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Vom Telefonbuch in den digitalen Zwilling: Christian Baumert und Dr. Ilja Radusch im Gespräch

Was hat ein dickes gelbes Buch mit einem digitalen Stadtzwilling zu tun? Für viele auf den ersten Blick nicht viel. In Berlin entsteht gerade genau an dieser Nahtstelle ein Projekt, das die Verbindung zwischen Traditionsmarke und Zukunftstechnologie konkret sichtbar macht. Ich habe mit den zwei Personen gesprochen, die dieses Projekt tragen.

Christian Baumert ist Geschäftsführer der pdm solutions. Das Berliner Technologieunternehmen betreibt seit November 2025 die Marken Das Telefonbuch, Gelbe Seiten und Das Örtliche unter einem Dach und arbeitet aktiv daran, aus den POI-Verzeichnissen dieser Traditionsmarken kuratierte, kontinuierlich aktualisierte Daten für die digitalen Stadtzwillinge zu erstellen. Dr. Ilja Radusch leitet die Abteilung Smart Mobility am Fraunhofer FOKUS und arbeitet seit über 20 Jahren mit Mercedes-Benz an vernetzten und automatisiert fahrenden Fahrzeugen.

Ich hatte die Gelegenheit, mit den beiden über ihre gemeinsame Arbeit zu sprechen, darüber, wie aus klassischen Verzeichnisdaten die Grundlage für Verkehrssicherheit im Fahrzeug wird, warum ein System-of-Systems-Ansatz jeder Zentralplattform überlegen ist und wo Physical AI und Agentic AI in diesem Feld ansetzen.

1. pdm solutions und Fraunhofer FOKUS

Wer hinter dem Projekt steht und wie pdm solutions und Fraunhofer FOKUS zueinandergefunden haben.

Die pdm solutions GmbH wurde von Christian Baumert ursprünglich als digitaler Berater für öffentliche Behörden und Wirtschaftsunternehmen gegründet. Vor rund zwei Jahren verkaufte Christian Baumert das Unternehmen an eine Verlagsgemeinschaft, zu der unter anderem die Heise Group, Müller Medien, Ippen Media und weitere Verlagshäuser gehören. Unter deren Dach befanden sich die Marken Das Telefonbuch, Gelbe Seiten und Das Örtliche. Im November 2025 wurden die drei Verzeichnismarken in die pdm solutions verschmolzen. Heute ist pdm solutions ein Technologieunternehmen im Herzen von Berlin, das die drei Brands digitalisiert und die digitalen Plattformen betreut. Die DNA des Unternehmens liegt darin, Menschen mit kleinen und mittelständischen Unternehmen, mit Ärzten, sozialen Einrichtungen und generell „Points of Interest” zu verbinden.

Fraunhofer FOKUS bringt eine über 20 Jahre gewachsene Zusammenarbeit mit Mercedes-Benz rund um vernetzte Fahrzeuge mit. Die Abteilung Smart Mobility unter der Leitung von Ilja Radusch beschäftigt sich mit dem automatisierten Fahren, mit verorteten Daten für Straßenraum, Gebäude- und Stadtzwillinge und mit der Frage, wie sich Verkehr besser organisieren und Mehrwert für Bürgerinnen und Bürger schaffen lässt. Kennengelernt haben sich beide Häuser über eine Reise, die Berlin Partner in die USA organisiert hatte. Zurück in Berlin folgte ein fachlicher Austausch, in dem beide Seiten sehr schnell den gemeinsamen Anknüpfungspunkt sahen und ein erstes Projekt starteten.

2. Traditionsmarken als Datengrundlage

Warum sich die Daten von Das Telefonbuch, Gelbe Seiten und Das Örtliche als Grundlage für die digitale Stadt eignen und was pdm heute ausmacht.

Die eigentliche Verschiebung, die Christian Baumert im Gespräch sichtbar macht, ist eine andere als die, die von außen zuerst ins Auge fällt. Es geht nicht darum, ein Verzeichnis zu digitalisieren, das ist längst geschehen. Die drei mittlerweile ins Internet überführten Verzeichnisplattformen kommen zusammen auf annähernd 30 Millionen Visits pro Jahr. Der Zahnarzt in der Nähe, das Restaurant um die Ecke: Diese klassische Nutzung existiert und wird millionenfach angefragt. Die Verschiebung liegt darin, dass aus dem Verzeichnisgeschäft ein daten- und technologiegetriebenes Unternehmen entsteht.

