Software-Update aus München: Wie urbanistic mit dem Urban Space Center die frühe Stadtplanung modernisiert

Ein Software-Release ist nicht per se eine Nachricht. Ein Release aber, der einen Einfluss darauf haben kann, wie in Deutschland Wohnungsbau, Genehmigungspraxis und kommunale Handlungsfähigkeit funktionieren, verdient einen zweiten Blick.

Ich habe mit Marc-Christian Hodapp gesprochen. Marc-Christian Hodapp ist Mitgründer der urbanistic GmbH aus München. Anfang 2020 hat er zusammen mit seinen Mitgründern [Michael Mühlhaus und Nils Seifert] aus einer Forschungslinie an der TU München heraus ein Unternehmen aufgebaut, das frühe Planungsphasen wie Machbarkeitsstudien, Masterplanungen und Bauleitplanungen modellbasiert und ohne CAD- oder GIS-Vorkenntnisse bearbeitbar macht. Heute hat urbanistic die neue Version des Kernprodukts freigegeben, das Urban Space Center.

1. Wie aus einer TU-München-Forschungslinie die urbanistic GmbH entstand

Marc-Christian Hodapps Weg vom Architektur-Studium in die Software-Gründung und warum er ihn gegangen ist.

Marc-Christian Hodapp hat Architektur studiert und als Angestellter Architekt gearbeitet. Der eigentliche Wendepunkt kam mit dem Wechsel zu einem Wohnungsbau-Unternehmen, in dem er als Projektentwickler die Nachverdichtung von 60er-Jahre-Quartieren begleitet hat. Klassische Aufgaben wie energetische Sanierung, sozialer Wohnungsbau, viele Bauabschnitte und viele Zielkonflikte prägten den Alltag. Immer wieder machte er dabei dieselbe Erfahrung: viele Themen laufen parallel, aber die Informationen liegen in getrennten Welten. Maße im Plan, Kosten in Excel, Fachplanerthemen in weiteren Dokumenten. Am Ende sitzt jemand vor einer ausgedruckten Flurkarte, legt Butterbrotpapier darüber und schiebt Abstandsflächen hin und her.

In dieser Situation stößt Marc-Christian Hodapp auf zwei Forscher an der TU München, die genau an der Frage arbeiten, wie sich diese Trennung auflösen lässt. Ihr Ansatz: 3D-Stadtmodelle nicht nur zu visualisieren, sondern sie modellbasiert in einer BIM-Logik bearbeitbar zu machen. Marc-Christian Hodapp erkennt den Hebel. Was er als Bauherrenvertreter täglich nicht hatte, wurde plötzlich technisch möglich. Anfang 2020 gründen die drei die urbanistic GmbH und setzen ihre gut bezahlten Stellen aus einer noch goldenen Zeit heraus dagegen. Sechs Jahre später sitzt urbanistic in München, betreut Kunden aus ganz Deutschland aus Architektur, Projektentwicklung und Kommunen und veröffentlicht heute die neue Version des Kernprodukts.

2. Was das Urban Space Center 2.0 an neuen Funktionen bringt

Modulare Architektur, neue Workspaces und deutlich mehr Analyse im Überblick.

Was urbanistic mit dem Release verändert, ist auf den ersten Blick eine Neuordnung des bestehenden Werkzeugkastens. Die schön anzuschauenden 3D-Stadtmodelle auf Knopfdruck bleiben, die Bebauung, das Gelände und die Grundstücksdaten sind wie gewohnt in einem Fenster verfügbar. Neu ist der modulare Aufbau. Wo bisher eine monolithische Software lief, ist jetzt eine Struktur aus einzelnen Workspaces entstanden. Ein Workspace kümmert sich nur um Baurecht: Abstandsflächen mit Geländeverschneidung, § 34 BauGB-Prüfung, Kennzahlen umliegender Gebäude auf Knopfdruck, X-Planungsthemen als sauber angedockte Ebene. Ein zweiter Workspace übernimmt Stellplatznutzung. Die Trennung erlaubt urbanistic, neue Themen schneller zu adaptieren und alte Bausteine bei Bedarf sauber zu ersetzen.

