Autor: Tobias Weinmann | demokratie.today | März 2026
Eine Sachbearbeiterin in einer mittelgroßen Stadt soll ein Beteiligungsprojekt zur Wärmeplanung aufsetzen. Sie hat die Unterlagen vom Fachamt, ein paar Karten, den Zeitplan. Was sie nicht hat: Webdesign-Kenntnisse, eine Agentur im Rücken und mehr als zwei Tage Zeit. In den meisten deutschen Kommunen endet das so: eine Seite mit viel Text, einem PDF-Download und der stillen Hoffnung, dass sich trotzdem jemand beteiligt. Das ist der Normalzustand. Und er ist dabei, sich grundlegend zu verändern.
Die Lücke, über die niemand spricht
Die KI-Debatte in der digitalen Bürgerbeteiligung dreht sich fast ausschließlich um die Auswertung: Bürgervorschläge clustern, Sentiment-Trends erkennen, Zusammenfassungen für die Ratsvorlage generieren. Die OECD hat in ihrem Report „Governing with Artificial Intelligence“ über 200 KI-Anwendungen in Regierungen analysiert (OECD, 2024). Die häufigsten:
Zusammenfassung, Übersetzung, Personalisierung.
Alles Output-Seite.
Aber die Frage, die in der Verwaltungspraxis viel drängender ist, stellt kaum jemand: Wie entsteht die Beteiligungsseite selbst – die Projektbeschreibung, die Hintergrundinformationen, das Layout? Die ehrliche Antwort: mit Word, Copy-Paste und einem CMS, das für Ratsinformationen gebaut wurde, nicht für Bürgerdialog.
Vom CMS zum Projekt-Studio
Moderne Beteiligungsplattformen entwickeln sich zu spezialisierten Website-Buildern für Beteiligungsprojekte – nicht im Sinne eines Wix oder Squarespace, sondern als Baukastensystem für kommunale Anforderungen.
Consul etwa bietet inzwischen über 70 vorgefertigte Inhaltsblöcke: Akkordeon-Elemente, Bildergalerien, KPI-Anzeigen, Timeline-Darstellungen, Call-to-Action-Karten. Per Drag-and-Drop zusammengestellt, mit drei Bearbeitungsmodi vom WYSIWYG-Editor bis zum Code-Editor.
Das allein wäre eine Verbesserung. Aber die eigentliche Disruption kommt mit dem vierten Modus.
Der KI-Editor: Anweisung statt Auszeichnung
Verwaltungsfachkräfte öffnen einen Inhaltsblock, tippen eine Anweisung in natürlicher Sprache – „Mach daraus eine Übersicht mit drei Spalten und Icons für Zeitplan, Budget und Ansprechpartner“ – und die KI generiert den HTML-Code. Wahlweise mit oder ohne Textänderung: Layout umstrukturieren und Text beibehalten, oder beides überarbeiten.
Kein Webdesigner. Keine Agentur. Keine Ticket-Schleife mit der IT.
Das geht noch weiter: Ganze Dokumente – PDF-Vorlagen vom Fachamt, Word-Dateien aus der Projektgruppe – lassen sich hochladen und automatisch in strukturierte Inhaltsblöcke zerlegen. Die KI extrahiert Termine, Kategorien, Nachhaltigkeitsziele und erzeugt eine fertige Projektseite als Entwurf. Der Mensch entscheidet, was veröffentlicht wird.
Was das für die Kosten bedeutet
„KI entfaltet ihren Nutzen nur, wenn sie in bestehende Strukturen eingebettet wird.“
(BBSR, 2025)
Die Kosteneffekte sind konkret: Wo bisher eine externe Agentur für Konzeption und Design einer Projektseite beauftragt wurde – Tagessätze zwischen 800 und 1.500 Euro –, können geschulte Verwaltungsfachkräfte eine vergleichbare Seite in einem Bruchteil der Zeit erstellen.
Nicht, weil die KI alles automatisiert, sondern weil sie die technische Barriere zwischen Fachkompetenz und Webpräsenz eliminiert.
Zwölf Anbieter, null Abhängigkeit
Ein Aspekt, der in der kommunalen KI-Debatte oft untergeht: die Frage der technischen Souveränität. Bei proprietären Plattformen ist die KI-Integration in der Regel an einen festen Anbieter gekoppelt. Bei Open-Source-Lösungen gibt es einen anderen Ansatz: Consul unterstützt über eine konfigurierbare Schnittstelle zwölf verschiedene KI-Anbieter – von OpenAI und Anthropic über Mistral und DeepSeek bis zu Ollama, das vollständig lokal auf eigenen Servern läuft.
Für Kommunen, die „limitiertes Risiko“ im Sinne des EU AI Act anstreben, ist das ein entscheidender Unterschied. Lokale KI-Modelle bedeuten: Die Bürgerdaten verlassen den kommunalen Server nicht. DSGVO-Konformität nicht als Versprechen, sondern als Architektur.
Input schlägt Output
Die KI-gestützte Auswertung von Bürgerberträgen wird kommen – auf allen Plattformen. Aber die größere Hebelwirkung liegt auf der anderen Seite. Die beste Auswertungs-KI hilft nichts, wenn das Beteiligungsprojekt nie startet – weil die Projektseite zu aufwendig war, weil die Fachabteilung keine Webdesign-Kapazität hatte, weil das Portal wie ein Verwaltungsformular aussah statt wie eine Einladung.
Erst ein Drittel der deutschen Kommunen bietet überhaupt digitale Beteiligung an (TU Dresden et al., 2026). Die Ursache ist selten fehlendes Interesse. Es fehlt an Kapazität, an Werkzeugen, an der Brücke zwischen Fachkompetenz und digitaler Umsetzung.
Die Frage ist nicht mehr, ob Kommunen KI für Beteiligung einsetzen werden. Die Frage ist, ob sie KI nur am Ende einsetzen – um auszuwerten, was hereinkam – oder auch am Anfang, damit überhaupt etwas entsteht, das zum Mitmachen einlädt.
Wie viele Stunden investiert Ihre Kommune aktuell in die Erstellung einer einzelnen Beteiligungsseite und wer macht das?
Einladung zum Online-Workshop am 6. Mai 2026
Am 4. Mai veranstalten wir im Rahmen der Urban Digital Rheinland Workation einen Online-Workshop “KI-Bots in Consul” mit Rebecca Palm von der Kreisstadt Siegburg.
Hier geht’s zur kostenfreien Anmeldung →

Quellen
- Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR). (2025, 10. September). Smart und strategisch: Wie Kommunen KI erfolgreich nutzen können. Abgerufen am 16. März 2026 von https://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/startseite/topmeldungen/ki-stadtentwicklung.html
- Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD): Governing with Artificial Intelligence (= OECD Public Governance Reviews), Paris: OECD Publishing 2024, URL: https://doi.org/10.1787/795de142-en (abgerufen am 16.03.2026).
- TU Dresden / HHU Düsseldorf / Uni Leipzig / Uni Koblenz: Forschungsprojekt „Erfolgsfaktoren lokaler E-Partizipation“ (unter Leitung von M. Kneuer [u. a.]), gefördert durch die Stiftung Mercator, Dresden/Düsseldorf 2026, URL: https://lokale-partizipation.de (abgerufen am 18.03.2026).


