Lünen hat für seinen Smart-City-Weg nie eine Millionenförderung erhalten und ist trotzdem seit über fünf Jahren unterwegs: mit einem flächendeckenden, selbst betriebenen LoRaWAN-Netz, einer gemeinsam mit Nachbarkommunen betriebenen Datenplattform und einem Stadtraum, der rund 200 Veranstaltungen im Jahr trägt. Gregor Spanke verantwortet diese Entwicklung seit dem Jahr 2022 als Smart City Koordinator im Fachbereich Innovative Stadt.
Was andere Kommunen daraus mitnehmen können, woran er aktuell arbeitet und worauf er sich beim Netzwerktreffen in Berlin und der Smart Country Convention freut, erfahren Sie in diesem Interview.
1. Smart City Lünen vorgestellt
Welche Projekte verfolgen Sie im Bereich Smart City in Lünen?
Wir haben am Anfang mit weichen Themen angefangen, die Sichtbarkeit erzeugen: Stadtlabor, digitales Fahrradverleihsystem, smarte Möblierung. Jetzt setzen wir die „harten“ Smart-City-Faktoren um, abgesichert über interkommunale Kooperationen und Fördermittel. Das betrifft vor allem Daten, Datenplattformen und Sensorik.
Unser LoRaWAN-Netz ist mittlerweile flächendeckend und wir betreiben es als Stadt selbst. Über die Bundesförderung digitaler kommunaler Verkehrssysteme setzen wir Verkehrszählkameras ein, dazu Wetterstationen an über acht Standorten, Parksensorik und Feinstaubsensorik. Die Datenströme verschneiden wir mit unserer urbanen Datenplattform, die wir uns mit Kommunen im Kreis teilen, unter anderem mit der Stadt Schwerte. So halten wir die Fixkosten niedrig.
Was sind die nächsten Schritte?
Richtig Fahrt kommt in die Datenthemen, wenn wir sie über KI verschnitten haben. Dann können wir Daten leichter in Beziehung zueinander setzen, die man auf den ersten Blick nicht zusammen denkt, etwa Sozialdatenplanung und Verkehrsdaten. Wir erhoffen uns dadurch auch, dass sich die lange Recherche nach den richtigen Daten erübrigen wird.
Sie arbeiten in Lünen schon lange an dem Thema Smart City. Was sind Ihre Tipps für Kommunen, die sich auf den Weg machen?
Netzwerken ist wichtig, das bedeutet sich Projekterfahrungen von anderen Kommunen zusammenzusuchen, die funktionieren und Mehrwert bieten. Der Fokus sollte auf aktuellen Themen liegen, im Moment etwa auf den kommunalen Finanzen. Maßnahmen, die eine finanzielle Entlastung bringen, überzeugen Politik und Verwaltung am schnellsten.
In der Stadtverwaltung sollte man Verbündete suchen, also Personen, die Lust auf Gestalten haben. Wenn sich jemand sperrt, würde ich nicht unbedingt Ressourcen darauf verwenden, dagegen anzuarbeiten, sondern lieber andere Themen bearbeiten und dort schneller Erfolge erzielen. Wichtig ist außerdem, in der Verwaltung über die Themen zu reden, damit sich bei Überschneidungen alle frühzeitig abstimmen. Außerdem empfehle ich es, sich interkommunal zu verbünden und gemeinsame Architekturen aufzubauen, die für alle kostengünstiger sind, am besten Open Source.
Welchen Stellenwert schreiben Sie der Smart-City-Strategie zu?
Die Strategie ist ein wesentlicher Bestandteil, allerdings weniger, damit man danach weiß, was zu tun ist. Man hat vielmehr etwas in der Hand, das auf einem formalen Beschluss beruht und worauf man sich berufen kann. Gleichzeitig öffnet der Beteiligungsprozess, den man möglichst breit anlegen sollte, die Leute überhaupt erst für das Thema. In unserer Bubble mag klar sein, was Smart City ist, in der Breite ist es erklärungsbedürftig. So sensibilisiert man Wirtschaft, Verwaltung und Politik.
Machen wir uns aber nichts vor: Der technologische Fortschritt ist schnell und die finanziellen Ressourcen sind begrenzt. Alles sollte realistisch und umsetzbar sein, und man muss eine Strategie nach ein, zwei Jahren auch revidieren und anpassen können.
