Sonntag, 25. September 2022
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Till Behnke im Gespräch über Deutschlands größtes Nachbarschaftsnetzwerk nebenan.de 

Titelbild: © Maximilian Gödecke

Till Behnke ist Geschäftsführer und Mitgründer der Good Hood GmbH, dem Unternehmen hinter Deutschlands größtem Nachbarschaftsnetzwerk. Das Netzwerk nebenan.de wurde im Jahr 2015 gegründet und zählt heute über zwei Millionen Nutzer:innen in Deutschland – Tendenz steigend.

In diesem Interview hat uns der Sozialunternehmer erklärt, was das lokale, soziale Nachbarschaftsnetzwerk nebenan.de ausmacht und wie es sich von bestehenden Smart City-Apps unterscheidet. Besonders einsichtsreich ist dieses Gespräch deshalb, weil das Nachbarschaftsnetzwerk derzeit seine Zusammenarbeit mit Kommunalverwaltungen ausbaut.

Dass die Zusammenführung unterschiedlicher Welten für gemeinsame Vorhaben gelingen kann, hat Till Behnke bereits mit seinem ersten Sozialunternehmen bewiesen. Im Jahr 2007 gründete er die Spendenplattform betterplace.org und war für deren Aufbau an der Schnittstelle von Zivilgesellschaft und öffentlichem Sektor aktiv. Damals war seine Zielstellung, das Spendenwesen effizienter und transparenter zu organisieren. Heute baut er mit seinem Team eine digitale Basisinfrastruktur für ein aktives Nachbarschaftsleben.

1. Welche Rolle nimmt nebenan.de in der
digitalen Stadtentwicklung ein?

Wir betrachten unsere Plattform als einen Teil der digitalen Daseinsvorsorge, denn wir schaffen mit ihr ein Betriebssystem für die lokale Vernetzung von Bürger:innen untereinander. Gleichzeitig birgt nebenan.de auch ein immenses Potenzial zur Förderung des Austausches von Bürger:innen mit ihrer lokalen Verwaltung. Dieser Austausch kann sich bspw. in einem Stimmungsbild zu einem neu geplanten Zebrastreifen in der eigenen Nachbarschaft äußern. So kann die entsprechende amtliche Stelle mit Hilfe unserer Plattform niederschwellig die Meinungen von 1500 Bewohner:innen aus einem Häuserblock zu diesem Vorhaben ermitteln.

Unsere Aufgabe als Betreiber eines Reichweitenmediums ist es, eine kritische Masse von Nachbar:innen im engsten Raum miteinander zu vernetzen. Es geht darum Wege zu finden, dass sie sich gegenseitig bereichern und das soziale Netzwerk wöchentlich nutzen. Streng genommen betreiben wir mit nebenan.de kein großes soziales Netzwerk, sondern vielmehr rund 10.000 kleine soziale Netzwerke für Nachbarschaften. Das ermöglicht es uns, auch bestimmte Funktionen in bspw. 20 Nachbarschaften zu testen, bevor diese Funktionen anschließend in allen Nachbarschaften verfügbar sind. 

2. Zahlreiche Akteure entwickeln digitale Systeme, um die lokale Community zu organisieren. Wie kontextualisieren Sie nebenan.de vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen?

  • Smart Village App ist ein Open Source-Projekt, dass für zahlreiche Kommunen und Landkreise in den neuen Bundesländern lokalspezifische Apps anbietet und umsetzt.
  • Digitale Dörfer ist ein Fraunhofer-Forschungsprojekt, das explizit auch eine App entwickelt hat, um die lokale Gemeinschaft zu vernetzen. Sie sind bspw. mit der Neukirch-App ebenfalls in diesem Bereich aktiv – Wie würden Sie sich abgrenzen?
  • Die Citykey-App der Telekom vereint Bürger:inservice mit lokalen Community-Funktionen (im Aufbau).

