Mittwoch, 1. Dezember 2021

Austausch über Begleitforschung in Smart City-Förderprogrammen

Am Mittwoch, dem 8. Dezember findet von 9.00 bis 10.30 Uhr die 6. Ausgabe unserer interkommunalen Austauschrunde „Smart City, aber mit Strategie“ online statt. Dieses Mal freuen wir uns auf die Inputs und Gespräche mit Univ.-Prof. Dr. Dr. Björn Niehaves (Universität Siegen), Ulf Ries (Cassini Consulting), Jan-Andreas Liebscher (Landeshauptstadt München) und Prof. Dr. Marc Redepenning (Otto-Friedrich-Universität Bamberg).

StartÖffentlicher RaumDie Smart City und der innerstädtische Handel

Die Smart City und der innerstädtische Handel

Die Digitalisierung von Städten und Regionen nimmt zusehends vielfältige Facetten an. Genauer genommen handelt es sich dabei um die vermehrte Anwendung digitaler Technologien in allen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereichen, die mithin als „Digitale Transformation bezeichnet wird und ihren Abdruck in der Raumentwicklung findet. Eine sich zunehmend digitalisierte Gesellschaft und Wirtschaft stellt andere Ansprüche an ihre „Lebensräume“. Die Forderung nach digitaler Infrastruktur, der Abruf digitaler Informationen über physisch-räumliche Ereignisse und Standorte stellen ebenso wie die Schaffung von Rahmenbedingungen für digitale Arbeitsplätze, plastische Beispiele für diese Veränderungen dar.

1. Einflüsse der Digitalisierung auf die
Innenstadtentwicklung und den stationären Handel

Für die Entwicklung der Innenstädte und des stationären Handels zeichnen sich im Zuge der digitalen Transformation gegenwärtig insbesondere die folgenden fünf Kernbereiche ab, die flächendeckende Entwicklungstendenzen, das bedeutet keine Inselphänomene, sind.

Die Verbreitung von digitalen Endgeräten und die hohe Zugänglichkeit zum Internet resultiert in ein Verändertes Einkaufsverhalten, denn es ermöglicht alternative Kund:innenreisen: die lokale Warenverfügbarkeit wird geprüft, Waren werden online gekauft und vor Ort abgeholt („Click and Collect“) oder auch komplett online gekauft und anschließend an die Zieladresse geliefert. Das alleinige Abholen der Ware verschwindet zunehmend als Beweggrund für den Besuch der Innenstadt. Damit wird die Monopolstellung des stationären Handels für den Vertrieb von Waren und Dienstleistungen aufgebrochen und folglich findet ein Kaufkraftabfluss aus dem stationären Handel zum Online-Shopping statt. Als direkte Folge sinkt die Besucher:innenfrequenz in innerstädtischen Bereichen. In der äußersten Ausprägung resultiert diese Entwicklung zunächst in leerstehende Immobilien.

Der steigende Online-Handel und der damit einhergehende Lieferverkehr führt zu neuen Logistikbedarfen, so dass urbane Logistik effizienter organisiert werden muss. Reaktionen sind in etwa die Errichtung von Abholstationen, lokale Lieferservices wie bspw. WüLivery in Würzburg, ebenso wie die Organisation von Mitnahmeeffekten zwischen mehreren innerstädtischen Geschäften.

Abb. 1 – Kernbereiche, in denen die Digitalisierung gegenwärtig die Innenstadtentwicklung und den stationären Handel (flächendeckend) prägt

Darüber hinaus führt die digitale Transformation der Wirtschaft selbstverständlich zu neuen Formen der Wertschöpfung, die sich zunehmend in den digitalen Raum verlagert bzw. an der Schnittstellte zwischen der analogen und der digitalen Welt stattfindet. Die Rahmenbedingungen für die Ausführung der digitalen Ökonomie führen zu einem Wandel an Nutzungsstrukturen hin zu mehr FabLabs, Coworking-Spaces und Cafés mit Arbeitsplätzen.

