Pakete, Rücksendungen, Einkäufe und Leihgegenstände laufen in Städten über getrennte Systeme, jedes mit eigenen Stationen, Apps und Wegen. Das in Berlin ansässige Start-up bace setzt genau dort an: Ein Hub, an dem alle am Prozess beteiligten Unternehmen und Personen andocken, mit Web-App und ohne Registrierung nutzbar, in Quartieren, als Mobilitätsstationen und in Bürostandorten.
Ruben Dahmen hat das Unternehmen gemeinsam mit seinem Bruder Joshua aus dem Venture-Builder BEHIND heraus gegründet und verantwortet es als CEO. Nach ersten Hubs in Dortmund, Südwestfalen und Frankfurt plant bace den Ausbau in weitere Städte, darunter auch Berlin.
Beim Urban Digital Netzwerktreffen rund um digitale Stadtentwicklung am 12. Oktober in Berlin zeichnet er gemeinsam mit uns eine Live-Podcastfolge vor Publikum auf. Vorab haben wir ihn gefragt, was anbieteroffene Hubs für die städtische Logistik verändern und warum die letzte Meile aus seiner Sicht kein Engpass ist, sondern ein Gestaltungsraum.
1. bace vorgestellt
Ein Hub für alle Anbieter klingt einfach. Warum gibt es das nicht längst?
Ein geschlossenes System kann für einzelne Anbieter:innen wirtschaftlich durchaus sinnvoll sein. Sie kontrollieren den Zugang, halten die direkten Kundenbeziehungen und sichern sich die wirtschaftlichen Vorteile im eigenen System, etwa durch Umsätze oder Kosteneinsparungen. Die Öffnung für andere Anbieter:innen bedeutet deshalb zunächst, etwas zu teilen, das bislang allein dem eigenen Geschäft dient. Dafür braucht es einen klaren wirtschaftlichen Mehrwert. Dass eine gemeinsame Lösung für Nutzer:innen praktischer wäre, reicht als Anreiz allein nicht aus. Genau darin liegt die Herausforderung: Die gemeinsame Nutzung muss sich auch für die beteiligten Unternehmen lohnen.
Nur ist das, was für einzelne Anbieter:innen funktioniert, nicht automatisch die beste Lösung für eine Stadt und die Menschen und Unternehmen, die diese Angebote nutzen.
Nutzer:innen gleichen diese Trennung im Alltag aus. Sie gehen für jedes Angebot woanders hin, nutzen unterschiedliche Apps und bezahlen dafür mit Zeit und zusätzlichen Wegen. Das nehmen wir inzwischen als selbstverständlich hin.
Genau hier setzen wir mit bace an: Wir denken die gesamte letzte Meile aus Sicht der Menschen und Unternehmen, die sie nutzen. Als neutraler Plattformanbieter organisieren wir das Zusammenspiel verschiedener Anbieter:innen und koordinieren Lieferungen, Abholungen und Übergaben. Dazu gehört, den Zugang zur gemeinsamen Infrastruktur zu regeln und verfügbare Kapazitäten mithilfe von Algorithmen passend zur Nachfrage zu verteilen. So entsteht eine gemeinsame Grundlage, die mit weiteren Standorten und Angeboten wachsen kann.
Eine Paketstation löst die Paketübergabe. Wir ermöglichen am selben Ort auch lokale Einkäufe, Direktverkauf, Leihangebote, sichere Aufbewahrung, Rückgaben, Übergaben und perspektivisch weitere Angebote. Die entscheidende Frage ist deshalb, wie aus gemeinsam genutzter Infrastruktur ein Geschäft entsteht, das sich für alle lohnt.
Was passiert an einem bace Hub konkret, und was unterscheidet ihn von einer Abholstation?
An einem bace Hub lassen sich verschiedene Dinge des Alltags an einem Ort erledigen. Über unseren Marketplace können Händler:innen Produkte direkt am Hub zum Kauf anbieten, also per Instant Buy oder online zur Abholung bereitstellen. Dafür können sie den bace Shop ohne technische Integration direkt über das bace Dashboard nutzen oder ihre bestehenden Systeme per API anbinden. Dazu kommen Services wie Swap für die Übergabe von Gegenständen, Lock für die Aufbewahrung, Rückgaben und Rent für das Ausleihen.
