Mittwoch, 20. Oktober 2021
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Open Source Business Alliance: Digitale Souveränität in Kommunen

Lothar Becker (l.) und Alfred Schröder (r.) sind Vorstandsmitglieder der Open Source Business Alliance – Bundesverband für Digitale Souveränität (OSB Alliance) und Sprecher der Working Group Public Affairs der OSB Alliance. Lothar Becker ist Eigentümer und Geschäftsführer des Beratungs- und Dienstleistungsunternehmens .riess applications und Vorstandsvorsitzender der „The Document Foundation“ (LibreOffice). Alfred Schröder ist Mitgründer und Geschäftsführer des Beratungs- und Dienstleistungsanbieters GONICUS GmbH. Beide Unternehmen beraten und unterstützen seit Jahren erfolgreich Unternehmen, Verwaltungen und Behörden bei der Implementierung von Open Source Lösungen.

Wir freuen uns sehr, dass Alfred Schröder und Lothar Becker uns in einem schriftlichen Interview im April 2021 die nachfolgenden Fragen zu Themen der digitalen Souveränität und dem Einsatz von Open Source-Lösungen im kommunalen Umfeld beantwortet haben und weisen interessierte Leser:innen auf ihre Twitter-Kanäle (Alfred Schröder / Lothar Becker) und ihre Beiträge auf den Seiten der Open Source Business Alliance hin.

1. Herausforderungen mit Open Source

Public Money? Public Code! Dieser Grundsatz für den Einsatz quelloffener Software in der öffentlichen Verwaltung klingt einleuchtend. Aber welche hauptsächlichen Herausforderungen ergeben sich typischerweise für eine Behörde, die sich heute für diesen Weg entscheidet? Ist Open Source gleich Open Source?

Lothar Becker: Herausforderungen gibt es natürlich genügend, wie bei jeder Neueinführung oder Veränderung von Prozessen. Wichtig für den Erfolg ist eine politische bzw. strategische Unterstützung dieser Veränderung. Dann sind auch Motivation und Veränderungsbereitschaft mit dem Ziel der digitalen Souveränität erreichbar:

Beschaffung

Unter diesem Begriff kann man viele Aspekte subsumieren, die insbesondere für Kommunen eine gewisse Herausforderung darstellen. Für die Beschaffung von IT-Lösungen wird oft der „one-stop“ Shopping Ansatz gewählt. Nicht der konkrete spezifische Bedarf steht im Vordergrund, sondern eine verfügbare Produktbeschreibung. Das entsprechende Know-how für eine detaillierte Definition und Ausschreibung von entsprechender Software und ihren Eigenschaften, die sie erfüllen soll, ist rar und der Prozess vielleicht mühsam. Aber genau das, diese Veränderung in der Beschaffung, ist der Preis für eine digitale Souveränität, den man nun nach entsprechenden Erfahrungen zunehmend bereit ist, auch auf kommunaler Ebene zu bezahlen.

Alfred Schröder: Das eingängige Prinzip „Public money? Public code!“ ist aber nicht nur festgelegt auf den Einkauf von offener Software, sondern auch auf das Invest der Steuergelder in Weiterentwicklung bzw. Neuentwicklung von Softwarelösungen im kommunalen Bereich. Damit ist sogar eine gezielte Wirtschaftsförderung des heimischen KMU-Umfeldes evtl. sogar in der beschaffenden Kommune möglich. Daran schließt sich eine Herausforderung an, die wir immer noch oft hören, das ist die Zusammenarbeit mit OSS Anbietern.

Zusammenarbeit mit OSS Anbietern

Es scheint für viele Kommunen ein Buch mit sieben Siegeln, wie man denn nun eine OSS Software tatsächlich kauft. Und hier beginnt schon die Herausforderung, denn meist wird das Geld im OSS Bereich nicht über „gekaufte Anzahl Installationen“ verdient, sondern über begleitende Dienstleistungen für Anpassung, Support, Sicherheitsupdates, Schulung usw. Die OSB Alliance hat hier einige Hilfestellungen erarbeitet, die bei einer Handreichung zur Nutzung von EVB-IT Vertragswerken für OSS Beschaffung startet und mit einer Erklärung in einem Positionspapier von typischen OSS-Zusammenarbeitsmodellen nicht endet. Wer hier mehr Info braucht, darf sich gerne mit einer Mail an uns wenden.

