Peter Rummel ist ein bekanntes Gesicht in der Urban Digital Community. Zuletzt haben wir uns auf der INTERGEO in München getroffen, wo er das Panel Monitoring: Risiken global und lokal erkennen und minimieren moderiert hat. Als Director of Infrastructure Policy Advancement bei Bentley Systems und Vizepräsident des Deutschen Dachverbands für Geoinformation stellt er die Fragen, die in der Smart-City-Debatte selten gestellt werden: Was ist mit Brücken, Straßen und Gleisen, die älter sind als jede Digitalisierung, und was fängt eine Verwaltung mit Daten an, die sie längst hat?
Im Anschluss an die Diskussion ging es zum Get-Together an den Bentley-Stand direkt gegenüber der Main Stage. Am 12. Oktober wechselt er von der GIS-Welt in die Runde der digitalen Stadtentwicklung: Beim Urban Digital Netzwerktreffen in Berlin ist er dabei. Wir freuen uns auf den Austausch, denn er bringt die Infrastrukturbrille mit.


1. Bestand vor Neubau
Wenn über digitale Zwillinge gesprochen wird, geht es meist um Planen und Bauen. Sie setzen den Schwerpunkt auf den Bestand. Warum?
Wir haben es mit Infrastruktur zu tun, die lange vor irgendwelchen digitalen Zwillingen und selbst vor der Digitalisierung entstanden ist. Deshalb müssen wir uns nicht nur Gedanken darüber machen, wie wir alles Neue planen und bauen, sondern uns auch den Bestand und den historischen Bestand anschauen.
Wenn wir alles perfekt machen, was wir gerade neu bauen, nehmen wir das Beispiel Brücken, dann haben wir im Neubau alles richtig gemacht und trotzdem den maximalen Kollaps in den nächsten Jahren, weil wir eben auch in den Bestand hineingehen müssen. Die älteste Brücke, die bei der Bahn noch befahren wird, stammt meines Wissens aus dem Jahr 1838.
Was verändert eine Zeitreihe gegenüber einer Inspektion oder einem Luftbild?
Bei einer Momentaufnahme ist immer die Frage, wie ich sie interpretiere. Wenn ich mir heute die Rissstruktur einer Brücke anschaue, ist schwer zu sagen, wie relevant, wie wichtig, wie dramatisch sie im Vergleich zu anderen ist.
Habe ich aber eine Zeitreihe und stelle fest, dass sich an diesem Riss seit 20 Jahren nichts geändert hat, dann habe ich eine ganz andere Entscheidungsgrundlage für meine Wartungs- und Instandhaltungsmaßnahmen, als wenn ich eine eklatante Ausweitung und Vertiefung der Rissstrukturen sehe. Wer Veränderungen sehen kann, kann deutlich mehr ableiten.
2. Der Rückfluss macht den Zwilling lebendig
Sie sagen, ein digitaler Zwilling entsteht erst durch den Rückfluss der Daten. Was heißt das konkret?
Beim digitalen Zwilling gibt es ein Asset und ein digitales Abbild, und der Fluss der Daten zwischen beiden muss stattfinden. Eines der geläufigsten Beispiele sind Verkehrsleitsysteme. Ich habe eine Straße, klassische Infrastruktur, die relativ statisch ist und, wenn es gut läuft, einige Jahrzehnte so bleibt. Frage ich aber, wie hoch mein Verkehrsaufkommen ist und welcher Art es ist, dann ist das hochgradig dynamisch.
Wenn ich da nur alle zwei Jahre messe, kann ich die aktuellen Verkehrsströme in keiner Weise regeln. Habe ich dagegen einen Rückfluss, kann ich Teilsperrungen einrichten, Geschwindigkeiten regulieren oder einen dritten Standstreifen freigeben. Damit ist der bidirektionale Fluss da, und dieses etwas tote Gebilde aus analogen und digitalen Daten wird zum Leben erweckt. Dort entstehen dann auch die Ansatzpunkte, um Mehrwerte zu generieren.
Monitoring, präventiv, prädiktiv: Wo liegen für Sie die Stufen?
Monitoring bringt uns aus der reaktiven Ecke heraus. Sonst reagiere ich erst, wenn es zu spät ist. So aber habe ich die Möglichkeit, präventiv oder prädiktiv zu arbeiten, und das sind noch einmal eigene Stufen: Ich weiß, was passieren wird, oder ich verhindere von vornherein, dass es überhaupt dazu kommt.
Ich komme aus der Geophysik, da sagt man: Bohre ich ein Loch, weiß ich an einer Stelle genau, was passiert. Mache ich eine flächenhafte Messung, habe ich eine gewisse Ungenauigkeit. Wenn ich schlau bin, kombiniere ich solche Datensätze, in räumlicher, zeitlicher oder fachlicher Auflösung, und habe den größten Erkenntnisgewinn.

3. Was bremst, was hilft
Technisch wäre es kein Problem, vorhandene Daten zusammenzuführen. Woran scheitert es dann?