Nach unseren Einschätzungen sind die meisten Apps und Plattformen zur Vernetzung der lokalen Bevölkerung lediglich erweiterte Kommunikationskanäle der Verwaltung. Diese Anwendungen docken an bestehende Berichterstattungen bspw. mit Hilfe der RSS-Feed-Funktion an und zeigen dadurch diese Informationen bei sich automatisiert an. Häufig bieten diese Apps und Plattformen auch Zugänge zu spezifischen Use Cases wie digitalen Beteiligungsvorhaben oder OZG-Dienstleistungen an.

Bezogen auf andere Apps oder Plattformen grenzen wir uns mit einer aktiven Community ab, denn wir betreiben die einzige Nachbarschaftsplattform in Deutschland, die Nachbar:innen sehr regelmäßig und aktiv nutzen. Dies haben wir faktisch in 10.000 Nachbarschaften erprobt. Neben der Anzahl von eröffneten Nachbarschaften und registrierten Nutzer:innen ist die mit Abstand wichtigste Kenngröße das Engagement. Allein in Berlin haben wir rund 400.000 adressverifizierte Nutzer:innen, von denen ein großer Teil wöchentlich online ist.

3. Die Nutzer:inzahlen von nebenan.de sprechen für sich. Warum konnte sich ausgerechnet eine privatwirtschaftlich betriebene Plattform großflächig durchsetzen ?

Das ist eine spannende Frage, denn tatsächlich fokussieren sich zwar einzelne Akteure speziell auf die Schaffung von aktiven Community-Portalen, aber diese breiten sich bisher nicht in einem solchen Umfang wie nebenan.de aus. Als primäre Gründe dafür sehe ich unsere agile und innovative Arbeitsweise als Start-up sowie die finanzielle Ausstattung.

Wenn sich in einer Stadt wie Freiburg mit dem Projekt SoNaTe lokale Akteure zusammenschließen, um für ihre lokale Community eine digitale Plattform zu schaffen, dann ist die Projektlaufzeit auf einige Jahre beschränkt. Außerdem sah das Setting des Projekts keine Entwicklung einer skalierbaren Lösung vor, die im Anschluss für hunderte Städte angeboten und betrieben werden sollte. Die beteiligten öffentlichen Institutionen dürften allein schon aufgrund ihrer Rechtsformen und ihrer Finanzierung nicht als kommerzieller Anbieter auftreten. So verhält es sich auch mit der Plattform Digitale Dörfer, die das Fraunhofer-Institut IESE im Zuge eines Forschungsprojektes entwickelt hat und mittlerweile für zahlreiche Kommunen und Landkreise in Deutschland betreibt.

Auch bei dieser Lösung stelle ich mir die Frage, ob die Organisation im Hintergrund die notwendigen Ressourcen aufbringen kann und will, um hochgradig nutzer:infreundlich zu sein. B2C-Softwareprodukte unterliegen einer extrem hohen Innovationsdynamik und müssen stetig weiterentwickelt werden. Für die Entwicklung und Betreuung von nebenan.de investieren wir Jahr für Jahr mehrere Millionen Euro und Stand heute arbeiten bei uns 130 Mitarbeiter:innen. Ein nennenswerter Anteil davon ist allein im Community Management tätig und kümmert sich fortlaufend um den Support bei der Nutzung der Plattform sowie die Moderation von gemeldeten Streitigkeiten.

„„Unsere 2,8 Millionen Nutzer:innen in Deutschland, Frankreich und Spanien teilen uns indirekt über ihr aktives Nutzungsverhalten und zum Teil auch direkt über E-Mails wertvolles Feedback mit. Diese solide Datengrundlage nutzen wir für die Weiterentwicklung der Plattform.“

Till Behnke

Gleichwohl denke ich, dass die Betreiber und Entwickler der anderen Nachbarschaftsplattformen sehr wichtige Arbeit leisten. Sobald sich der Markt für lokale Community-Plattformen sortiert hat, werden sicherlich auch Kollaborationen zwischen den Akteuren rundum diese digitalen Dienste zur Organisation des urbanen Miteinanders entstehen.