Repository für die öffentliche Verwaltung

Lothar Becker: Eine häufige Frage an die OSB Alliance lautet zum Beispiel „Haben Sie denn für diese oder jene Funktion einen entsprechenden Open Source Software Anbieter in ihren Verbandsreihen?“ Selbstverständlich leiten wir solche Anfragen immer gerne an unsere Mitglieder weiter und in den allermeisten Fällen können wir als Netzwerker hier auch helfen. Aber das adressiert nicht den generellen Bedarf nach einem speziellen Marktplatz für Open Source Software von öffentlichen Verwaltungen. Dazu gibt es viele Initiativen, unter anderem auch zwei unter Beteiligung der OSB Alliance.

Zum einen erarbeiten wir zusammen mit der Vitako ein sogenanntes Repository, in der von der ÖV initiierte Software Lösungen im Source Code und mit entsprechenden Meta-Informationen zugänglich gemacht werden. Zum anderen gibt es auf europäischer Ebene Zusammenarbeiten, um entsprechende Listen und Portale mit Referenzen aus dem ÖV der unterschiedlichen Ebenen u.a. dem kommunalen Bereich zur Verfügung zu stellen.

Akzeptanz der Benutzer:innen

Alfred Schröder: Bleibt noch die Akzeptanz der Benutzer:innen. Solche Migrationsprojekte stellen häufig ein sogenanntes Change Management Projekt dar, das nicht nur IT-technisch sondern auch kommunikations- und partizipationstechnisch zu gestalten ist. Information und Einbeziehung von Key Usern spielt hier eine wesentliche Rolle, aber mit diesen Aspekten sind die Open Source Software Anbieter bestens vertraut und bieten entsprechende Migrations-Beratung und Hilfe an. Fragen Sie schon im Planungs- und Beschaffungsprozess nach dieser Unterstützung!

2. Urbanes Datenmanagement

Auf ihrem Weg zur Smart City stellt sich für viele Kommunen in Deutschland momentan die Frage, wie sie ihr urbanes Datenmanagement aufbauen. Vor welchen möglichen Entwicklungspfaden stehen die Kommunen derzeit und welcher dieser Entwicklungspfade enthält wie viel Open Source?

Alfred Schröder: Es gibt viele Dimensionen, die bei den strategischen Überlegungen im Hinblick auf eine Smart City zu betrachten sind. Ein zentraler Aspekt, dem man in diesem Kontext leider zu wenig Aufmerksamkeit schenkt, ist auch hier die digitale Souveränität. Was passiert mit Daten, Anwendungen und Informationen, die bei vielen Smart City Lösungen entstehen? Auch wenn man aktuell immer häufiger in diesem Kontext „Open Source“ aus Kommunen hört, so ist die Motivation dabei nicht immer klar oder zielt in erster Linie auf Kosten ab, ohne die strategischen Aspekte hinreichend zu betrachten. Aus unserer Sicht muss auch hier gelten: nicht nur pragmatische Ansätze suchen, sondern strategische und nachhaltige Konzepte entwickeln, die digitale Souveränität und Offenheit mit in den Fokus stellen.

3. Priorisierung von Anwendungsfällen

Wenn Sie eine Priorisierung von Anwendungsfällen für den Einsatz von Open Source in einer Kommune auflisten müssten, welche Anwendungsfälle würden ganz oben und/oder ganz unten stehen?

Lothar Becker: Ein Oben oder Unten auf dieser Liste kann sich nur an der Bedeutung der Systeme für die gewünschte Digitale Souveränität der Kommunen richten, das kann natürlich sehr unterschiedlich sein. Prinzipiell aus unserer Erfahrung kann man vielleicht so antworten:

Oben auf der Liste stehen immer:

Systeme der kritischen Infrastruktur, Serverlandschaften, Software zum Betrieb von Einrichtungen der täglichen Daseinsvorsorge.