Auch die Schnittstellen sind ausgebaut. IFC und CAD funktionierten bei urbanistic schon lange gut, jetzt kommen DWG und DXF dazu. Für den Import bedeutet das, dass bestehende BIM-Modelle oder Vermessungsdaten leichter in eine urbanistic-Session gezogen werden können. Für den Export gilt dieselbe Logik in die andere Richtung. Ein weiterer Punkt verändert die Kommunikation mit Externen: der Webviewer. Ein 3D-Modell lässt sich per Link teilen, Empfänger sehen es im Browser ohne installierte Software, können bis zu einem definierten Grad Kennzahlen abrufen und ausgewählte Teile ändern. Damit fällt in vielen Konstellationen die Notwendigkeit weg, überhaupt noch PDF-Pläne zu versenden.

3. Design Decision Support statt generative KI

Warum urbanistic bewusst nicht generativ arbeitet und wie sich der Ansatz in die Realität des deutschen Baurechts einfügt.

Zur Zeit der Gründung stand die Frage im Raum, ob urbanistic generativ arbeiten sollte, also automatisch fertige Planungsvarianten vorschlagen und den Menschen kuratieren lassen. Das Team hat sich früh dagegen entschieden. Marc-Christian Hodapps Argument sitzt genau an der Stelle, an der viele generative Ansätze im deutschen Baurecht kippen: In der Planung gibt es kein Gut und kein Richtig. Es gibt nur ein Abwägen zwischen Lösungen. Die Zielkonflikte sind explizit, sie ändern sich mit jeder Fachbehörde, mit jedem BauGB-Novellen-Zyklus, mit jeder neuen Anforderung aus dem Stadtrat. Eine KI, die eine fertig vorgeschlagene Lösung präsentiert, umgeht genau die fachliche Leistung, um die es geht.

Der Gegenentwurf, den urbanistic verfolgt, heißt Design Decision Support. Der Nutzer bleibt aktiv, setzt Varianten selbst, aber die Software macht die relevanten Parameter simultan sichtbar. Wie viele Sozialwohnungen entstehen, wie viele Stellplätze werden gebraucht, wie viel Fläche wird versiegelt, wie viel bleibt versickerungsfähig, wo greifen Abstandsflächen mit dem Gelände zusammen. Alles gleichzeitig, alles im selben Fenster, alles auf Knopfdruck aktualisiert, sobald sich ein Parameter ändert. Das ist deutlich anspruchsvoller in der Bedienung als ein Prompt an ein Sprachmodell.

4. Modularität, Cloud und Sicherheit

Wie urbanistic seine technische Architektur mit dem Release aufgestellt hat und was für Kommunen daraus folgt.

Die Cloud-Öffnung ist der zweite große Baustein des Releases. Bis dahin lief die Cloud-Projektverwaltung nur für Großkunden, jetzt steht sie allen Nutzern zur Verfügung. Damit wird echte gleichzeitige Arbeit in einer Organisation möglich, wenn auch bewusst zeitversetzt und nicht als Echtzeit-Kollaboration. Echtzeit bindet nach eigenen Angaben zu viele Ressourcen und bringt für den Anwendungsfall kaum Mehrwert. Wer bearbeitet, sieht die Änderungen der anderen; wer nur schaut, kann jederzeit auf den aktuellen Stand zugreifen.

Kunden aus dem regulierten Bereich, darunter Versicherer, Bundesinstitutionen und Kommunen, nutzen die Cloud bereits produktiv. Die Sicherheitsarchitektur baut auf verteilten Services, gestreuten Servern und der Möglichkeit, ein neues System bei Bedarf innerhalb einer Stunde neu hochzuziehen.

5. Vom Fachplan zur gemeinsamen Sprache

Wie sich urbanistic in die reale kommunale Zusammenarbeit einfügt und was der Webviewer für Partizipation ändert.

