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Wärmewende digital gestalten: Wie ein Energieeinsparpotenzialkataster in Kamen private Sanierungen in Gang bringt

Die Wärmewende entscheidet sich im Heizungskeller. Während der Ausbau erneuerbarer Stromerzeugung in vielen Städten sichtbar voranschreitet, bleibt der Gebäudebestand ein zentraler – und oft unterschätzter – Emissionstreiber. Auf den Betrieb von Gebäuden entfallen in Deutschland rund 30 Prozent der CO₂-Emissionen und etwa 35 Prozent des Endenergieverbrauchs, überwiegend für Raumwärme und Warmwasser. Besonders ins Gewicht fallen Wohngebäude, die vielfach noch mit Erdgas oder Heizöl beheizt werden.

Gleichzeitig stehen viele Eigentümerinnen und Eigentümer vor einer grundlegenden Unsicherheit: Welche Sanierungsmaßnahmen sind sinnvoll? Welche Investitionen lohnen sich wirklich? Und wo soll man überhaupt anfangen? Genau hier setzt ein digitales Instrument an, das die Stadt Kamen als eine der ersten Kommunen in Deutschland eingeführt hat.

Transparenz als Schlüssel zur Wärmewende im Bestand

Mit dem im März 2025 vom Rat beschlossenen Ziel der Treibhausgasneutralität bis 2040 verfolgt die Stadt Kamen ambitionierte Klimaschutzziele. Ein wesentlicher Hebel liegt im Gebäudebestand: Der Wärmebedarf privater Haushalte wird bislang überwiegend durch Erdgas und Heizöl gedeckt und verursacht einen erheblichen Teil der städtischen Emissionen.

Hinzu kommt ein gesetzlicher Rahmen, der Tempo erzwingt. Mit dem Wärmeplanungsgesetz sind seit 2024 alle Kommunen zur kommunalen Wärmeplanung verpflichtet; Städte der Größe Kamens müssen ihren Wärmeplan bis Mitte 2028 vorlegen. Eine kommunale Wärmeplanung weist den Weg jedoch vor allem auf Ebene von Quartieren und Wärmenetzen – die konkrete Entscheidung über Dämmung, Fenster oder eine neue Heizung trifft am Ende jeder Eigentümer selbst. Genau diese Lücke zwischen strategischer Planung und privater Umsetzung schließt das Energieeinsparpotenzialkataster.

Um Eigentümerinnen und Eigentümer systematisch für die Wärmewende zu gewinnen, hat die Stadt Kamen ein Energieeinsparpotenzialkataster (EPK) eingeführt. Es schafft Transparenz über den energetischen Zustand der Wohngebäude, macht Einsparpotenziale sichtbar und liefert konkrete Handlungsoptionen. Statt abstrakter Appelle setzt die Stadt damit auf datenbasierte Orientierung.

Das Energieeinsparpotenzialkataster: Von der Karte zur Entscheidungshilfe

Das EPK kombiniert vorhandene Geodaten mit gebäudespezifischen Informationen wie Baujahr, Geschosszahl, Dachform, Gebäudevolumen und Lage. Auf dieser Basis entsteht für Ein- und Zweifamilienhäuser eine erste Einschätzung des Energiebedarfs. Mit wenigen ergänzenden Angaben zum individuellen Sanierungsstand – etwa zu Fenstern, Dämmung oder Heiztechnik – lässt sich die Berechnung weiter präzisieren.

Das Besondere ist die verständliche Aufbereitung der Ergebnisse: Das EPK zeigt nicht nur mögliche Sanierungsmaßnahmen, sondern priorisiert sie nach Einsparpotenzial, Wirtschaftlichkeit und Amortisationszeit. Ergänzend liefert es Kostenschätzungen und Vergleichsszenarien, die unterschiedliche Investitionspfade gegenüberstellen. So wird aus komplexer Energiedatenanalyse ein praxisnahes Werkzeug, das auch ohne Fachwissen nutzbar ist.

Der Umsetzungspartner: digitale Orientierung als Impulsgeber

Entwickelt und umgesetzt wurde das Energieeinsparpotenzialkataster von der tetraeder.solar, einem auf digitale Werkzeuge für Energie- und Klimaschutz spezialisierten Unternehmen aus Dortmund. Ziel war es von Beginn an, ein Instrument zu schaffen, das fachlich belastbar ist und zugleich die Perspektive der Nutzerinnen und Nutzer ernst nimmt.

„Viele Eigentümerinnen und Eigentümer wissen, dass sie etwas tun müssten, fühlen sich aber von der Komplexität überfordert“, sagt Dr. Stephan Wilforth, Geschäftsführer der tetraeder.solar. „Das EPK übersetzt technische und energetische Zusammenhänge in verständliche Informationen. Unser Ziel ist es, Bürgerinnen und Bürgern Orientierung zu bieten und sie gleichzeitig zum Handeln anzuregen – ohne zu überfordern.“

Damit positioniert sich das Kataster bewusst zwischen strategischer Planung und konkreter Umsetzung: Es ersetzt keine individuelle Energieberatung, schafft aber eine fundierte Grundlage für Gespräche mit Energieberaterinnen, Handwerksbetrieben und Förderstellen.