Aber auch der typische Softwarestack des ÖV Arbeitsplatzes, wie man ihn überall findet siehe Bundes-Initiative, mit Produktivitäts- und Collaborations-Programmen, Kommunikation, (Cloud-) Filesharing Systemen …

Eher Unten auf der Liste stehen nach unseren Erfahrungen speziellere Systeme:

Natürlich gibt es Fachverfahren und Software-Bereiche, in denen nicht in absehbarer Zeit „out of the box“ Ersatz geliefert werden kann. Dies kann zum Beispiel aus Gründen der Kompatibilität mit anderer kommunaler Software der Fall sein. Es kann sich im einen oder anderen Fall durchaus auch die Situation ergeben, dass es sich wirtschaftlich nicht lohnt, umzusteigen. Dabei kommt es auch darauf an, wie man diese „Abhängigkeit“ von dieser Software, bzw. dem Anbieter dann im Zusammenhang mit der Risikobewertung zur Digitalen Souveränität bewertet. Ein altes, nicht mehr ganz so großes Thema ist hier zum Beispiel die Kameralistik bzw. Doppik. Manchmal auch das Katasterwesen mit sehr speziellen kommunalen Aufgabenstellungen und Schnittstellen.

Alfred Schröder: Übrigens heißt „unten auf der Liste“ nicht, dass diese Systeme nicht angegangen werden sollten, es sollten klare Migrations(zeit)pfade aufgestellt werden, die sich an einer Strategie für Open Source Software orientieren. Und es sollten dazu Kontakte zu anderen Kommunen, die vor der gleichen Aufgabe stehen, gesucht werden, um hier als Community auch mit übergeordneten Stellen notwendige Ressourcen zu bündeln bzw. aufzuteilen. Entsprechende Aktivitäten werden ja gerade vom IT-Planungsrat forciert bzw. durchgeführt.

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4. Rolle proprietärer Software

Welches Rollenbild weisen Sie Anbietern von proprietärer Software zu?

Alfred Schröder: Das ist die Frage an den Elektrofahrzeughersteller, was er denn dem Produzenten von Verbrennungsfahrzeugen empfiehlt. Ich denke, die logische Antwort wäre: „Überdenke dein Businessmodell und gehe einen Weg hin zu Open Source Lizenzen“ Damit ist auch Geld zu verdienen, wie die Mitglieder der OSB Alliance sehr eindrücklich beweisen. Wobei interessanterweise eine Vielzahl an proprietären Herstellern im Zuge der wachsenden Bedeutung von Cloud-Diensten in den vergangenen Jahren zumindest schon den Weg gegangen sind, Software eher als Service denn als Produkt anzubieten. Der Schritt ist also gar nicht mehr soooo groß.

5. Weitere Informationen

Welche Touch Points hat die Open Source Business Alliance und eine typische Kommune, die sich verstärkt mit dem Thema der Digitalisierung beschäftigt?

Lothar Becker: Kontakt zur OSB Alliance können Sie auf vielen Wegen bekommen, bis hin zu einer Mitgliedschaft in unserem Verband. Ja, natürlich haben wir auch Anwenderorganisationen wie Kommunen oder kommunale Rechenzentren in unseren Reihen. Sie profitieren mit am umfassendsten von den vielen Aktivitäten, Informationen und Netzwerken, die die OSB Alliance ihren Mitgliedern zugänglich macht. Darüber hinaus steht natürlich immer auch unsere Geschäftsstelle, unsere Interessensvertretung in Berlin und selbstverständlich auch jede:r Sprecher:in der vielen Working Groups für Anfragen bzw. Austausch zur Verfügung. Alle notwendigen Informationen dazu finden Sie gesammelt auf unserer Website, da lohnt es sich immer mal umzuschauen und dort können Sie sich auch für unseren monatlichen Newsletter anmelden.

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Beitrag

Dimitri Ravin
Dimitri Ravin befasst sich seit dem Jahr 2017 als Initiator von urban-digital.de mit dem Einfluss der Digitalisierung auf Städte. Parallel ist er mit Beratungs- und Vortragstätigkeiten i. Z. m. Smart City Projekten und Strategien tätig. Davor untersuchte er am Institut für den öffentlichen Sektor (KPMG) die Smart City-Strategien deutscher Großstädte und war als Projektassistenz für digitale Projekte bei der Stadt Dortmund angestellt.

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