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Smart City-Experte Michael Lobeck im Interview

Michael Lobeck ist als Moderator und Berater im Bereich der Stadt- und Regionalentwicklung tätig. Der studierte Diplom-Geograph begleitet Kommunen bereits seit mehreren Jahren bei ihren Digitalisierungsprozessen. Während seiner wissenschaftlichen Tätigkeit am Geographischen Institut der Universität Bonn leitete er die Begleitforschung für das erste umfassende deutsche Smart City-Projekt, die T-City Friedrichshafen der Deutschen Telekom AG und teilt seither seine Erfahrungen zur deutschen Smart City-Entwicklung als Buch- und Blogautor.

Weiterhin berät Michael Lobeck als IHK-zertifizierter Wirtschaftsmediator, Kommunen bei komplexen Kommunikations- und Beteiligungsprozessen der Stadtentwicklung und betrachtet daher die erfolgreiche Umsetzung von Smart City-Projekten vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen in der Bürger*innenbeteiligung.

1. Was bedeutet für Sie eine Smart City und in welchem Bezug steht sie zum Leitbild der nachhaltigen Stadtentwicklung? Worin liegt der konkrete Zugewinn des Smart City-Konzeptes für eine „sinnvolle“Stadtentwicklung, die den Herausforderungen unserer Zeit gerecht wird?

Smart City bedeutet für mich gute Stadtentwicklung. Nicht mehr und nicht weniger. Gute Stadtentwicklung ist an Zielen und Werten orientiert und sucht nach ganzheitlichen Lösungen für die immer wieder neue Herausforderung den Bewohnerinnen und Bewohnern ein gutes Leben zu ermöglichen. Dabei nutzt sie selbstverständlich aktuell verfügbare Technologien – vom Bleistift bis zu Künstlicher Intelligenz. Sie lässt zudem ihre Arbeit laufend evaluieren, um sich als lernende Organisation an neue Gegebenheiten anzupassen. Sie wird getragen von der Stadtgesellschaft, in der Politik und Verwaltung nur Akteure unter vielen sind.

2. Welche drei Smart City-Projekte in Deutschland würden Sie als besonders positive Beispiele hervorheben und weshalb?

Ulm – weil ich die Idee des Verschwörhauses als recht unkomplizierte Schaffung eines Ortes (so wirkt es zumindest von außen), an dem man sich treffen kann, um Ideen zu entwickeln, sehr gelungen finde. Link →

Moers – weil Open Data hier vorangetrieben wird. Link →

Hamburg – weil das Transparenzgesetz ein Beispiel dafür ist, dass es oft nicht auf Technik, sondern auf die Organisation des gemeinsamen Umgangs geht, die dann oft durch Technik gut genutzt werden kann. Die Logik hier umzudrehen – Alles ist öffentlich, wenn kein gesetzlicher Grund dagegen spricht, finde ich spannend. Link →

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3. In Ihrer Kurzveröffentlichung 15 Bausteine für eine Smart City-Strategie weisen Sie u.a. auf die Wichtigkeit von flexiblen Strukturen hin, um den prozessualem Charakter der Smart City-Entwicklung gerecht zu werden. Wie könnten solche ausschauen bzw. wie schätzen Sie unterschiedliche organisatorische Herangehensweisen ein? (Beispiele nachfolgend)

Bei den 15 Bausteinen geht es mir im Kern darum, dass eine Smart City nicht fertig ist. Welche Organisationsstruktur sie konkret auswählen hängt meines Erachtens eher von lokalen Gegebenheiten ab, zum Beispiel, welche Akteure besonders aktiv sind und wie diese gut einzubinden sind. Eine AG kann ebenso flexibel agieren, die eigene Arbeit reflektieren und immer wieder neu erfinden wie ein gemeinnütziger Verein oder eine Genossenschaft. Es geht meines Erachtens mehr um die Kultur, um die Art zu denken und zu handeln als um die konkrete juristische Gesellschaftsform.

4. Welche thematischen Prioritätensetzungen erwarten Sie in der Post-Corona Zeit für die Smart City-Entwicklung deutscher Städte?

Ich beobachte seit einiger Zeit mit Freude, dass zumindest bei einigen Akteuren die Technikeuphorie und –fokussiertheit etwas nachlässt. Das auch von mir vertretene Credo „Ziele vor Technik“ scheint langsam ein paar Anhänger zu finden. Ich würde mich freuen, wenn mehr als bisher darüber nachgedacht würde, wofür wir die vielen Möglichkeiten der Digitalisierung sinnvoll einsetzen können und wollen. Das geht nur, wenn wir Ziele und Werte diskutieren. Wir müssen zum Beispiel entscheiden können, ob eine neue Planstelle im Kindergarten wichtiger ist als die Anschaffung von Tablets (inkl. Lernsoftware und Wartung und Schulung und Didaktikentwicklung und Erneuerung nach 5 Jahren und Monitoring etc.).

Ich hoffe zudem, dass das vollkommen überflüssige Datenschutz-Bashing, das durch Corona noch zugenommen hat, verschwindet und die Leute ihre Energie einfach mal dazu nutzen, datenschutzfreundliche Lösungen zu entwickeln statt Überwachungs-, Kontroll- und Manipulationsprodukte.

Und schließlich erwarte ich viel mehr Ressourcen für gute Kommunikation von Zielen, Werten und von organisatorischen und technischen Lösungen – Kommunikation in zwei Richtungen: Zuhören und Erzählen. Auch und ganz zum Schluss erwarte ich, dass all die vielen Investitionen unabhängig evaluaiert werden. Von den 750 Mio Euro, die das BMI für Smart Cities bereitstellt, (und mit 500 Mio Corona-Geld noch erweitert), wären 5-10% dafür gut angelegt.

Wir danken Ihnen herzlich für die aufschlussreiche Beantwortung der Fragen und ermutigen unsere Leser*innen dazu, bei individuellem Beratungsbedarf, Michael Lobeck direkt unter lobeck (at) promediare.de zu kontaktieren.

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Dimitri Ravin
Dimitri Ravin
Studium der Stadt-/ Raumplanung an der TU Dortmund, befasst sich seit dem Jahr 2017 als Intiator von urban-digital.de mit dem Einfluss der Digitalisierung auf Stadtentwicklung; letzte Stationen: Bachelorand beim Institut für den öffentlichen Sektor (KPMG), Projektassistenz für digitale Projekte bei der Stadt Dortmund.

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