Eine weitere Entwicklungstendenz, die sich derzeit als tiefgreifende Transformation abzeichnet sind die neuen Formen der Zielbestimmung. Dass die Bewertungen bei Google Maps, Tripadvisor oder Yelp oft als Entscheidungsgrundlage für den Besuch eines Restaurants herangezogen werden, ist für die meisten von uns bereits Bestandteil unseres Alltages. Auf einer generischen Ebene ist es jedoch beachtenswert, wie stark digital bereitgestellte Informationen den grundlegenden Bewertungsmechanismus, welche Lokalitäten in einer Stadt besuchenswert sind und welche nicht, beeinflussen. Neben den o.g. Plattformen bestimmen mittlerweile auch die auf Social Media und in Augmented Reality-Spielen wie Pokémon Go gesammelten Eindrücke in einem erheblichen Maße, welche Orte in der analogen Welt aufgesucht werden.

Als fünfter Kernbereich kristallisiert sich der zunehmende Ausbau digitaler Hardware im öffentlichen Raum innerstädtischer Lagen heraus. Da in innerstädtischen Bereichen eine Verdichtung an Nutzungen und Verkehr vorzufinden ist, werden digitale Stelen, Sensorik zur Erfassung von Umweltdaten bzw. Parkraumüberwachung und Videokameras oftmals zuerst an diesen Orten installiert.

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2. Aktuelle Smart City-Use Cases und Trends

Vor dem Hintergrund der o.g. Umwälzungen stellt sich die Frage, ob Handel weiterhin eine zentrale Rolle in der von der Digitalisierung geprägten Innenstadt der Zukunft einnehmen kann. Zumindest historisch betrachtet ist der dauerhafte Güteraustausch ein Grund, weshalb Siedlungen überhaupt entstanden sind. Durch die dauerhafte Überproduktion in einzelnen Gewerken konnte ein regelmäßiger Güteraustausch stattfinden und dieser ließ sich bei einer Sesshaftwerdung, inkl. der Gründung eines Marktes, am besten realisieren. ¹

Abb. 2 – Die Digitalisierung erfordert zusätzliche Maßnahmen, um den stationären Handel in der Innenstadt der Zukunft weiterhin als Baustein für eine lebenswerte Stadt einstufen zu können.

Um zu erfahren, ob der stationäre Handel einen zentralen Baustein für die Lebensqualität der heutigen Innenstadt einnimmt, lohnt sich ein Blick in einschlägige Branchenbarometer. Diese bestätigen diesen Umstand, allerdings bedarf es einer figurativen Klammer mit Add-On-Maßnahmen, um die alte Gleichung aufrechterhalten zu können.

Idealerweise sollte die Anwendung dieser Add-On-Maßnahmen mit der Smart City-Entwicklung einhergehen. Um eine Verknüpfung der Auswirkungen der Digitalisierung auf die Innenstadt mit der Smart City-Entwicklung herstellen zu können, bietet sich ein Blick auf aktuelle Smart City-Use Cases an. Diese umfassen derzeit insbesondere folgende Bereiche.

