw. Errungenschaften und andererseits zur Erkenntnisgewinnung, um den Wissenstransfer verstetigen zu können. Die sechste Ausgabe unserer Austauschrunde Smart City, aber mit Strategie! haben wir daher dem Themenschwerpunkt Begleitforschung gewidmet.

1. Smart City-Strategie. Begleitforschung.
Förderung | Lessons Learned

Univ.-Prof. Dr. Dr. Björn Niehaves, Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsinformatik an der Universität Siegen (bis 2022) hat gemeinsam mit seinem Team über 70 Kommunen und Landkreise in Deutschland bei der Erstellung ihrer kommunalen und interkommunalen Digitalisierungsstrategien wissenschaftlich begleitet. Einige zentrale Erkenntnisse aus dieser Forschung hat er im Rahmen seines Vortrages geteilt. Begonnen hat Björn Niehaves seinen Vortrag mit dem Gedankenspiel, welche Fragestellung in einigen Jahren bezüglich der kommunalen Digitalisierung von Relevanz sein wird. Vermutlich wird in einer solchen Rückschau weniger die Fördermittelvergabe im Fokus der Aufmerksamkeit stehen, als vielmehr die tatsächlich erreichten gesellschaftlichen Mehrwerte, die unter Einsatz von digitalen Technologien erzielt wurden.

Abb. 1 – Übersicht an Bausteinen, die zur digitalen Transformation von Städten und Regionen notwendig sind; Kompetenzaufbau als absolute Grundlage ermöglicht seinerseits die Erstellung von Digitalisierungs- und Fördermittelstrategien sowie die darauffolgenden Projektumsetzungen für die Schaffung gesellschaftlicher Mehrwerte © Björn Niehaves

Vor diesem Hintergrund einer zweckorientierten Fördermittelvergabe erwächst die Notwendigkeit, Mehrwert tragende und umsetzbare Smart City-Strategien und -projekte zu erarbeiten. Hierzu müssen diese an die lokalspezifischen Anforderungen und Prioritätensetzungen andocken. Dies gelingt über die Implementierung digitaler Themen in die lokalpolitischen Aushandlungsprozesse. Der im Smart City-Diskurs oftmals erwähnte Anwendungsfall der Ausstattung von Abfallwirtschaftscontainern mit intelligenter Füllstandsmessung muss bei Weitem nicht für jede Smart City-Entwicklung von Relevanz sein, da die Bedarfe und Schwerpunkte nicht allerorts gleich sind.

Mit der Erstellung einer Smart City-Strategie gibt sich die Kommune nach innen und nach außen das Versprechen, vom Getriebenen zum Treibenden der Digitalisierung zu werden.“

Univ.-Prof. Dr. Dr. Björn Niehaves

Als entscheidende Grundlage für eine erfolgsversprechende Erarbeitung und Umsetzung von Smart City-Strategien bzw. -projekten fungiert der Aufbau von Digitalisierungskompetenzen der Verwaltungsmitarbeiter:innen sowie öffentlichen Entscheidungsträger:innen. Hierbei erweitern sich die Kompetenzanforderungen an öffentliche Entscheidungsträger:innen um kommunikationspolitische Fähigkeiten, weil die digitale Transformation einen ganzheitlichen Gestaltungsprozess von Städten und Regionen darstellt. Entsprechend müssen für diesen Prozess Ressourcen aufgewendet werden und damit digitalpolitische Entscheidungen im öffentlichen Diskurs dienlich vertreten werden können. Gegenwärtig mangelt es jedoch an flächendeckend verfügbaren Fortbildungsangeboten. Digitallots:innen-Programme stellen in dieser Hinsicht einen Lichtblick dar, weil sie sich vom Umfang her zwischen einem Hochschulstudium und mehrtägigen Seminaren einpendeln.

Weiterhin hat Professor Niehaves die Anpassung zur Innovationsdynamik der Digitalisierung als einen zentralen Erfolgsfaktor der kommunalen Digitalisierung hervorgehoben. Demzufolge ist es nicht mehr zeitgemäß, Innovationen nach traditionellen kommunalen Handlungsmustern zu entwickeln. Stattdessen sollten smarte Städte und Regionen die „Werkzeuge“ der Digitalisierung konsequent einsetzen und dabei die kommunale Perspektive einbauen. Dieser digitale Werkzeugkasten beinhaltet bspw. folgende Mittel.

