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Dr. Ralf Schüle über Smart Cities in Deutschland

Dr. Ralf Schüle ist beim Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Referat Digitale Stadt, Risikovorsorge und Verkehr für die Aufgabengebiete im Bereich Smart Cities zuständig. Als Projektleiter verantwortet er dabei unter anderem den Aufbau und die Umsetzung der Begleitforschung der Modellprojekte Smart Cities.

„Mit den Modellprojekten Smart Cities fördert das BMI gemeinsam mit der KfW einen strategischen Umgang mit den neuen Möglichkeiten und Herausforderungen für die Stadtentwicklung durch Digitalisierung. Die Modellprojekte sollen dazu beitragen, die Qualitäten der europäischen Stadt in das Zeitalter der Digitalisierung zu übertragen. Die so gewonnenen Erkenntnisse sollen in die Breite getragen und allen Kommunen zunutze gemacht werden.“

Deutscher Städte- und Gemeindebund, 2020

Im Smart City-Kontext befasst sich Dr. Ralf Schüle mit den Schnittstellen der Digitalisierung von Städten zur integrierten Stadtentwicklung und mit den daraus entstehenden Steuerungserfordernissen. Vor seiner Tätigkeit am BBSR forschte der studierte Soziologe am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie zu den Handlungsmöglichkeiten und Wirkungen kommunaler Klimaschutz- und Nachhaltigkeitsstrategien. Darüber hinaus ist er am Profilschwerpunkt Urbane Systeme der Universität Duisburg-Essen über eine Honorarprofessur auch mit der universitären Lehre seit Jahren verbunden.

1. Wenn es eine zentrale Botschaft gäbe, die Sie mit allen kommunalen Digitalisierungsbeauftragten teilen könnten, welche wäre es?

Wenn ich die bisherigen Erfahrungen in den Modellprojekten Smart Cities und anderen Städten und Gemeinden auf eine Kernbotschaft verdichte, dann erscheint mir folgendes wichtig: Die Digitalisierung ist gleichermaßen zu definierendes Ziel und zu gestaltender Prozess einer integrierten Stadt- und Regionalentwicklung. Dies lässt sich insbesondere an den 13 Modellkommunen Smart Cities gut erkennen, die seit Sommer 2019 vom Bund in einer ersten Staffel unterstützt werden: Diese haben den Prozess der Digitalisierung zumeist eng mit ihren Stadtentwicklungskonzepten verzahnt und begreifen die Digitalisierung als Mittel, die jeweils gesetzten Ziele zur wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit umzusetzen. Dies ist zum einen ablesbar an genannten übergreifenden Zielen der Digitalisierung – also z.B. der notwendigen Bewältigung des regionalen Struktur- und demografischen Wandels, der nachhaltigen Entwicklung der Verkehrsinfrastruktur, der sozial-räumlichen Steuerung wachsender Ballungsraum etc. Zum anderen ist dies auch abzulesen an den konkreten, in den Kommunen in Umsetzung befindlichen Maßnahmen. Diese umfassen dabei u.a.

  • den Ausbau der Netz- und Dateninfrastruktur. Beispiele unter vielen anderen zeigen die Aktivitäten etwa in Cottbus, Kaiserslautern, Solingen, Südwestfalen, Ulm.
  • die integrierte Steuerung von Energie- und Verkehrsinfrastrukturen. Beispiele hierfür sind Brandis, Haßfurt, Gera, Kaiserslautern, Solingen, Süderbrarup, Südwestfalen, Wolfsburg und Wunsiedel
  • städtebauliche Maßnahmen im Sinne smarter Wohnquartiere. Hierfür finden sich Beispiele in Haßfurt und Südwestfalen
  • die Bereitstellung aktueller Informationen und digitaler Anwendungen für Bürgerinnen und Bürger. Hierfür lassen sich in fast allen Smart-City-Modellprojekten Beispiele finden, wie u.a. in Brandis, Grevesmühlen, Haßfurt, Kaiserslautern, Solingen, Süderbrarup.