Der Hub kann zugleich Teil einer Mobilitätsstation oder selbst eine sein. Dafür schließen wir Partner:innen an, die weitere Dienstleistungen und Infrastruktur vor Ort anbieten, etwa Lademöglichkeiten, Solarlösungen, Begrünung oder Stadtmöbel. Auch Parkflächen und andere Nutzungen des umliegenden Raums lassen sich in das Standortkonzept einbeziehen. Wir selbst bieten beispielsweise Fahrradgaragen mit smarter Schließung an. So verbinden wir die Services im Hub mit weiteren Angeboten rund um den Standort.
Welche Angebote an einem Hub verfügbar sind, richtet sich nach der Nachfrage in seiner Umgebung. Diese analysieren wir bereits vor der Installation und beziehen Menschen vor Ort zum Teil über Umfragen ein. So erfahren wir, welche Services gebraucht werden, und machen frühzeitig auf das künftige Angebot aufmerksam. Auf dieser Grundlage entwickeln wir das Angebot gemeinsam mit den angeschlossenen Partner:innen weiter und schalten zusätzliche Services schrittweise frei.
Der Unterschied zu einer Abholstation ist damit grundlegend: Wir denken vom Standort und seinem Bedarf aus. Mit unseren Hubs und unserer digitalen Plattform bringen wir Handel, Logistik, Leihangebote und Mobilität an einem Ort zusammen. Für neue Services muss nicht jedes Mal eine neue Station aufgestellt werden. Anbieter:innen können auf vorhandene Kapazitäten zugreifen, und Nutzer:innen erledigen mehr an einem Ort.
Mehr Einblicke in Standorte und Services gibt bace auf Instagram.
2. Hubs in der Stadt
Ihr erster Hub steht in Dortmund Phoenix West. Was haben Sie dort über die Nutzung gelernt, das Sie vorher nicht wussten?
In Phoenix West haben wir gelernt, welche unterschiedlichen Bedürfnisse an einem Bürostandort zusammenkommen und wie sie sich über denselben Hub bedienen lassen. Ab Oktober bündeln wir dort Pakete für Beschäftigte der umliegenden Unternehmen, sodass sie ihre Sendungen gesammelt am Hub abholen und die Abholung mit ihrem Arbeitsweg verbinden können. Unternehmen können diesen Service als Benefit für Mitarbeitende anbieten und den Hub zugleich für eigene Übergaben nutzen.
Daneben kooperieren wir in Phoenix West mit einem Mobilitätspartner und wollen das Angebot vor Ort künftig durch die Ausleihe von Tools und weitere Services über unseren Hub ergänzen. Die Erfahrung vor Ort hat uns gezeigt, wie Paketbündelung, betriebliche Übergaben und ergänzende Leihangebote an einem Standort zusammenpassen. Das fließt in die Weiterentwicklung von One Delivery und die Planung weiterer Standorte ein.
Wo in einer Stadt gehört so ein Hub hin, und wer entscheidet das?
Ein Hub gehört dorthin, wo Menschen ohnehin vorbeikommen: an Mobilitätsstationen, in Wohnquartiere oder an Bürostandorte. Wenn jemand für die Nutzung einen zusätzlichen Umweg machen muss, haben wir einen wesentlichen Teil des Konzepts verfehlt.
Dabei zählt nicht nur, wie viele Menschen an einem Standort vorbeikommen, sondern was sie dort brauchen. Im Büro kann das die gebündelte Paketabholung sein, im Quartier die Verbindung von lokalen Einkäufen, Lieferungen und Leihangeboten. Daraus ergibt sich, welche Services an einem Standort sinnvoll sind.
Die Standortentscheidung treffen wir gemeinsam mit den jeweiligen Flächeneigentümer:innen und Partner:innen, etwa Immobilienunternehmen, Arbeitgeber:innen oder Mobilitätsbetreiber:innen. Bei öffentlichen Flächen kommt die Stadt mit den zuständigen Stellen hinzu. Verfügbarkeit, Zugänglichkeit und erforderliche Genehmigungen müssen zusammenpassen.
Viele Städte haben bereits ein gewachsenes Logistik-Ökosystem: Mikrodepots, Lastenradlogistiker, kommunale Logistikkonzepte. Wie gehen Sie damit um, wenn Sie in so eine Struktur hineinkommen?