Wir haben es geschafft, die Daten liegen digital vor, und technisch wäre es kein Problem, sie zusammenzuführen. Erst der Kontext dieser Daten ergibt aber das Zusammenspiel: Wir haben Abhängigkeiten, Konsequenzen, Interdependenzen, und das muss funktionieren. Dazu kommt eine Föderalismusdiskussion. Es gibt keinen Datensatz dieser Welt und keine KI, so leistungsfähig sie auch sein mag, mit der ich strukturelle Probleme in einem System geradebiegen kann. Das sind Hausaufgaben, grundlegende Basisvoraussetzungen.
Ein Beispiel: Eine Kommune bekommt keine Daten von der Autobahn, die relativ knapp an ihr vorbeiführt, muss sie aber in ihrer Verkehrsplanung berücksichtigen. Spätestens bei einer Teilsperrung ist sie in ihrem Mobilitätskonzept mehr als betroffen.
Sie fragen in Kommunen gern, wofür vorhandene Daten genutzt werden. Was hören Sie dann?
Das ist teilweise ernüchternd, weil die Möglichkeiten nicht einmal bekannt sind. Da ist nicht jemand, der sagt, wir haben es uns angeschaut und wollen es nicht, sondern die zusätzlichen Möglichkeiten sind schlicht unbekannt. Mir tut es in der Seele weh, wenn ich sehe, was an Daten da ist. In meiner GIS-Zeit gab es den Begriff der Metadaten: Bevor du dir überhaupt Daten anschaust, musst du wissen, welche Daten es in dem Bereich gibt, der dich interessiert.
Theoretisch müsste ich für ein Stadtgebiet, ein Flurstück oder einen Regierungsbezirk einfach darauf klicken können und sehen, welche Daten es dort gibt, und dann erfahre ich unter anderem, dass es auch frei zugängliche Satellitendaten gibt. Es muss nicht einmal kostenfrei sein, aber die Information wäre wichtig.
Regularien werden oft als Bremse empfunden. Sie sehen das differenzierter.
Es ist eine Mischung aus Confidence und Competence. Es geht um ein emotionales Thema, um Angst und Unsicherheit. Wenn man es schafft, mit Richtlinien Sicherheit zu geben und gleichzeitig die Neugier zu wecken, ist eine ganze Menge möglich. Beim Thema BIM sieht man, wie das aussehen kann: eine etablierte Methodik, ein Standard, der sich weiterentwickelt, inzwischen sogar als ISO-Norm. Da gibt es keine große föderale Diskussion mehr darüber, was kommunal und was Bund ist, sondern eine gelebte Praxis.
Wenn ich nur sage, das und das musst du tun, ist die Motivation erst einmal gering, weil es ein von außen aufgesetzter Zwang ist. In Gesprächen mit Kunden sehe ich: Manche sind vom digitalen Zwilling überzeugt, andere haben festgestellt, dass sie ihn brauchen, wenn sie gewisse Förderungen bekommen wollen oder mit Investoren sprechen. Auch Versicherungen sind teilweise vital daran interessiert.
Wir haben die technischen Möglichkeiten. Wir müssen uns aber darüber unterhalten, dass es Konsequenzen hat, wenn Daten nicht Daten bleiben, sondern Entscheidungen daraus folgen, rechtliche, finanzielle oder sicherheitsrelevante. Das heißt nicht, dass man es deswegen nicht tun soll, aber man muss ein Bewusstsein dafür schaffen.
Peter Rummel
Director of Infrastructure Policy Advancement, Bentley Systems
Vernetzen Sie sich mit ihm auf LinkedIn.
4. Mensch, KI und Berlin
Mehr Daten, weniger Personal, Expertinnen und Experten gehen in den Ruhestand. Wie passt das zusammen?
Es gibt einen neuen Kollegen, der sehr viel Hunger auf Daten hat, und je mehr er bekommt, desto besser wird er. Er ist nicht überfordert und wird nicht krank, sondern er lernt. Das ist der Kollege KI. Im Endeffekt geht es aber um den Menschen, für den die Daten eigentlich da sind und der damit umgehen soll. Man kann ihm nicht einfach sagen, es sei nicht so schlimm, du hast ja KI.
Wie das gut aussehen kann, erlebe ich als S-Bahn-Fahrer: Ich stand immer am falschen Waggon. Mittlerweile wird gemessen, wie viele Leute in welchem Zug sind, und bevor der Zug einfährt, bekomme ich den Hinweis, wo ich einen Sitzplatz finde. Es werden keine Persönlichkeitsrechte verletzt, und man sieht, dass Daten das Leben leichter machen können.
Ihr Schlusswort in München war: „Die Daten sind da, die Technik ist da.“ Was erwarten Sie vom Netzwerktreffen in Berlin?
Genau das ist der Punkt: Die Daten sind da, die Technik ist da. Wir müssen schauen, dass wir kollaborativer zusammenarbeiten und die Dinge zusammenbringen. Im digitalen Zwilling haben wir die Daten zusammengebracht, jetzt geht es um die Menschen, die damit arbeiten. Dafür ist ein Abend mit Leuten aus Kommunen, Wissenschaft und Unternehmen, die alle an dieser Frage arbeiten, der richtige Ort.
Sie wollen Peter Rummel persönlich treffen? Er ist beim Urban Digital Netzwerktreffen rund um digitale Stadtentwicklung am 12. Oktober in Berlin dabei.