4. Wie könnten sich solche Kollaborationen ausgestalten?

Wir von nebenan.de konzentrieren uns auf die grundlegende Vernetzung der Menschen, die Tür an Tür wohnen. Unsere Aufgabe ist es, eine skalierbare Anwendung bereitzustellen und zu pflegen, die Bewohner:innen einer Nachbarschaft fortlaufend zusammenbringt. Da wir uns auf die Entwicklung eines standardisierten Softwareproduktes konzentrieren, können wir die Tiefe einzelner Use Cases gar nicht abbilden und denken in dieser Hinsicht schnittstellenorientiert.

Forschungseinrichtungen könnten sich auf die Entwicklung und Erprobung einzelner Use Cases wie Bürger:inbeteiligung und Mitfahrgelegenheiten fokussieren, die sich als Add-On-Services an unsere Plattform andocken ließen. IT-Agenturen könnten wiederum individuelle Wünsche für einzelne Kommunen und Landkreise umsetzen. Weitere privatwirtschaftlich agierende Unternehmen könnten sich um die gezielte Verbreitung digitaler Nachbarschaftsservices kümmern.

5. Welche Rolle nehmen Kommunalverwaltungen
in der Welt von nebenan.de ein?

Für uns ist es eindeutig, dass wir für deutliche positive Entwicklungen im Lebens- und Wohnumfeld der Menschen eine cross-sektorale Zusammenarbeit benötigen. Deshalb entwickeln wir nebenan.de schrittweise zu einem digitalen Betriebssystem zur Vernetzung von allen Akteuren im nachbarschaftlichen Ökosystem. Wir haben natürlich mit der Akteursgruppe der Nachbar:innen gestartet und anschließend den lokalen Gewerbetreibenden und zivilgesellschaftlichen Initiativen die Erstellung von eigenen Profilen ermöglicht.

Mittlerweile öffnen wir uns zunehmend den lokalen Verwaltungen. Die Bezirksverwaltung Friedrichshain-Kreuzberg war so gesehen eine der ersten, von mittlerweile einem guten Dutzend deutschen Großstädten und über 100 Dörfern, die bei uns ein Organisationsprofil betreiben. Gegen eine geringe monatliche Gebühr können sie für ihre Nachbarschaften Beiträge posten. Aufgrund dieser zielgruppengerechten Kommunikation konnte der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg zum Beispiel seine Beratungsangebote für Zuschüsse zur Begrünung des Hinterhofes bewerben, sodass diese fortan deutlich stärker nachgefragt wurden.

Die lokale Verwaltung kann ihr Organisationsprofil auf nebenan.de auch für eigene Beteiligungsvorhaben nutzen. Wie eingangs bereits erwähnt, kann sie für ein lokales Vorhaben mittels einer Umfrage von über tausend Bewohner:innen in einem Radius von 300 Metern sehr schnell ein erstes Stimmungsbild abfragen. Die 150 Bewohner:innen mit einem erhöhten Beteiligungsinteresse können sich auch auf mein.berlin.de oder in einer Präsenzveranstaltung aktiver einbringen.

In den nächsten Monaten möchten wir die Stufen der Wertschöpfung für gelungene Beteiligung in der Stadtentwicklung stärker miteinander verzahnen. Deshalb sehen wir große Potenziale in der Zusammenarbeit mit Kommunalverwaltungen. Nach sechs Jahren sind wir bereit, uns in dieser Hinsicht anschlussfähiger zu gestalten und suchen auf der anderen Seite nach strategischen Partnern und Innovationstreibern im öffentlichen Sektor.

Mit dem Austausch über zentrale Fragen und Lösungen zur Ernährung, Energieversorgung, Mobilitäts- und Bildungsangeboten und Müllvermeidung vor Ort, steuern wir der Entfremdung zwischen Bürger:innen und Verwaltung bzw. Politik entgegen.

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