Und dies führt zu einem zweiten Punkt, denn in allen Kommunen wird die Digitalisierung als ein mit der Stadtgesellschaft zu entwickelnder und auszuhandelnder Prozess verstanden. Die meisten der unterstützten Kommunen befinden sich in einem intensiven Dialog mit der Stadtgesellschaft und richten während der Phase ihrer Konzepterstellung dafür entsprechende Orte oder Verfahren ein. Ihre Namen sind vielversprechend, nur einige seien hier exemplarisch genannt, wie z.B. die „Mitmachstadt“ in Brandis, der „digitale Stammtisch“ in Gera, die „Zukunftskonferenzen“ in Haßfurt und Zwönitz, der „Dialog Zivilgesellschaft“ in Kaiserslautern, der „Bauwagen zur Bürgerbeteiligung“ in Solingen oder das „Verschwörhaus“ in Ulm.

Alle diese Beispiele stehen für Motivationen und Versuche, die Stadtgesellschaft systematisch in den Prozess der Konzeptentwicklung und Maßnahmenumsetzung einzubeziehen, teilweise sogar inklusiv auf eher digitalferne Bevölkerungsgruppen ausgerichtet. Ob dies gelingt, muss während des Projektverlaufs noch untersucht werden, aber die Erfahrung, dass digitale Informationen und Dienstleistungen, digitale Anwendungen und Maßnahmen in enger Kooperation mit der Stadtgesellschaft entwickelt werden müssen, um Zielgruppen, Wirkungen und Akzeptanz zu erreichen, hat sich längst in die DNA der verantwortlichen Digitalisierungsbeauftragten eingeschrieben.

2. Welche drei Smart City-Projekte in Deutschland würden Sie als besonders positive Beispiele hervorheben und weshalb?

Ich sträube mich aus aller Erfahrung, der Logik bestehender Rankings oder bestehender Best-Practice-Listen zur Digitalisierung von Städten zu folgen. Diese sagen meist wenig über die Ziele, Ressourcen und spezifischen Rahmenbedingungen der jeweiligen Kommunen aus. Städte und Gemeinden wählen vor dem Hintergrund ihrer bestehenden Bedarfe jeweils ganz eigene Entwicklungspfade in kommunalen Handlungsfeldern und so verhält es sich auch mit der Digitalisierung: diese wird in konkreten Bedingungen vor Ort ausformuliert und umgesetzt.

Ich möchte drei Beispiele von Kommunen und interkommunalen Verbänden der ersten Staffel der Modellprojekte Smart Cities nennen, die aus meiner Sicht sehr eigene und sehr besondere Wege gewählt haben, Digitalisierungsstrategien zu entwickeln und bei denen es auch künftig spannend sein wird, an ihren Erfahrungen teilhaben zu können. Sehr bewusst wähle ich Beispiele aus, die nur selten unter den TOP X der bundesdeutschen Rankings der Digitalisierung genannt werden, sondern die für sehr interessante und lokal sehr spezifische Ansätze stehen – und zwar weniger aus einer technischen sondern eher aus einer Steuerungsperspektive.

Erstens die Stadt Haßfurt/Main in Unterfranken:  Nur wenige Städte haben in ihren Digitalisierungsstrategien so explizit den Bezug zum Klimaschutz und zur Energiewende hervorgehoben. Bereits jetzt bezieht die Stadt über die lokalen Stadtwerke ihren Strombedarf zu 100% aus Erneuerbaren Energien. Die Digitalisierungsstrategie wird nun dafür genutzt, u.a. eine offene lokale Energieplattform und ein B2C-Energiemanagementsystem einzurichten. Darüber hinaus sollen über die Einrichtung eines sog. E-Mobility-Hubs weitere Emissionsminderungen im Bereich Verkehr erzielt werden. Ein digitales Dashboard wurde bereits entwickelt, das Sensordaten u.a. in den Bereichen Umwelt und Verkehr misst.