Parallel dazu beliefert pdm solutions große Kartendienstleister mit den kuratierten Verzeichnisdaten, damit Unternehmen und Einrichtungen dort auffindbar sind, wo Nutzerinnen und Nutzer suchen. Der nächste Entwicklungsschritt, an dem pdm solutions gerade aktiv testet, ist die Kombination aus mehreren Quellen, die kontinuierliche Aktualisierung und Stichproben-Prüfungen durch Menschen, um eine Datenqualität zu erreichen, die für sicherheitskritische Anwendungen unter anderem im Fahrzeug tragfähig sein könnte. Der von Christian Baumert selbst formulierte Anspruch: beste Daten Deutschlands.

3. SADAS und der Prototyp in Berlin

Was die Software leistet und was am Prototyp in Berlin unter Realbedingungen sichtbar wurde.

SADAS ist die Software, die aus den POI-Daten in der Datenbank die Punkte herausfiltert, die aus Sicht der Verkehrssicherheit relevant sind. Für den Prototyp wurden initial Kindergärten und Schulen ausgewählt. In Verbindung mit weiteren Kartendaten ermittelt SADAS straßengenau, wo an einem Block der Haupt- und wo der Nebeneingang liegt, und berücksichtigt Fahrtrichtung und Uhrzeit, wenn eine Warnung im Fahrzeug ausgespielt wird. Getestet wurde das System in Berlin in einem Mercedes-Fahrzeug.

Ilja Radusch schildert den Kern der Aufgabe: Für die reine Suche reicht die Adresse einer Schule aus. Für die Verkehrssicherheit dagegen zählt die Feinheit, denn wenn eine Schule sich über einen ganzen Block erstreckt und an allen vier Seiten Straßen liegen, kann im Auto nicht auf jeder Seite pauschal gewarnt werden. Am Haupteingang stehen Absperrgitter, am Nebeneingang oft nicht. Christian Baumert ergänzt aus der Sicht des Datenbrokers: pdm solutions ist in der Lage, diese Daten zu liefern, und dass genau das der Test bewiesen hat, macht die Zusammenarbeit für beide Seiten so relevant.

4. Digitaler Zwilling der Stadt und der System-of-Systems-Ansatz

Wie sich SADAS in das einfügt, was Kommunen mit ihren eigenen digitalen Zwillingen gerade aufbauen, und warum die architektonische Antwort keine Zentralplattform ist.

Aus meiner Sicht dienen die digitalen Zwillinge, die Städte gerade aufbauen, zunächst der Verwaltung selbst. Ein typisches Beispiel ist die Harmonisierung des Baumkatasters mehrerer Fachabteilungen. Der unmittelbare Mehrwert für Bürger ist in diesen Projekten schwer sichtbar zu machen. Genau an dieser Stelle hat der SADAS-Anwendungsfall eine andere Qualität: Er hat den Anspruch, direkten Nutzen für Menschen im Straßenraum zu entfalten, weil die aufbereiteten POI-Daten in eine Warnung im Fahrzeug münden und die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer erhöhen.

Ilja Radusch schließt daran mit einer klaren architektonischen Aussage an und plädiert entschieden gegen die Vorstellung einer einzigen großen Zentralplattform. Aus zwanzig Jahren Forschungsarbeit im digitalen Zwilling zieht er die Konsequenz, dass eine solche Plattform an ihrer eigenen Beweglichkeit scheitert: Jeder neue Anwendungsfall braucht dann einen Change Request, wartet ein Jahr durch alle Instanzen, und dabei geht die eigentliche Innovation verloren. Sein Vorschlag lautet daher, dass mehrere Akteure ihre eigenen Datenbanken betreiben und über spezialisierte Dienstleister die jeweilige Anpassung an den konkreten Use Case erfolgt. Neu ist, dass diese Übersetzung von einer Datenwelt in die nächste heute nicht mehr händisch geschehen muss. KI kann diesen Transformationsschritt mit dem nötigen Weltwissen übernehmen, was den System-of-Systems-Ansatz technisch endlich tragfähig macht.

Video 1 – Der digitale Stadtzwilling von pdm solutions am Beispiel der Nehring-Grundschule in Berlin-Charlottenburg: Vom Gefahrenbereich am Schuleingang breitet sich ein Gefahren-Score entlang des Straßennetzes aus, Fahrzeuge im Warnbereich erhalten kontextbezogene Warnungen. Datenbasis: Extended Floating Car Data plus VDAV-Datensätze.

