StartDigitale StadtWas bringt Digitalisierungsrendite? Leonie Taieb über Wirkungsmessung in der digitalen Stadt

Was bringt Digitalisierungsrendite? Leonie Taieb über Wirkungsmessung in der digitalen Stadt

Ob Datenplattform, digitale Bürgerdienste oder KI in der Verwaltung: Immer häufiger müssen Städte belegen, welche Wirkung ihre Digitalisierungsprojekte tatsächlich entfalten. Genau hier setzt der Forschungsansatz Smart City Allianz für Lernen, Austausch und Entwicklung („SCALE“) der Universität Duisburg-Essen an.

Leonie Taieb, wissenschaftliche Mitarbeiterin und promoviert am Lehrstuhl von Prof. Dr. Frederik Ahlemann, entwickelt dort gemeinsam mit Städten ein Bewertungsmodell, das nicht nur die vorhandene Technik zählt, sondern Wirkungen und Fähigkeiten in den Blick nimmt. Die Teilnahme an der Studie ist für Kommunen kostenlos.

Beim Urban Digital Netzwerktreffen rund um digitale Stadtentwicklung am 12. Oktober in Berlin ist sie gemeinsam mit ihrem Kollegen Dr. Klaus Krumme dabei und gestaltet eine Session zur Wirkungsmessung für digitale Kommunen. Vorab haben wir sie gefragt, warum SCALE entstanden ist, was Digitalisierungsrendite bedeutet und weshalb gerade beim Hype-Thema KI die Frage nach der Wirkung so an Bedeutung gewinnt.

1. Warum SCALE entstanden ist

Mit SCALE entwickeln Sie ein neues Bewertungsmodell für digitale Städte. Was war der Anlass?

Als Universität beschäftigen wir uns naturgemäß intensiv mit der wissenschaftlichen Perspektive auf digitale Stadtentwicklung und beobachten seit einigen Jahren ein Wandel im Verständnis von Smart City. Es geht immer weniger um die reine Anwendung und das Vorhandensein von Technologien, sondern um den Menschen, um Nachhaltigkeit und Resilienz. Die bestehenden Bewertungen bilden vor allem das Technologische ab, weil diese Daten leichter verfügbar sind. Ob eine Stadt eine Datenplattform hat, lässt sich einfach beantworten. Dem heutigen Verständnis von Smart City wird das nicht mehr gerecht.

Aus unseren Workshops mit Städten und Kommunen unterschiedlicher Größe ist deutlich hervorgegangen: Es geht nicht mehr darum, ob die Technologie vorhanden ist, sondern ob die Fähigkeiten da sind, sie so einzusetzen, dass ein Mehrwert entsteht. Dieser Mehrwert soll nicht nur technologisch oder monetär sein, sondern dem Gemeinwohl dienen. Aus diesem Grund schauen wir auf Wirkungen und Fähigkeiten. Genau das wurde uns von den Städten als zunehmend relevant gespiegelt.

Leonie Taieb, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Duisburg-Essen

Leonie Taieb

Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Universität Duisburg-Essen

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Wie gehen Sie methodisch vor, und was unterscheidet SCALE von einer klassischen Rangliste?

Unser Ansatz ist pragmatisch und dialogorientiert: Wir maßen uns nicht an, die bedeutenden Bewertungsperspektiven besser zu wissen als die Städte selbst. Welche Datengrundlage realistisch ist und was sich abfragen lässt, erarbeiten wir gemeinsam mit ihnen. Dazu verbinden wir das Managementwissen unseres Lehrstuhls, etwa aus dem Benefits Management, mit dem Praxiswissen der Kommunen. Unsere Ansprechpartner sind alle kommunalen Ansprechpartner, die sich mit Digitalisierung befassen. Auch die politische Ebene beziehen wir ein, weil dort die Entscheidungen fallen. Das Erhebungsinstrument befindet sich derzeit in der Abstimmung mit den Städten.

SCALE ist eine Vergleichsstudie – wir wollen also vergleichen und einordnen, aber bewusst keine Rangliste von Platz 1 bis 100 erstellen. Denn Kommunen unterscheiden sich erheblich in ihren strukturellen Voraussetzungen. Um nicht „Äpfel mit Birnen“ zu vergleichen, clustern wir Städte mit ähnlichen Rahmenbedingungen und betrachten sie innerhalb dieser Vergleichsgruppen. Die Einordnung erfolgt anhand von Kategorien – vergleichbar mit der Logik des Nutri-Scores: Kategorie A kennzeichnet einen besonders hohen Entwicklungsstand, die weiteren Kategorien entsprechend unterschiedliche Stufen auf dem Weg dorthin.

Entscheidend ist dabei nicht nur, wo eine Stadt aktuell steht, sondern vor allem, wie sie sich gezielt weiterentwickeln kann. Perspektivisch soll eine Kommune deshalb nicht nur ihre eigene Kategorie erfahren, sondern konkrete Ansatzpunkte für den nächsten Entwicklungsschritt erhalten – abgeleitet aus den Erfahrungen und Best Practices von Städten mit tatsächlich vergleichbaren Voraussetzungen.

Die Teilnahme an unserer Studie ist kostenlos: Wir erheben die Daten, erstellen das Ranking und vergleichen.

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2. Wirkung heißt mehr als Kosteneinsparung

Haben Sie ein Beispiel, an dem sich Wirkung konkret zeigen lässt?

