3D-Druck Möbel für den öffentlichen Raum

Fakt ist: wir produzieren zu viel Plastikmüll, wir haben zu wenig Sitzgelegenheiten im öffentlichen Raum und viele von uns haben vergessen, dass wir die Stadt auch abseits von Stellungnahmen zu Bebauungsplänen, gestalten können. Ein Rotterdamer Design-Studio greift mit seiner Initiative Print Your City! alle drei Punkte auf und zeigt, was heutzutage mit innovativem Mindset und digitalen Technologien alles möglich ist.

  1. Idee
  2. Anfertigung mit 3D-Druck
  3. Der urbane Aspekt – mehr Aufenthaltsqualität
  4. Fazit

1. Idee

Allein Amsterdams Stadtbevölkerung (ca. 820.000) verursacht pro Kopf jedes Jahr ca. 21,7 kg Plastikmüll
(Stadt Amsterdam, 2015, S. 22). Diese 21,7 kg sind genug Plastikmüll, um für zwei Bewohner/innen der Stadt jedes Jahr mindestens eine eigene Bank zu drucken. Print Your City! ist eine von The New Raw ins Leben gerufene Initiative, einem in Rotterdam ansässigen Research & Design Studio. Das Studio treibt das Zusammenspiel von digitalem Design, neuer Fertigungstechnik und material-wissenschaftlichem Knowhow voran. Auf diese Weise können Materialzyklen geschlossen und die lokale Produktion gestärkt werden. Das Recycling von Plastikmüll mit 3D-Druck Technologien ist ein effektiver Weg, diese Bestrebungen in die Tat umzusetzen und seit Anbeginn ein zentraler Arbeitsfokus des niederländischen Studios.

Mit Print Your City! möchten die Initiatoren, gemeinsam mit ihren Projektpartnern aus der Wissenschaft und Technikwelt, Stadtbewohner/innen ihren Wegwerf-Lebensstil vor Augen führen, um mehr Verantwortungs-bewusstsein für den täglich produzierten Plastikmüll zu schaffen. Als primäre Folgen sollen zum einen der individuelle Plastikkonsum sinken und zum anderen die Stadtbevölkerung für das Thema Recycling sensibilisiert werden. Dazu wird der täglich produzierte Plastikabfall mit Hilfe von 3D-Druck zu Sitzmöbeln für den öffentlichen Raum recycelt. Das erste Ergebnis der Initiative ist der Prototyp einer Sitzbank, der für die Stadt Amsterdam entwickelt wurde.

 

2. Anfertigung durch 3D-Druck

Eine Sitzbank wiegt 50 kg und hat eine Größe von 150 x 80 cm. Das Straßenmöbel wird auf großen 3D-Druckern (pellet extrusion 3D printer), nahe dem Amsterdamer Stadtzentrum, gedruckt. Als Druckmaterial dienen Plastikpellets (Kunststoffgranulat), die wiederum aus dem kommunalen Plastikabfall oder zerriebenen Splittern von recyclebaren Produkten hergestellt werden. Entsprechend sind die Bänke zu 100 % recyclebar und haben einen kurzen Materialzyklus. Der kurze Materialzyklus erfährt im urbanen Raum einen besonderen Vorteil. Durch die räumliche Nähe der Plastikmüll-Produzenten, der verarbeitenden Abfallwirtschaft und des Designstudios mit den 3D-Druckern, kann dem Materialzyklus stetig zusätzliches Material zugeführt werden. Langfristig gesehen würde die Produktion sich daher in Abhängigkeit der Abfallströme im Stadtgebiet entwickeln.

 

3. Der urbane Aspekt – mehr Aufenthaltsqualität

Die Sitzbank bietet Platz für mindestens zwei Personen und hat die Form eines doppelseitigen Schaukelstuhls. Laut den Initiatoren dient der Schaukelstuhl im übertragenen Sinne als Zeichen für die notwendige Zusammenarbeit aller Akteure, um den Plastik-Kreislauf schließen zu können. Die Bank kann in ihrer Form oder Funktion leicht angepasst werden. Auf diese Weise lädt es die Bürger/innen dazu ein, sich nicht nur an der Materialsammlung zu beteiligen, sondern auch am Design- und Anpassungsprozess mitzuwirken, um den Bedürfnissen ihrer eigenen Nachbarschaft besser gerecht zu werden.