  • Umweltsensorik: In Münster überwachen LoRaWAN-Sensoren die Wasserqualität im Aasee, um ein erneutes Fischsterben vorzubeugen. Im Gelsenkirchener Open Innovation Lab wurden nach der kürzlich umgesetzten digitalen Grundwassermessung nun weitere Sensoren verbaut und damit das städtische Sensornetzwerk mit zusätzlichen Wetter-, Wind und Bodenmessstationen erweitert.
  • Intelligentes Parkraummanagement: Im ‚ParkPilot‘-Projekt in Köln-Nippes zeigen 27 Richtungsanzeigen auf Straßenleuchten Autofahrer:innen den optimalen Weg zu den 800 Stellplätzen in einem 0,5 m² großen Wohngebiet, um den Parksuchverkehr damit zu minimieren.
  • Digitale Mobility-as-a-Service-Lösungen: App-Angebote für multimodale Verkehrsangebote verringern die Notwendigkeit für motorisierten Individualverkehr und verändern damit die Nutzung des öffentlichen Raums. Beispiele sind HVV Switch– und Jelbi-Stationen.
  • Digitales Abfallmanagement: Für eine ressourceneffiziente Routenplanung bei der Leerung von Abfallbehältern statten Ver- und Entsorgungsunternehmen diese mit Sensoren aus. Beispiele: Digitale Füllstandserfassung von 39 Hundetoiletten in Altenmünster; in Frankfurt werden die Leerungsaktivitäten mittels Chips protokolliert.
  • Smartes Energiemanagement: Digitale Steuerungssysteme ermöglichen die bedarfsorientierte Koordination von Produzenten, Verbrauchern, Speicher- sowie Netzbetriebskomponenten im Quartier. Beispiele: Future Living® Berlin und Mobility2Grid
  • Digitales Stadtlabor: Ziel ist die Schaffung von Orten, an denen Digitalisierung für die Stadtgesellschaft erfahrbar gemacht werden soll. Im Unterschied zu bestehenden Institutionen in der Fläche wie Digitalhubs oder Mittelstand Digital-Kompetenzzentren mit einem Fokus auf digital und wirtschaftlich affine Zielgruppen, sollen diese Stadtlabore die allgemeine Stadtgesellschaft adressieren. Beispiele: Münster, Aachen, Darmstadt, Duisburg, Haßfurt, Potsdam

3. Smarte Innenstadtentwicklung

Für die Verschränkung der beiden Entwicklungen Digitalisierung von Innenstadt und stationärem Handel sowie der Stadtentwicklung im Allgemeinen, ist eine integrierte und ganzheitliche Herangehensweise notwendig.

Zum einen muss eine aktive Generierung von Daten sowie deren Veredelung angestoßen werden, um die Nutzungsaktivitäten der Innenstadt besser erfassen zu können. So wurden bspw. in Kaiserslautern kostenlos nutzbare Liegestühle aufgestellt, die im nächsten Schritt mit GPS-Trackern ausgestattet werden. Nutzer:innen können diese dann zu beliebigen Orten mitnehmen und so kann nachverfolgt werden, wo Begegnungsräume erwünscht sind. Diese Informationen können als Entscheidungsgrundlagen für permanente Sitzgelegenheiten und damit die Erhöhung der Aufenthaltsqualität, dienen. Sind die nutzungsintensiven, d.h. beliebten Orte einer Innenstadt erst einmal ermittelt, lassen sich an diesen auch wirtschaftsfördernde Maßnahmen umsetzen.

Die Erfassung der Nutzungsaktivitäten kann auch mit der Austattung der digitalen Aufenthaltsqualität einhergehen. In Lübeck haben die Stadtwerke WLAN-Accesspoints in fünf Innenstadtbereichen installiert und ermittlen dadurch, wann wie viele Besucher:innen sich in welchen Bereichen aufhalten. Darüber hinaus ist mittels dieses City-WiFi-Angebotes eine lokalspezifische Kommunikation zwischen Händler:innen und anwesenden Besucher:innen möglich.

Abb. 3 – Ankopplung der digitalen Entwicklung von stationärem Handel und Innenstadtentwicklung an die Smart City-Entwicklung

Wie eingangs erwähnt, sind digitale Medien eine wichtige Entscheidungsgrundlage für viele Aktivitäten im analogen Raum. Angesichts dieser Tatsache ist eine digitale Bereitstellung von Informationen über lokale Angebote essenziell. Da wir von privatwirtschaftlichen Anbietern seit Langem die aktuelle und gebündelte Darstellung von Informationen gewöhnt sind, sollte die Informationsvermittlung über innerstädtische Angebote ebenfalls diesem Niveau entsprechen.