  • MVP (Minimum Viable Products) – Entwicklung eines minimal überlebensfähigen Produkts, das am Markt ausprobiert wird und bei Marktakzeptanz nah an den Bedürfnissen der Kund:innen weiterentwickelt wird
  • Kurze Time-To-Market – Zeit zwischen Idee zu einem Produkt und der Einführung des Produkts auf dem Markt; diese Zeit sollte kurz sein, da sie Kosten generiert und folglich keinen Umsatz erwirtschaftet bzw. Mehrwerte für die Zielgruppe des Produkts bietet
  • Neue Fehlerkultur – Neues ausprobieren und die dabei gewonnenen Erfahrungen offen reflektieren bzw. kommunizieren; konstruktiver Umgang mit Fehlern, um Scheitern als Prozess der Erkenntnisgewinnung zu verstehen
  • Kritische Masse-Effekte – Mit „Quick Wins“ Mehrwerte für genügend beteiligte Smart City-Akteure generieren, um dadurch Aufwärtsspiralen bei der Entwicklung von Digitalisierungsprojekten zu initiieren

Eine weitere Erkenntnis aus der Begleitforschung von strategieerstellenden Kommunen und Landkreisen bildet die immanente Bedeutung von Beteiligungsprozessen. Die ursprünglich hierarchisch geprägten-Top-Down-Strukturen innerhalb der öffentlichen Verwaltung erweisen sich für die digitale Transformation mit steigender Tendenz als obsolet. An ihre Stelle treten beteiligungsintensive Stadtentwicklungsprozesse und gleichermaßen wird auch die Erstellung einer Smart City-Strategie zur Gemeinschaftsaufgabe für alle Akteure aus der lokalen Kommunalverwaltung bzw. -politik, Wirtschaft, Öffentlichkeit, organisierten Zivilgesellschaft und unter Umständen Wissenschaft. Erfahrungsgemäß sollte der Strategieerstellungsprozess möglichst zügig erfolgen, um das Momentum und die Motivation für eine gemeinsame digitale Entwicklung aufrecht erhalten zu können. Die Orientierungswerte für Mittelstädte liegen bei ca. vier Monaten und für Landkreise bei ca. sieben Monaten. Weitere Erkenntnisse aus der Begleitforschung können in den von Björn Niehaves (mit)verfassten Studien im Rahmen des Projekts „Digitale Modellregionen“ in Nordrhein-Westfalen nachgelesen werden:

2. Wissenschaftliche Begleitung für zwei
Münchener Smart City-Förderprojekte

Der zweite Vortrag dieser Austauschrunde handelte von der wissenschaftlichen Begleitung, die für zwei Förderprojekte der Landeshauptstadt München umgesetzt werden. Die beiden Referenten Ulf Ries (Senior Consultant bei der Cassini Consulting AG) und Jan-Andreas Liebscher (Koordination der Geodateninfrastruktur bei der Landeshauptstadt München) haben über den Aufbau des digitalen Zwillings und über die Vergabe der wissenschaftlichen Begleitung an die Technische Universität München berichtet.

Eingangs haben sie den hohen Stellenwert des digitalen Zwillings als eines der drei prioritären Projekte für die Digitalisierung der Stadt München hervorgehoben. Der Aufbau des digitalen Zwillings dient als Treiber für die Zusammenführung von Insellösungen und -datenbeständen innerhalb der Münchener Stadtverwaltung. Sein initialer thematischer Entstehungskontext ist die klimagerechte Stadt- und Mobilitätsentwicklung. Ein wichtiger Handlungsbedarf für die Erreichung der klimapolitischen Ziele (Klimaneutrales München 2035) resultiert aus der Minimierung der verkehrsbedingten Luftverschmutzung.

Angesichts dieser verwaltungsinternen und thematisch-politischen Bedeutung des digitalen Zwillings bietet sich eine gefestigte wissenschaftliche Begleitung der damit zusammenhängenden Förderprojekte an. Zum einen profitiert die Stadtverwaltung durch den Einbezug eines Wissenschaftspartners von neusten Forschungserkenntnissen in den Themenbereichen Geodateninfrastruktur bzw. -analyse. Zum anderen bildet die vom Wissenschaftspartner durchgeführte Aufbereitung von Erkenntnissen aus den Projektverläufen, die Grundlage für einen interkommunalen Wissenstransfer sowie eine Vernetzung mit ähnlichen Forschungs- und Förderprojekten. Weiterhin möchte die Landeshauptstadt München über diese Vernetzung das Potenzial für weitere Förderprojekte heben und mit Unterstützung der wissenschaftlichen Begleitung auch darum bewerben. Umgekehrt profitiert der Wissenschaftspartner von einer solchen Zusammenarbeit, weil ihm dadurch ein wertvoller Untersuchungsgegenstand – Daten über das reale Stadtgeschehen – für Zwecke der Erkenntnisgewinnung zur Verfügung gestellt werden.