Das ist erst einmal eine gute Ausgangslage. Wenn eine Stadt bereits Mikrodepots, Lastenradlogistik und ein eigenes Logistikkonzept hat, wollen wir darauf aufbauen. Wir schauen gemeinsam mit den Akteur:innen vor Ort, wo die Übergabe an die Menschen noch umständlich ist und welche Rolle ein bace Hub dort übernehmen kann.
Ein Lastenradlogistiker könnte beispielsweise aus einem bestehenden Mikrodepot mehrere Hubs beliefern. Menschen holen ihre Sendungen dort ab, wo sie ohnehin vorbeikommen. Lokale Händler:innen können dieselben Hubs für ihre Bestellungen nutzen. So lässt sich eine vorhandene Lieferstruktur mit weiteren Angeboten verbinden.
Unser Anspruch ist, dass bestehende Akteur:innen mit bace mehr aus ihrer Infrastruktur machen können. Dafür müssen Abläufe, Schnittstellen und Wirtschaftlichkeit zusammenpassen. Entscheidend ist am Ende, ob wir gemeinsam Wege bündeln und die Versorgung vor Ort verbessern.
Was braucht bace von einer Stadt, damit ein Hub funktioniert, und was bekommt die Stadt zurück?
Wir brauchen von einer Stadt vor allem Zugang zu geeigneten Flächen, klare Zuständigkeiten und verlässliche Verfahren. Dazu gehört die Offenheit, bestehende Akteur:innen zusammenzubringen und einen Standort gemeinsam zu entwickeln. Ein Hub funktioniert dann, wenn Fläche, Angebot und Bedarf zusammenpassen.
Die Stadt bekommt einen gemeinsam nutzbaren Servicepunkt, an dem Lieferungen und alltägliche Erledigungen gebündelt werden können. Das schafft die Voraussetzung für weniger einzelne Zustellfahrten und Fehlzustellungen, macht lokale Angebote leichter zugänglich und kann zusätzliche Besuche an einen Standort bringen.
Diese Wirkung entsteht aber nicht allein durch das Aufstellen eines Hubs. Wir müssen gemeinsam prüfen, welche Services angenommen werden und ob tatsächlich Wege entfallen. Aggregierte Nutzungsdaten können dabei helfen, das Angebot weiterzuentwickeln. Unser Anspruch ist ein Standort, der sich wirtschaftlich trägt und einen messbaren Nutzen für die Stadt schafft.
Ruben Dahmen
CEO & Co-Founder, bace GmbH
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3. Blick nach vorne und nach Berlin
Mit welchen Fragen beschäftigen Sie sich momentan am meisten, und welche Antworten wünschen Sie sich auf dem Netzwerktreffen in Berlin?
Uns beschäftigt gerade vor allem, wie wir Unternehmen dafür gewinnen, Infrastruktur gemeinsam zu nutzen. Bevor Logistikunternehmen ihre Lieferungen untereinander bündeln, können sie bereits dieselben Hubs für ihre jeweiligen Angebote nutzen. Darin sehen wir einen konkreten ersten Schritt zu einer besser vernetzten Versorgung in der Stadt.
In Berlin möchten wir klären, was es dafür braucht: Welche Voraussetzungen müssen für Unternehmen erfüllt sein, damit sie gemeinsame Infrastruktur nutzen? Wo sehen Kommunen geeignete Standorte und konkreten Bedarf? Welche Flächen könnten Verkehrsbetriebe und die Immobilienwirtschaft einbringen, und wie lässt sich der Betrieb gemeinsam wirtschaftlich gestalten?
Darüber würden wir gern mit den relevanten Akteur:innen der Stadt sprechen und die Möglichkeit eines gemeinsamen Reallabors in Berlin ausloten. Dort könnten wir unter Alltagsbedingungen erproben, wie verschiedene Anbieter:innen dieselbe Infrastruktur nutzen, welche Angebote nachgefragt werden und welches Betriebsmodell sich trägt. Mein Wunsch für das Netzwerktreffen ist, dafür konkrete Partner:innen und einen gemeinsamen Ausgangspunkt zu finden.
Sie wollen Ruben Dahmen persönlich treffen? Er ist beim Urban Digital Netzwerktreffen rund um digitale Stadtentwicklung am 12. Oktober in Berlin dabei.