Wer in der Praxis mit Kommunen arbeitet, weiß, wie heterogen dieses Feld ist. Ein Beispiel: eine 20.000-Einwohner-Kommune, in der ein ehrenamtlicher Bauausschuss die gesamte Sitzung in 3D durchgeht und schon dankbar ist, dass die interne Abstimmung überhaupt fließt. Am anderen Ende stehen Großstädte, in denen jedes Referat für sich einen Tech-Stack sucht, in denen mit Informatik, GIS-Abteilung, unterer Baubehörde und Stadtplanungsamt parallel gesprochen werden muss. Der Punkt, der urbanistic in beiden Konstellationen anschlussfähig macht, ist die Bedienbarkeit. Es braucht keine CAD-Kenntnisse, keine GIS-Expertise und keinen dedizierten Technik-Nerd, der die Software für die Fachbereiche übersetzt.

Die zweite Ebene, an der urbanistic Kommunikation verändert, ist die Beteiligung. Sobald eine Unsicherheit besteht, worüber gesprochen wird, füllt sich das Vakuum mit Emotionen. Genau die sollen aus einem geordneten Beteiligungsprozess herausgehalten werden. Der Webviewer erlaubt es, ein 3D-Modell als Link an Bewohner, an Nachbarn, an Fachbehörden niederschwellig zu geben. Jeder versteht ein 3D-Modell schnelle, wohingegen ein Plan mit überlagerten Abstandsflächen, Feuerwehraufstellflächen und Bebauungsplanparametern eine Übersetzungsleistung verlangt, die man von einem Laien nicht erwarten kann. Das eine ersetzt das andere nicht vollständig, aber es verschiebt die Diskussion von der Übersetzung wieder auf die Substanz.

6. Was jetzt passieren muss

CO2-Bilanz, BauGB-Novelle und die Wiederherstellung von Augenhöhe als Fokus für die nächsten Monate.

Zwei Themen stehen für die kommenden Monate im Vordergrund. Das erste ist inhaltlich: die CO2-Bilanz. Kommunen kommen aktiv auf urbanistic zu, mit dem Wunsch, diese Dimension bereits in den frühen Planungsphasen mitzunehmen. Für die Roadmap heißt das, dass CO2-Kennzahlen als eigener Aspekt in die Zielkonflikt-Abwägung einziehen. Dort, wo bisher Stellplätze, GRZ, Sozialwohnungsbau und Versickerungsflächen gegeneinander abgewogen wurden, kommt eine neue Dimension hinzu. Die BauGB-Novelle und die Formulierung des überragenden öffentlichen Interesses geben dem Ganzen den regulatorischen Rahmen.

Das zweite Thema ist strukturell. Kommunen und Planer arbeiten in Deutschland zu oft in getrennten Sphären, mit unterschiedlichen Vokabularen, unterschiedlichen Werkzeugen und unterschiedlichen Interessenlagen. Der Begriff dafür ist die Wiederherstellung von Augenhöhe. Wer eine Software baut, die beide Seiten gleichermaßen bedient, hat eine gute Chance, den Dialog wieder in die Substanz zu ziehen: weg vom Übersetzungsstreit über Fachpläne, hin zur eigentlichen Frage, was in einem Quartier tatsächlich entstehen soll: weg vom Übersetzungsstreit über Fachpläne, hin zur eigentlichen Frage, was in einem Quartier tatsächlich entstehen soll. Genau darin liegt für mich der übergeordnete Wert des heutigen Releases: nicht die einzelne neue Funktion, sondern die Perspektive, dass frühe Stadtplanung in Deutschland wieder handlungsfähig gemacht werden kann.

Ich bedanke mich bei Marc-Christian Hodapp für das Gespräch und lade urbanistic zu unserer EXPO zu digitalen Zwillingen ein. Wer den neuen Urban Space Center live sehen möchte, ist dort richtig.

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