Kurzum, neben der nachhaltigen Produktionsweise, bietet das Sitzmöbel auch aus stadtplanerischer Sicht einen Mehrwert. Die Sitzmöbel lädt zum Verweilen, Beobachten und Spielen im öffentlichen Raum ein. In seinem Buch „Städte für Menschen“ beschreibt der dänische Architekt und Stadtplaner Jan Gehl ausführlich, weshalb öffentliche Räume mit einer hohen Aufenthaltsqualität die Lebendigkeit von Städten immens steigern. Die 3D gedruckte Sitzbank befeuert gleich mehrere Merkmale eines hochwertigen öffentlichen Raums, da…

  • Sitzgelegenheiten bei passender Anordnung Gespräche fördern, d.h. als Auslöser für zwischenmenschliche Beziehungen dienen können (Gehl, 2016, S. 178, 179)
  • bewegliche Sitzmöglichkeiten Flexibilität bieten, sodass Nutzer/innen diese nach individuellen Vorlieben mit Aussicht, im Schatten usw. platzieren können (ebd. S. 168)
  • hochwertige öffentliche Räume „eingebaute Gelegenheiten zu Sport, Spaß und Spiel“ besitzen (ebd. S. 184), was die Sitzbank durch ihren Schaukelcharakter auslöst
  • sie die Kreativität und Einbringung der Stadtbewohner/innen (ebd. S. 185) mit ihren speziellen Bedürfnissen wie Alter, Farbgeschmack usw. bei der Gestaltung des öffentlichen Raums fördert
  • bei überdimensionierten Flächen ohne „menschlichem Maß“, im Nachhinein mobile Sitzgelegenheiten zumindest einige Aufenthaltsorte schaffen (ebd. S. 192)
  • langes Stehen ermüdet und Menschen sich dann am liebsten dort hinsetzen, wo sie den besten Sitzplatz finden (ebd. S. 164)

 

4. Fazit

Die einleitenden Worte der europäischen Strategie für Kunststoffe in der Kreislaufwirtschaft konstatieren und würdigen die Bedeutung von Kunststoffen in der Wirtschaft und im Alltag. Auf der anderen Seite bemängelt die Strategie das ungenutzte Potenzial entlang der Wertschöpfungskette in der Kunststoff-Branche
(Europäische Kommission, 2018, S. 1):

„In der EU bleibt das Potenzial für das Recycling von Kunststoffabfällen weitgehend ungenutzt. Die Wiederverwendungs- und Recyclingraten von Altkunststoffen sind – insbesondere im Vergleich zu anderen Materialien wie Papier, Glas oder Metall – sehr gering.“ (ebd. S. 3)

Für eine Besserung der Lage appelliert die europäische Kommission dabei nicht nur an privatwirtschaftliche und institutionelle Akteure, sondern auch an die Städte und Bürger/innen. In diesem Sinne treffen die Bestrebungen von Print Your City! den Nerv der Zeit. Aus Sicht der Initiatoren bieten Städte einen fruchtbaren Boden für große und langlebige Anwendungen von recyceltem Kunststoff: nach der Sitzbank möchte sich
Print Your City! auf die Entwicklung einer breiteren Palette von städtischen Möbeln und öffentlichen Raumanwendungen wie Bushaltestellen, Recyclingbehältern, Spielplätzen konzentrieren – allem, was den öffentlichen Raum attraktiver macht.

Wie eingangs erwähnt, vereint die Initiative fortschrittliches Gedankengut aus mehreren Bereichen und minimiert dadurch das Risiko unerwünschter Nebenwirkungen. Es geht nicht nur um die Belebung des öffentlichen Raums (Stadtentwicklung), sondern zusätzlich auch um Kreislaufwirtschaft (ökologische Nachhaltigkeit) unter Anwendung digitaler Technologien (Digitalisierung) mit der langfristigen Idee zu Co-creation mit den Stadtbewohner/innen (Community Building).

 

Kontakt

Bitte kontaktieren Sie für weitere Informationen zum Projekt: The New Raw Press Office: mint LIST (Giulia Milza, Maria Azzurra Rossi) unter press@mintlist.info.

 

Quellen

Für die Quellenangaben im Fließtext gilt: vor dem Satzpunkt beziehen sie sich auf den Satzinhalt, nach dem Satzpunkt beziehen sie sich auf den Inhalt des gesamten Absatzes.

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