Ein Beispiel aus einer Stadt im Ruhrgebiet: Dort wurde lange überlegt, wie sich die internen Verwaltungsprozesse verbessern lassen. Gelohnt hat sich das Investment in einen Automaten, an dem Personalausweise, Reisepässe und Führerscheine abgeholt werden können. Auf Seiten der Verwaltung entfallen die personalintensiven Abholtermine. Die Bürger können ihre Dokumente auch nach den Öffnungszeiten abholen, was die Lebensqualität erhöht und die Wirkung zeigt sich dadurch auf zwei Ebenen zugleich.

Sie sprechen von Digitalisierungsrendite. Was verstehen Sie darunter?

Die Digitalisierungsrendite ist Teil der Wirkungsmessung, fokussiert auf den digitalen Bereich. Uns geht es darum zu zeigen, dass es nicht nur um Wirtschaftlichkeit geht, nicht nur um Kosteneinsparung, Effizienz und Gewinne, sondern um deutlich mehr, nämlich die digitale Daseinsvorsorge. Das macht die Betrachtung komplexer, aber vollständiger. Das Wirkungsmodell dahinter entwickeln wir gemeinsam mit Städten, und genau damit wollen wir sichtbar werden: dass Städte davon hören und auf uns zukommen, oder wir auf sie.

3. KI: das Themenfeld, in dem jetzt alle nach Wirkung fragen

Städte beschäftigen sich derzeit intensiv mit KI. Wie ist das Thema in Ihre Studie gekommen?

Gestartet sind wir mit einer reinen Smart-City-Vergleichsstudie, herausgekommen sind wir mit den Themen Agentic City und Digitalisierungsrendite. KI war kein Thema, mit dem wir begonnen haben, es wurde uns in den Workshops gespiegelt. Für die Städte ist KI nicht nur eine Frage der bereitgestellten Rechenleistung, sondern auch der Prozessoptimierung, bis hin zu agentischen KI-Tools. Für uns lag es nahe, das aufzugreifen, weil sich unser Lehrstuhl ohnehin laufend mit Agentic AI beschäftigt.

Schaubild: Wie eine Agentic City funktioniert, am Beispiel eines agentischen Parkleitsystems
Abbildung 1 – Wie eine Agentic City funktioniert: Am Beispiel eines agentischen Parkleitsystems wertet ein KI-Agent laufend Daten aus, erkennt Handlungsbedarf innerhalb eines vorab definierten Ziel- und Handlungsrahmens und bereitet konkrete Maßnahmen vor. Die Entscheidung bleibt beim Menschen. Quelle: Universität Duisburg-Essen

Wo liegt die Verbindung zwischen KI und Wirkungsmessung?

Über viele kleinteilige Daten entstehen in den Städten große Datenbestände, die sich mit KI analysieren lassen. Die entscheidende Frage ist, was das bringt: Können damit fundiertere Entscheidungen getroffen werden, kommen die Erkenntnisse irgendwo an, lässt sich damit weiterarbeiten? Wir sind sicher, dass Städte agentische KI perspektivisch umfassend einsetzen werden. Wie realistisch das heute ist und wo die Städte stehen, wollen wir ganz konkret erfahren: Wie wird KI angewendet, wird bereits agentisch gearbeitet, welche Herausforderungen gibt es, und wer hat schon gute Lösungen?

Immer mehr Städte stellen KI-Manager ein, die intern begründen müssen, was KI bringt. Was kann ein Wirkungsmodell für sie leisten?

Wer intern begründen muss, warum eine KI-Initiative sinnvoll ist, braucht mehr als eine Aufzählung der eingesetzten Werkzeuge. Ein Wirkungsmodell liefert die Argumente: Es macht sichtbar, welchen Mehrwert eine Anwendung tatsächlich erzielt, nicht nur monetär, sondern auch für die Verwaltung und das Gemeinwohl. Der Vergleich mit Städten mit ähnlichen Voraussetzungen zeigt zudem, welche nächsten Schritte realistisch sind, abgeleitet aus deren Best Practices. So entsteht Legitimation gegenüber Politik und Verwaltung, und genau die braucht es, damit solche Projekte langfristig und nachhaltig umgesetzt werden.

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4. Blick nach vorne und nach Berlin

Was erwartet die Teilnehmer Ihrer Session beim Netzwerktreffen in Berlin?

Im Mittelpunkt steht die Wirkungsmessung. Wir stellen vor, woran wir mit SCALE bisher gearbeitet haben: das Wirkungsmodell, das wir gemeinsam mit Städten entwickeln, die Einordnung von Kommunen in Gruppen mit ähnlichen Voraussetzungen und die Frage, welche Fähigkeiten es braucht, damit Digitalisierungsprojekte ihre Wirkung entfalten. Daran anknüpfend geht es um den Austausch: Wo stehen die Städte bei Daten, Wirkungsmessung und Digitalisierungsrendite, und was hat sich in der Praxis bewährt?

Ein Schwerpunkt der Session wird KI sein, weil dort gerade viele Kommunen vor derselben Frage stehen: Wie wird KI angewendet, welche Herausforderungen gibt es, und wer hat schon gute Lösungen gefunden? Am Beispiel KI wollen wir von den Kommunen lernen, wie eine sinnvolle Wirkungsmessung aufgebaut sein muss, damit sie in der Praxis funktioniert. Diese Erkenntnisse fließen in das Modell ein, und wir freuen uns besonders auf Kommunen, mit denen wir bisher noch nicht im Gespräch waren.

Sie wollen Leonie Taieb persönlich treffen? Sie ist beim Urban Digital Netzwerktreffen rund um digitale Stadtentwicklung am 12. Oktober in Berlin dabei.

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