Orientierung statt Verpflichtung – ein Angebot an die Bürgerschaft

Die Stadt Kamen versteht das EPK ausdrücklich als freiwilliges Informationsangebot. Bürgermeisterin Elke Kappen bringt den Ansatz auf den Punkt:

„Wir hoffen, den Bürgerinnen und Bürgern damit eine wichtige Orientierungshilfe in Sachen Sanierung an die Hand geben zu können. Etwas zur Treibhausgasneutralität beizutragen, ist außerordentlich wichtig – und das können wir nur gemeinsam schaffen.“

Elke Kappen, Bürgermeisterin der Stadt Kamen

Gerade diese niedrigschwellige Ausrichtung ist ein zentraler Erfolgsfaktor. Das EPK zwingt niemanden zu Maßnahmen, sondern senkt Informationshürden und unterstützt eine rationale, faktenbasierte Entscheidung. Eigentümerinnen und Eigentümer können verschiedene Sanierungsszenarien durchspielen und erkennen, welche Schritte – auch bei begrenztem Budget – den größten Effekt erzielen.

Erste Erfahrungen aus der Pilotphase und ein günstiges Zeitfenster

Das Energieeinsparpotenzialkataster befindet sich derzeit in einer frühen Anwendungsphase, liefert aber bereits erste aussagekräftige Erkenntnisse. Im ersten Halbjahr nutzen 2.333 Bürgerinnen und Bürger das Angebot, um den energetischen Zustand ihrer Gebäude zu überprüfen und mögliche Sanierungsschritte abzuschätzen. Die bisherigen Rückmeldungen fallen überwiegend positiv aus – sowohl mit Blick auf die Verständlichkeit als auch auf den Nutzen als Entscheidungshilfe.

Auch aus Sicht der Projektbeteiligten bestätigt sich der gewählte Ansatz. „Wir sehen, dass das Instrument genau zum richtigen Zeitpunkt kommt“, so Wilforth. „Aufgrund der aktuellen Rahmenbedingungen entsteht für viele Eigentümerinnen und Eigentümer ein günstiges Zeitfenster, um Maßnahmen zu planen und umzusetzen.“ Gemeint sind damit unter anderem die staatliche Förderkulisse – etwa die Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) – sowie die mit der kommunalen Wärmeplanung wachsende Klarheit über die künftige Wärmeversorgung vor Ort.

Die geringe Zahl an Widersprüchen gegen die Darstellung einzelner Gebäude unterstreicht zudem das Vertrauen in das Instrument. Transparente Kommunikation und ein verantwortungsvoller, datenschutzkonformer Umgang mit gebäudebezogenen Daten erweisen sich damit als zentrale Erfolgsfaktoren für digitale Klimaschutzlösungen.

Fazit: Digitale Werkzeuge als Beschleuniger der kommunalen Wärmewende

Das Beispiel Kamen zeigt, welches Potenzial digitale Anwendungen für die kommunale Wärmewende bieten. Das Energieeinsparpotenzialkataster ist mehr als ein technisches Tool – es ist ein strategisches Instrument, um Klimaschutzziele greifbar zu machen, Bürgerinnen und Bürger zu aktivieren und Investitionen im Gebäudebestand zu beschleunigen.

Gerade die ersten Erfahrungen aus der laufenden Pilotphase zeigen, dass digitale Werkzeuge dann ihre größte Wirkung entfalten, wenn sie frühzeitig Orientierung bieten – bevor konkrete Investitionsentscheidungen anstehen. Für andere Kommunen kann das Projekt damit als Blaupause dienen, wie sich Klimaschutz, Digitalisierung und Bürgerorientierung sinnvoll verbinden lassen.

Projektinformation in Kürze

  • Projekt: Energieeinsparpotenzialkataster (EPK) der Stadt Kamen
  • Ziel: Transparenz über energetische Einsparpotenziale im Wohngebäudebestand schaffen
  • Zielgruppe: Eigentümerinnen und Eigentümer von Ein- und Zweifamilienhäusern
  • Funktion: datenbasierte Einschätzung des Energiebedarfs; Vergleich von Sanierungsmaßnahmen; Darstellung von Einsparpotenzialen, Kosten und Amortisationszeiten
  • Besonderheit: niedrigschwelliger Einstieg ohne Vorwissen, freiwilliges Angebot
  • Rechtlicher Rahmen: ergänzt die nach dem Wärmeplanungsgesetz verpflichtende kommunale Wärmeplanung
  • Umsetzung: Stadt Kamen in Zusammenarbeit mit der tetraeder.solar
  • Status: laufende Pilotphase mit ersten positiven Rückmeldungen
  • Beitrag zur Wärmewende: Aktivierung privater Sanierungsentscheidungen als zentraler Hebel zur Treibhausgasneutralität bis 2040

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