Zweitens die Stadt Zwönitz im Erzgebirge: Hier wird neben dem Ausbau der Dateninfrastruktur versucht, die Digitalisierungsstrategie mit Maßnahmen der lokalen Struktur- und Wirtschaftsförderung zu verknüpfen. Insbesondere ist geplant, ein einst als Bundweberei errichtetes Gebäude in den nächsten Jahren zu einem digitalen Innovationszentrum auszubauen. Die Strategie ermöglicht dabei, innovative Gebäudenutzungskonzepte zu entwickeln und den Aufbau einer digitalen Start-up-Szene im ländlichen Raum zu fördern.

Drittens die Region Südwestfalen: Die Region erstreckt sich vom Kreis Soest im Norden über den Hochsauerlandkreis, den Märkischen Kreis und den Kreis Olpe bis hin zum Kreis Siegen-Wittgenstein im Süden. Die Region hat bereits 2013 eine große regionale Strukturfördermaßnahme des Landes NRW erhalten und erwirkte mit ihrem Konzept “Südwestfalen DNA” den Zuschlag für die REGIONALE 2025, ein Instrument des Landes NRW zur regionalen Strukturentwicklung. In diesem Zusammenhang steht der Aufbau einer Digitalisierungsstrategie in fünf ausgewählten Städten und Gemeinden der Region, namentlich der Städte Olpe, Menden, Arnsberg, Bad Berleburg und Soest. Diese Städte werden als Vorreiter ihre Ergebnisse und Erfahrungen in die Region kommunizieren (sog. Pfadfinder-Kommunen). Neben einer Reihe lokaler Maßnahmen ist als übergreifendes Leuchtturmprojekt beabsichtigt, gemeinsam eine offene regionale Datenplattform aufzubauen.

3. Unsere Untersuchung von Smart City-Strategien deutscher Großstädte (n=12) zeigt auf, dass die mit Abstand größte Bedeutung der Digitalisierung der eigenen Stadtverwaltung zukommt, um die eigene Effizienz sowie ihre Leistungsfähigkeit gegenüber Bürger/innen und Unternehmen zu steigern. Wie schätzen Sie dieses Ergebnis ein?

Das ist nicht überraschend, dass der erste Ansatzpunkt einer kommunalen Digitalisierungsstrategie zumeist in der Kommunikation mit den Bürgerinnen und Bürgern gesehen wird. Hier liegen auch bisher die meisten und vielfältigsten Erfahrungen vor – und gleichermaßen auch die Bedarfe der Optimierung. Was sich allerdings im Umgang mit der Stadtgesellschaft nach außen als „digitales Rathaus“ präsentiert – also z.B. die Möglichkeit, Ummeldungen digital vorzunehmen, Führerscheine zu beantragen oder Pässe zu verlängern, ist nach innen erst einmal eine gewaltige Steuerungsaufgabe: Daten, Formulare oder Abläufe müssen verbindlich erhoben, digitalisiert, technisch verwertbar aufbereitet und Bürgerinnen und Bürgern nutzerfreundlich zugänglich gemacht werden. Das setzt in einem ersten Schritt weitgehende Veränderungen der Abläufe und der Wissensordnungen in einer Verwaltung voraus, bevor entsprechende Dienstleistungen bereitgestellt werden können.

Das digitale Rathaus mit seinen „smarten“ Dienstleistungen kann allerdings nur ein erster Schritt sein, bietet doch die Digitalisierung der Stadtverwaltung auch verbesserte Möglichkeiten der Mitwirkung an laufenden Planungsverfahren oder der systematischen Beteiligung an Prozessen der Strategieentwicklung. Das kann z.B. ein Integriertes Stadtentwicklungskonzept oder ein Klimaschutz- und Klimaanpassungskonzept sein, Konzepte also, die eine intensive Zusammenarbeit mit Bürgerinnen und Bürgern voraussetzen. Die Digitalisierung von Verfahren ersetzt dabei keinen persönlichen Kontakt oder „analoge“ Veranstaltungsformate, bietet aber Möglichkeiten der ergänzenden und gezielten Einbindung.