Video 2 – Testfahrt im Berliner Regierungsviertel: links die Foxglove-Route auf Satellitenkarte, rechts oben die Dashcam-Sicht, rechts unten die Cockpit-Warnung mit Das-Telefonbuch-Branding beim Anfahren einer POI-Gefahrenzone.

5. Physical AI, Agentic AI und die Long-Tail-Anwendungsfälle

Welche Rolle Physical AI und Agentic AI in diesem Projekt und in der Stadt allgemein spielen (können).

Das automatisierte Fahren, in dem SADAS zum Einsatz kommt, gilt selbst als Beispiel für Physical AI. Die Systeme agieren nicht im Chat, sondern in der physikalischen Welt und mit Fahrzeugen, die Entscheidungen unter Unsicherheit treffen müssen. Jedes automatisiert fahrende Fahrzeug führt bereits einen internen digitalen Zwilling in Form einer hochauflösenden Karte mit, um Situationen wie den Unterschied zwischen einer echten grünen Ampel und einem grünen Werbeplakat auflösen zu können.

Wo Agentic AI aus Sicht von Ilja Radusch besonders viel verändert, ist die Fähigkeit, alltägliche Deutungen ins System zu bringen. Ein Fahrzeug, das vor mir hält, ist im Sensorbild zunächst nur ein Fahrzeug. Ob es sich um einen Müllwagen, ein Taxi oder ein Auto handelt, das gleich anfährt, entscheidet über die richtige Reaktion. Weltwissen, das große Sprachmodelle heute mitbringen, ersetzt in solchen Long-Tail-Fällen tausende handprogrammierte Heuristiken. Christian Baumert ergänzt den gesellschaftspolitischen Blickwinkel: Physical AI in Bereichen wie der Pflege eröffnet die Chance, monotone und wiederkehrende Aufgaben zu automatisieren, damit Zeit für die tatsächlich menschlichen Momente frei wird. Für pdm solutions ist dieselbe Frage die Grundlage, kleine und mittelständische Unternehmen mit bezahlbaren KI- und Robotics-Anwendungen zu unterstützen.

6. Konkrete Call-to-Actions

Zum Abschluss habe ich die beiden gefragt, was als Nächstes passieren muss, damit dieser Ansatz in die Breite kommt.

Christian Baumert benennt zwei Punkte. Erstens brauchen Wirtschaft, Forschung und Kommunen einen politisch legitimierten Rahmen, in dem Forschungs- und Entwicklungsprojekte tatsächlich stattfinden können, ohne dass jede Diskussion pauschal am Stichwort Datenschutz endet. Deutschland darf sich nicht abhängen lassen, während in San Francisco Uber ohne Fahrerin fährt und in Amsterdam die Parkraumbewirtschaftung schon fast automatisiert erfolgt. Notwendig ist eine politische Priorisierung ganz oben, damit die vielen engagierten Menschen im öffentlichen Dienst ihre Projekte auch tatsächlich umsetzen können.

Ilja Radusch legt einen zweiten Fokus daneben. Nicht die offensichtlichen, gut funktionierenden Prozesse in der Verwaltung sind der interessante Anwendungsfall für KI, sondern die Long-Tail-Themen, die bisher liegen geblieben sind, weil dafür keine Ressourcen da waren. Dort erzeugt die Automatisierung tatsächlichen Mehrwert und schafft die Kapazitäten, um sich zusätzlichen Aufgaben zu widmen.

Für mich verbinden sich beide Call-to-Actions zu einer klaren Linie. Was aber übergeordnet aus dem Gespräch bleibt, ist die eigentliche Verschiebung: Hochwertige POI-Daten sind längst mehr als digitale Verzeichnisdaten. Sie werden zum Baustein digitaler Infrastruktur, für Verkehrssicherheit im Fahrzeug ebenso wie für die kommunalen Anwendungen, die auf dieser Datenschicht in den nächsten Jahren entstehen werden. Wer heute anfängt, diese Schicht mit Verlässlichkeit und System-of-Systems-Logik zu denken, baut die Grundlage für das, was digital-souveräne Kommunen morgen brauchen.

Ich bedanke mich bei Christian Baumert und Ilja Radusch für das inspirierende Gespräch und habe sie zu unserer EXPO eingeladen. Melden Sie sich jetzt an.