In diesem Zuge hat die Landeshauptstadt München im Jahr 2020 ein EU-weites Vergabeverfahren gestartet. Gesucht wurde ein Partner für die Durchführung einer wissenschaftlichen Begleitung mit einer Laufzeit von drei Jahren mit Optionen zur Verlängerung für insgesamt höchstens fünf Jahre. Da der Aufbau des digitalen Zwillings sich über mehrere Förderprojekte finanziert, wurde für die Ausschreibung der Förderprojekt-unabhängige Titel „Rahmenvertrag für die wissenschaftliche Begleitung in Projekten des GeodatenService München“ gewählt. Der ausgeschriebene Rahmenvertrag kann verschiedene Einzelabrufe beinhalten. Dabei steht für die gesamte Vertragslaufzeit ein maximales Gesamtbudget mehr als zwei Millionen Euro zur Verfügung. Der Rahmenvertrag gliederte sich in drei Beratungspakete auf (siehe Abb. 2). Mit Blick auf den Wissenstransfer und Pioniercharakter der Förderprojekte umfasste das Anforderungsprofil auch eine Expertise in Sachen Standards, weil perspektivisch die Schaffung einer DIN-Norm angedacht ist. Auf einer allgemeinen Ebene setzten sich die Bewertungskriterien zu einem Drittel aus Preis und zu zwei Dritteln aus der inhaltlichen Qualität der angebotenen Konzepte (inhaltliche Stimmigkeit, Methodik, Umsetzungsorientierung) zusammen.


Abb. 2 – Übersicht an Beratungspaketen für die wissenschaftliche Begleitung des Förderprojekts Digitaler Zwilling München © Landeshauptstadt München

Im Ergebnis wurden für die EU-weite Ausschreibung mehrere Angebote offeriert, von denen den Zuschlag die Technische Universität München erhalten hat. Die wissenschaftliche Begleitung kann nun seit Februar 2021 für den GeodatenService München erfolgen.

Wie zuvor bereits angedeutet, nimmt diese wissenschaftliche Begleitung ihren Ursprung in dem Förderprojekt „Digitaler Zwilling München“ mit einem inhaltlichen Schwerpunkt auf die Digitalisierung kommunaler Verkehrssysteme, erstreckt sich jedoch aufgrund ihrer inhaltlichen Nähe auf weitere Smart City-Förderprojekte, an denen der GeodatenService beteiligt ist. Zu diesen gehören das BMI-geförderte Forschungsprojekt Connected Urban Twins und das BMVI-geförderte Projekt TEMPUS, ein Reallabor zur ganzheitlichen Erforschung des vernetzten und autonomen Fahrens im Straßenverkehr.

3. Fortführung des Austausches

Die nächste Ausgabe dieses wiederkehrenden Austausches Smart City, aber mit Strategie! fand am Mittwoch, dem 19. Januar von 9.00 bis 11.00 Uhr statt. Die Themenschwerpunkte dieser siebten Ausgabe lauteten Begleitforschung und Organisationseinheiten in der Smart City-Entwicklung und richteten sich vorrangig an Kommunalvertreter:innen.

  • Prof. Dr. Marc Redepenning (Otto-Friedrich-Universität Bamberg) – Das Smart City Research Lab an der Universität Bamberg. Ein Beitrag zur Begleitforschung der Smart City Bamberg
  • Manuela Meyer (CDO, Stadt Jena) – Smart City Projekt Jena – Aufbau und Organisationsform
  • Robin Eisbach, Lars Salzmann (mendigital GmbH) – mendigital GmbH: Kommunales Digital Joint-Venture als Schnellboot für Smart City Projekte

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Dimitri Ravin
Dimitri Ravin
Dimitri Ravin befasst sich seit dem Jahr 2017 als Initiator von urban-digital.de mit dem Einfluss der Digitalisierung auf Städte. Parallel ist er mit Beratungs- und Vortragstätigkeiten i. Z. m. Smart City Projekten und Strategien tätig. Davor untersuchte er am Institut für den öffentlichen Sektor (KPMG) die Smart City-Strategien deutscher Großstädte und war als Projektassistenz für digitale Projekte bei der Stadt Dortmund angestellt. Mehr Informationen und Kontaktdaten →

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