Für aktive Kommunen liegt mittlerweile viel Erfahrung vor und aus den Modellprojekten Smart Cities werden in den folgenden Monaten und Jahren weitere Erfahrungen aus der Forschung und der Praxis folgen. Auch ist ein übergreifender normativer Rahmen für die Smart City mit der Smart City Charta bereits formuliert. Dieser wird nun in mehreren Folgeprojekten des BBSR konkretisiert, aber Hinweise zur strategischen Entwicklung und Organisation einer Smart City, der Wahrung der kommunalen Datensouveränität und der digitalen Inklusion werden in den unten aufgeführten Dokumenten des BBSR bereits jetzt gegeben.

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4. Welche Entwicklungen und thematischen Schwerpunkte erwarten Sie in der Post-Corona Zeit für die Smart City-Entwicklung in Deutschland?

Leider sind wir im Sommer 2020 von einer Vorstellung einer Post-Corona-Zeit weiter entfernt denn je. Eher müssen wir uns angesichts steigender Infektionszahlen und zunehmender Hot Spots die Frage nach einer künftigen „Mit-Corona-Zeit“ stellen. Für mich ist beeindruckend, wie schnell im Lockdown in deutschen Kommunen wieder die Arbeitsfähigkeit hergestellt worden ist. Wichtige Maßnahmen in den Kommunen stellten dies sicher, wie z.B. die Einrichtung von Krisenstäben, die kurzfristige Beschaffung von Technik für mobiles Arbeiten oder die Nutzung bestehender Infrastrukturen zum Beispiel für Videokonferenzen.

Für eine künftige „Mit-Corona-Zeit“ zeichnen sich für mich gegenwärtig zwei wichtige Stränge ab: Erstens bedarf die Bewältigung einer solchen Krise auch künftig eines stadtweiten Krisen- und Risikomanagements. Ein solches Management ist per se fachbereichsübergreifend angelegt, bewertet mögliche Risikopotenziale und entwickelt übergreifende Handlungsansätze – auch von Risiken jenseits einer globalen Virusinfektion. Die schnelle Bereitstellung und das Monitoring von Daten relevanter Fachbereiche ist hierfür ein notwendiger Bestandteil. Insofern glaube ich, dass mit dem fortschreitenden Risiko einer Pandemie und anderer möglicher Risikoereignisse eine Kultur in kommunalen Verwaltungen begünstigt wird, die zu fachbereichsübergreifenderem, eher strategischerem und lösungsorientierterem Arbeiten führen kann.

Zweitens führt die Pandemie für mich zu einer zunehmenden Flexibilisierung von Arbeits(zeit)modellen. Die Flexibilisierung lässt sich kaum mehr zurückschrauben, zumal alle empirischen Hinweise darauf hindeuten, dass der geordnete Rückzug vieler Beschäftigter ins Homeoffice deren intrinsische Motivation und individuelle Verantwortung sogar eher beförderte. Allein durch das Wegfallen von Pendler*innenzeiten wurden – und bleiben – zeitliche Ressourcen frei, die trotz des Lockdowns die Lebensqualität vieler Beschäftigen in den letzten Monaten deutlich erhöhte. Für mich sind dies bei aller Trübnis der Pandemie die nachhaltig positiven Aspekte dieser anhaltenden Krise.

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Dr. Ralf Schüle beantwortete dieses Interview am 10.08.2020 in Bonn. Wir danken ihm herzlich für die aufschlussreiche Beantwortung der Fragen und ermutigen unsere Leser*innen dazu, in den Smart City-Publikationen des BBSR zu stöbern.

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Dimitri Ravin
Dimitri Ravin
Dimitri Ravin befasst sich seit dem Jahr 2017 als Intiator von urban-digital.de mit dem Einfluss der Digitalisierung auf Städte. Neben seinem Studium der Stadtplanung, ist er mit Beratungs- und Vortragstätigkeiten i. Z. m. Smart City Projekten und Strategien tätig. Zuletzt untersuchte er am Institut für den öffentlichen Sektor (KPMG) die Smart City-Strategien deutscher Großstädte und war davor als Projektassistenz für digitale Projekte bei der Stadt Dortmund angestellt. Kontakt: info [at] urban-digital [.] de

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