Entsprechend organisiert bspw. die Stadt Solingen peu à peu ihre Informationsvermittlung über digitale Stelen im öffentlichen Raum, ihre App und Webseite über ein zentrales Content-Management-System – den Open SmartCity Hub. So können komfortable Leitsysteme für Fußgänger:innen und Besucher:innen bereitgestellt werden. Im Zuge der COVID-19-Pandemie hat in Kaiserslautern das Citymanagement für lokale Gewerbetreibende eine Schnittstelle geschaffen, um ihnen die Aktualisierung und Mitteilung ihrer Öffnungszeiten zu erleichtern.

Abb. 4 – Nutzer der Solingen-App steht vor einer digitalen Stele im öffentlichen Raum in Solingen © Klingenstadt Solingen

Auch die Errichtung von Räumen für digitale Wertschöpfung ist eine wichtige Komponente für die digitale Innenstadt der Zukunft, denn sie erfüllen eine zentrale Frequenzbringer-Funktion. Da Produktion und Arbeit immer seltener emmissionstark sind, erlaubt die digitale Ökonomie eine verstärkte vertikale Nutzungsmischung von Wohnen und Arbeiten. Nicht zuletzt weil die digitale Ökonomie von starker Vernetzung und interdisziplinären Arbeitsweisen geprägt ist, bietet sich die Errichtung von Coworking-Spaces wie bspw. dem Oldenburger CORE, einem ehemaligen Einkaufszentrum an.

Ein weiteres Beispiel, das an der Schnittstelle von Smart Governement und Innenstadtentwicklung steht, ist das Projekt Terassen für Vieles. In diesem Pilotprojekt geschieht die Beantragung von Sondernutzungsflächen im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg mit dem ortsansässigen Bezirksamt auf digitalem Wege. Gastronomen, Einzelhändler ebenso wie Kulturschaffende oder soziale Akteure können vorerst bis Ende des Jahres 2021 Anträge für eine Nutzung von Außenflächen bzw. für Veranstaltungen im öffentlichen Raum, digital mitteilen. Gerade in Zeiten von COVID-19 soll durch die bequeme „Buchung“ des öffentlichen Raums das wirtschaftliche und soziokulturelle Treiben bei gleichzeitiger Einhaltung von Abstandsregeln, im Quartier weitgehend ermöglicht werden. Ein ähnliches Projekt mit dem Titel Wien gibt Raum wird derzeit in der österreichischen Hauptstadt umgesetzt.

4. Nachweise

  • CIMA Beratung + Management GmbH (2019): cima.MONITOR (Auszug) Fokusthemen der Stadtentwicklung im Meinungsbild der Deutschen ; letzter Zugriff am 03.10.2021
  • ¹ Weber, Max (1992): „Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie“, Zweiter Teil, Kap. IX, 7. Abschnitt, §1
  • Haderlein, Andreas (2018): Local Commerce: Wie Städte und Innenstadthandel die digitale Transformation meistern, Frankfurt am Main, S. 15 22, S. 107 ff.
  • IFH Köln Studie (2020) „Zukunft des Handels, Zukunft der Städte“, IFH Köln im Auftrag des Ministeriums für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes Nordrhein Westfalen; letzter Zugriff am 03.10.2021

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Beitrag

Dimitri Ravin
Dimitri Ravin befasst sich seit dem Jahr 2017 als Initiator von urban-digital.de mit dem Einfluss der Digitalisierung auf Städte. Parallel ist er mit Beratungs- und Vortragstätigkeiten i. Z. m. Smart City Projekten und Strategien tätig. Davor untersuchte er am Institut für den öffentlichen Sektor (KPMG) die Smart City-Strategien deutscher Großstädte und war als Projektassistenz für digitale Projekte bei der Stadt Dortmund angestellt. Mehr Informationen und Kontaktdaten →

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