2. Projekte im Fokus
Ihr Mitmach.Raum gilt als Erfolgsprojekt. Wie hat er sich entwickelt?
Am Anfang war der Raum als Stadtlabor konzipiert, wir wollten dort selbst Workshops und Repair-Cafés durchführen. Es zeigte sich schnell, dass das vom Handling und von den eigenen Ressourcen her sehr aufwendig wird. Deshalb arbeiten wir heute mit festen Kooperationen: Vereine und NGOs gehen selbst an Schulen, Kindergärten und Behindertenwerkstätten heran und übernehmen die Administrierung. Vereine und Verwaltung können den Raum kostenlos buchen. Wir kommen auf rund 200 Terminbuchungen im Jahr, ohne dass wir viel machen müssen.
Zusätzlich ist ein Pop-up-Store für städtische Anlässe entstanden, beim Kinofest war dort der Ticketshop. Ausgestattet ist der Raum unter anderem mit smartem Schließsystem, smarten Heizkörpern und digitalen Stelen, die im Stadtgebiet auf Veranstaltungen hinweisen. Künftig stellen wir dort eine kleine Vitrine mit Sensorik und QR-Codes auf, damit die Leute etwas zur evidenzbasierten Stadtentwicklung sehen. Ganz low level, aber informativ.
Was kostet der Raum, und wie messen Sie seine Wirkung?
Die Immobilie ist ohnehin von der Stadt angemietet, es fallen also keine Mietkosten an, und bei der Einrichtung waren wir bewusst basic unterwegs. Die Investitionskosten liegen bei ungefähr 30.000 Euro. Gemessen wird über die Zahl der Veranstaltungen, systematische Frequenzauswertungen machen wir aus Zeit- und Kapazitätsgründen nicht. Für Buchungen und Gebühren nutzen wir Pretix, damit sind wir sehr zufrieden.
Inzwischen habe ich den Raum ans Zentrenmanagement abgegeben, dort liegt er auch richtig. Das ist ein Projekt, wie es im besten Fall läuft: Wir setzen Impulse, bauen etwas auf und geben es dann ab. Wenn Sie mich fragen, was dort diese Woche stattfindet, kann ich es Ihnen gar nicht sagen. Das bedeutet nur, dass es läuft, ohne dass ich etwas dazu tun muss.
Gregor Spanke, Smart-City-Koordinator der Stadt Lünen, erläutert in diesem Interview seinen Tipp „Bauen Sie Ihre Stadtlabore streng an den Bedarfen Ihrer Stadtgesellschaft auf.“
Weitere Informationen zum Mitmach.Raum der Stadt Lünen finden Sie hier und die allgemeine Webpräsenz der Smart City Lünen finden Sie hier.
Die Aufnahme fand im Rahmen der Urban Digital Workation in der Metropole Ruhr im Mai 2024 statt.
Wie docken Sie die Smart City-Themen an die Internationale Gartenausstellung 2027 an?
Wir sind in Lünen einer der IGA-Standorte 2027 und setzen in diesem Zuge ein digitales Erlebniskonzept um. Im Vordergrund steht das digitale Erlebnis der Besucher: virtuelle Stationen, auf die man per QR-Code oder über unsere Stadt-App geleitet wird und wo ein Augmented-Reality-Erlebnis, ein Quiz oder ein Umweltbildungsthema wartet.
Daneben wollen wir zeigen, was Grünflächen für eine Stadt leisten. Geplant ist ein leicht verständliches Dashboard auf Stelen vor Ort, das auf unsere Daten zugreift: Was bringen kühle Orte, was heiße, was verdichtete, und was ändert das im Stadtklima? Das ist noch in der Planung, aber wir wollen diese Informationen auch mit smarten Geräten verknüpfen. Zum Beispiel die UV-Strahlung darstellen und daneben einen Sonnencremespender aufstellen, also Gesundheitsprävention mit direktem Mehrwert für die Besucher schaffen. Beim Thema Bodenfeuchte schauen wir auf den Hitzestress, und wir möchten auch Frequenzen erfassen, um zu sehen, wie das Areal besucht werden wird.
