Tobias Weinmann, demokratie.today
Von gut 3.700 Befragten hatten nur 13 Prozent überhaupt schon einmal von einem Online-Beteiligungsverfahren gehört. Teilgenommen hatten fünf Prozent. Die Zahlen stammen aus einer Befragung der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, erhoben 2023 und im Februar 2025 veröffentlicht.1
Wer in einer Kommune Beteiligung verantwortet, ahnt so etwas. Schwarz auf weiß ist es trotzdem ernüchternd.
Wer fehlt, und warum
Die Düsseldorfer Daten zeigen auch, wer fehlt. Unter den befragten Männern hatten acht Prozent schon einmal teilgenommen, unter den Frauen drei. Bei formal hoher Bildung waren es acht Prozent, bei niedriger zwei. In Großstädten sind Online-Verfahren bekannter als in Kleinstädten und Landgemeinden. Das Muster kennt die Partizipationsforschung seit Langem, und es gilt für digitale Formate offenbar genauso wie für die klassische Bürgerversammlung.
Aufschlussreicher als die Verteilung ist die Begründung. Gefragt, warum sie bisher nicht mitgemacht haben, stimmten die Befragten keiner Aussage so deutlich zu wie dieser: „Ich wurde noch nicht dazu aufgefordert, an einem Verfahren teilzunehmen.“ Auf Platz zwei folgt, dass sie mit niemandem über ein Verfahren gesprochen haben. Mangelndes Interesse landet ganz hinten.
Das deckt sich mit dem, was wir beobachten. Ich schreibe als Gründer von demokratie.today, wir betreiben Beteiligungsplattformen für knapp 40 Kommunen. Die Verfahren dort sind sorgfältig aufgesetzt, und sie werden trotzdem vor allem von denen gefunden, die das Amtsblatt lesen, dem Rathaus auf Instagram folgen oder den Newsletter abonniert haben. Die Einladung erreicht, wer ohnehin zuhört.
Aufsuchende Beteiligung ohne Personalschlüssel
Kommunen wissen das und gehen deshalb raus. Der Infostand auf dem Wochenmarkt, der Stadtteilspaziergang oder die Befragung vor dem Supermarkt erreichen Menschen, die kein Online-Verfahren je öffnen würden. Ihr Problem ist der Aufwand. Solche Formate binden Personal, finden an wenigen Terminen statt und enden, wenn die Kolleg:innen am Nachmittag den Stand abbauen.
More in Common und die Initiative Offene Gesellschaft haben in ihrer Studie „Mehr erreichen“2 einen Gedanken formuliert, der hier weiterhilft. Nicht nur die mehrstündige Diskussion zähle als Beteiligung, „auch kleine Momente der Beteiligung können einen wichtigen Beitrag zum Beteiligungsgefühl einzelner Menschen leisten“. Solche kleinen Momente lassen sich organisieren, ohne dass jemand danebensteht.
Die Einladung hängt am Ort der Sache
Die Mitmachbox ist ein Beteiligungsgerät für den öffentlichen Raum, rund 24 mal 19 Zentimeter groß, vor einer bedruckten Tafel. Auf dem E-Paper-Display steht eine Frage der Kommune, darunter liegen fünf Knöpfe für die Antworten. Wer vorbeikommt, liest, drückt und geht weiter. Es gibt kein Konto, keine App und keine Anmeldung, personenbezogene Daten entstehen dabei nicht. Die Box läuft mit Akku und sendet über Mobilfunk. Sie braucht also weder Steckdose noch WLAN und kann an der Haltestelle, im Bürgerbüro oder in der Bibliothek hängen, wochenlang und auch dann, wenn niemand aus der Verwaltung vor Ort ist.
Damit setzt sie genau an den beiden Hürden an, die in der Düsseldorfer Befragung vorne liegen. Die Aufforderung kommt nicht per Pressemitteilung, sie steht dort, wo die Menschen ohnehin sind. Und der Aufwand schrumpft auf wenige Sekunden. An der Kreuzung, die umgebaut werden soll, muss sich niemand erst vorstellen, worum es geht.
Für kleinere Gemeinden ist das besonders interessant, weil Online-Verfahren dort laut den Daten noch seltener bekannt sind als in der Großstadt. Eine einzelne Box für einen Monat genügt, um ein Verfahren auf dem Dorfplatz oder vor dem Rathaus sichtbar zu machen.
Ein Anfang, der ins Verfahren führt
Die Antworten landen nicht in einem eigenen System, sondern in derselben Auswertung wie das Online-Verfahren, getrennt nach Kanal ausgewiesen. Die Verwaltung sieht also nebeneinander, wie die Menschen vor Ort abgestimmt haben und wie die Teilnehmenden im Netz. Oft ist gerade der Unterschied der interessante Befund.
Für viele ist die Box außerdem der erste Kontakt mit einem Verfahren, nicht der letzte. Auf der Tafel führt ein QR-Code zum Projekt. Wer nach dem Knopfdruck mehr sagen möchte, findet dort die vollständige Beteiligung, und auf unseren Plattformen muss dafür niemand lange Texte tippen. Ein KI-Sprachassistent nimmt gesprochene Beiträge auf und macht daraus einen strukturierten Vorschlag. So wird aus einem Moment am Straßenrand für manche der Einstieg in eine Beteiligung, die sie sonst nie gefunden hätten.
Was das für Kommunen bedeutet
Den ersten Praxiseinsatz bereiten wir derzeit mit der Stadt Augsburg vor, zwei Boxen zum Bibliotheks-Entwicklungsplan. Die Box ersetzt keine Bürgerversammlung und keine ausführliche Online-Diskussion. Sie verbreitert aber die Basis, auf der solche Verfahren stehen. Ein Stimmungsbild von Menschen, die sonst in keinem Protokoll auftauchen, ist für einen Gemeinderat ein anderes Argument als die Rückmeldungen der immer gleichen, sehr engagierten Gruppe.
Die Düsseldorfer Studie enthält dafür eine einfache Handlungsanweisung, auch wenn sie sie so nicht formuliert. Die meisten Menschen, die nicht mitmachen, wurden schlicht nie gefragt. Das ist eigentlich eine gute Nachricht, denn fragen kann man.