Zur IGA 2027
Vom 23. April bis 17. Oktober 2027 wird das Ruhrgebiet zur Bühne der Internationalen Gartenausstellung, dem nach eigenen Angaben größten Gartenfestival Europas. Erstmals findet eine IGA nicht in einer einzelnen Stadt statt, sondern in einer ganzen Region, unter dem Leitmotiv „Wie wollen wir morgen leben?“. An 178 Tagen sind mehr als 6.000 Veranstaltungen geplant. Hauptschauplätze sind fünf Zukunftsgärten in Gelsenkirchen, Duisburg, Dortmund, Lünen und Castrop-Rauxel/Recklinghausen. Ein rund 100 Kilometer langer IGA-Radweg verbindet sie durch zehn Städte und bleibt auch nach der Ausstellung erhalten. Mehr Informationen: iga2027.ruhr
3. Blick nach vorne und nach Berlin
Welche Trends sehen Sie aktuell?
Das Thema Smart City ist im Aufwind, und das Verständnis dafür ist stärker als noch vor einigen Jahren. Durch gesellschaftliche Megatrends wie den Demografie- und Klimawandel kommen so viele Entwicklungen auf, dass Politik, Gesellschaft und Verwaltung wissen: Es muss sich etwas ändern, und die vernetzt handelnde Stadtverwaltung kann zur Lösung der Herausforderungen eine entscheidende Rolle einnehmen. Durch neue Anwendungen haben wir technologisch inzwischen auch einen anderen Hebel, unsere Städte proaktiv zu gestalten.
Ich merke in meiner Arbeit, dass vor allem die evidenzbasierte Entscheidungsfindung immer relevanter wird. Eine Studie des Bundesumweltministeriums bezeichnet die Datenbasis als Rückgrat einer nachhaltigen und klimaresilienten Stadtentwicklung. Wir haben es zuletzt in der Hitzewelle erlebt: Viele Verwaltungsfachbereiche sind auf mich zugekommen und haben nach Wetterdaten gefragt, obwohl wir uns noch im Aufbau befinden und ich kein fertiges Dashboard habe.
Damit das trägt, braucht es einheitliche IT-Architekturen, in der eigenen Kommune und kommunenübergreifend, sonst wird es zu kompliziert und finanziell nicht mehr leistbar. Dafür muss man die gesamte Verwaltung einfangen, und insbesondere auf der Ebene des Verwaltungsvorstands muss das Thema erkannt und eine gemeinsame Systemarchitektur unterstützt werden. So kann beispielsweise sichergestellt werden, dass Geo-, Sensor- und Sozialdaten zusammenlaufen, um bessere kommunalpolitische Entscheidungen treffen zu können.
Für uns hat sich außerdem gezeigt, dass es ohne große Förderkulisse geht. Wir haben immer mit kleineren Förderungen gearbeitet, uns kommunenübergreifend Verbündete gesucht, die Smart-City-Stelle aber so verortet, dass sie dauerhaft finanziert ist und stetig ein kleines, solides Budget hat. Die Ergebnisse haben dieses Budget in der Politik dann auch immer gerechtfertigt.
Welche Erwartungen haben Sie an das Urban Digital Netzwerktreffen am 12. Oktober und die Smart Country Convention in Berlin?
Ich freue mich, am 12. Oktober wieder dabei zu sein. Meine Erwartung an die Veranstaltung von Urban Digital ist vor allem das Netzwerken, aber auch die Impulse. Es gibt immer Themen, die man am eigenen Schreibtisch nicht mitbekommt. So habe ich immer gearbeitet: auf solchen Formaten von anderen Kommunen lernen, was möglich ist, und daraus mitnehmen, was uns Mehrwert bietet. Dafür lohnt es sich schon allein, nach Berlin zu kommen.
Beim Thema KI bin ich gespannt, wie es nach vorne geht: Wie funktioniert die Symbiose von Daten und KI, und welche Anbieter gibt es? Dazu kommt der informelle Austausch mit Kommunen aus ganz Deutschland, auch mal mit Kollegen aus Süddeutschland, die man sonst nicht so einfach treffen kann. Das ist für mich der wichtigste Austausch in der Community im Jahr.
Sie wollen Gregor Spanke persönlich treffen? Er ist beim Urban Digital Netzwerktreffen rund um digitale Stadtentwicklung am 12. Oktober in Berlin dabei.

