StartDigitale InfrastrukturVom Reagieren zum Vorhersehen: Die TWINTALKS Munich auf der INTERGEO 2026

Vom Reagieren zum Vorhersehen: Die TWINTALKS Munich auf der INTERGEO 2026

Nie war die Datengrundlage besser. Sensoren, Satelliten, Messzüge und Befliegungen liefern Zustandsdaten in einer Dichte, die es vor wenigen Jahren nicht gab. Trotzdem entscheidet sich der Wert dieser Daten erst dort, wo sie auf eine Entscheidung treffen: in der Betriebsphase einer Brücke, an einer Weiche, an einem Stadtbaum im Hitzesommer.

Um diese Lücke ging es bei den TWINTALKS Munich am 15. September 2026 auf der Main Stage der INTERGEO. Eine Stunde lang diskutierten fünf Panelisten aus Kommune, Bahn, Erdbeobachtung, Verband und Netzwerk, wie aus Monitoring vorausschauendes Handeln wird.

TWINTALKS Munich 2026: Moderator Peter Rummel und die Panelisten Dr. Wolfgang Beckröge, Dr. Daniel Broschart, Christian Steffens, Candy Friauf und Dimitri Ravin
Moderator und Gäste des Panels im Überblick.
INTERGEO 2026 Schriftzug auf der Main Stage in München
Die INTERGEO 2026 fand vom 15. bis 17. September 2026 auf der Messe München statt.

Wer eingeladen hat

Die TWINTALKS sind eine Gesprächsreihe von Bentley Systems, die Fachleute aus Geoinformation und Infrastruktur an wechselnden Orten zusammenbringt, um internationale Praxis auf lokale Anwendung zu übersetzen.

Auf der INTERGEO waren sie 2025 in Frankfurt am Main zum ersten Mal zu Gast, in diesem Jahr auf der Main Stage in München, wieder in Kooperation mit dem Deutschen Dachverband für Geoinformation (DDGI) und mit urban digital als Medienpartner.

Peter Rummel, Director Infrastructure Policy Advancement bei Bentley Systems und Vizepräsident des DDGI, moderierte.

Im Anschluss ging es zum Get-together an den Stand von Bentley Systems, wo die Diskussion in kleineren Runden weiterlief.

Peter Rummel, Bentley Systems und DDGI, Moderator der TWINTALKS Munich
Peter Rummel, Moderator der TWINTALKS Munich. Director Infrastructure Policy Advancement (Central Europe), Bentley Systems, und Vizepräsident des DDGI

Auf dem Podium

TWINTALKS Munich Logo
  • (v. l. n. r.) Peter Rummel, Moderation. Director Infrastructure Policy Advancement bei Bentley Systems und Vizepräsident des DDGI. Führte als Moderator durch die Stunde, fragte nach Datenquellen, Hürden und Anwendungen und holte zum Schluss von jedem auf dem Podium einen Wunsch ab.
  • Dr. Wolfgang Beckröge, Präsident des DDGI. Brachte die Verbandsperspektive ein und die Frage, warum Geodaten so selten den Weg in Entscheidungsprozesse finden.
  • Dr. Daniel Broschart, Referatsleitung Digitaler Zwilling, Klimaschutz und Mobilität, Stadt Landsberg am Lech. Zeigte, was eine Mittelstadt mit Befliegung, Sensorik und einem eigenen Referat tatsächlich betreibt.
  • Christian Steffens, Projekt- und Netzwerkmanager, Copernicus Netzwerkbüro Kommunal. Vertrat die Erdbeobachtung und die Frage, wie Satellitendaten in kommunalen Fachverfahren ankommen.
  • Candy Friauf, Beauftragter der Deutschen Bahn AG für BIM-Infrastruktur, DB InfraGO AG. Sprach für den größten Infrastrukturbetreiber des Landes und das Zusammenspiel von BIM und GIS.
  • Dimitri Ravin, Gründer von Urban Digital. Ordnete ein, wo Kommunen in Deutschland bei der datenbasierten Stadtentwicklung stehen, und moderierte an den drei Messetagen ansonsten die Main Stage.

Woher die Daten kommen

Die erste Runde begann mit einer Bestandsaufnahme. Wer über die INTERGEO läuft, sieht LIDAR-Scanner, Drohnen, Messfahrzeuge und Satellitenanbieter dicht an dicht. Am Erfassen scheitert es nicht mehr, das machte Candy Friauf für die Bahn deutlich. Sie kauft neue Messzüge und baut ihre digitale Infrastrukturrepräsentanz auf, wie der digitale Zwilling dort heißt. Die eigentliche Arbeit beginnt danach.

„Wir brauchen uns keine Gedanken darüber zu machen, wie wir Daten aufnehmen. Die Herausforderung ist, die Daten, die wir haben, auch zusammenzubringen.“

Candy Friauf

Christian Steffens setzte den Blick aus dem All dagegen. Luftbildbefliegungen sind teuer, Kommunen leisten sie sich alle zwei oder drei Jahre. Copernicus-Daten kommen kostenfrei und im Abstand weniger Tage. Damit ändert sich die Art der Beobachtung.

„Das Schöne daran ist, dass man weg von der Momentaufnahme kommt und hin zu kontinuierlicher Beobachtung.“

Christian Steffens

Peter Rummel ergänzte das mit dem Riss in der Brücke: Ein einzelnes Bild lässt sich kaum interpretieren. Eine Zeitreihe, die zeigt, dass sich seit 20 Jahren nichts verändert hat, ist eine Entscheidungsgrundlage.

Daniel Broschart beschrieb, wie Landsberg am Lech beides verbindet: mehrjährige Befliegungen für den Vergleich, dazu Umweltsensorik, die Temperatur und Luftfeuchte über Tag, Woche und Jahr erfasst, sowie Frequenzmessungen für Fuß- und Radverkehr. Das Ziel ist, verkehrsrechtliche Anordnungen aus Daten abzuleiten statt aus dem Bauchgefühl.

Warum Daten allein nicht reichen

Wolfgang Beckröge griff den Gedanken auf und schärfte ihn mit einem Beispiel aus dem Ruhrgebiet: Der Ruhrverband bewirtschaftet die Talsperren, weiß aber nicht, wie viel Wasser die neuen Schwammstadt-Strukturen in den Kommunen zurückhalten. Der eine Datentopf kennt den anderen nicht, die Talsperre wird gesteuert, als gäbe es die Schwammstadt nicht. Durchlässigkeit, nicht Datenmenge, ist für ihn der entscheidende Begriff.

„Es hilft nicht, zehn verschiedene tolle Datentöpfe zu haben, wenn sie nicht miteinander kombiniert werden können.“

Dr. Wolfgang Beckröge

Für die Frage nach kritischen Infrastrukturen hatte er eine klare Position: Schwarz oder Weiß wird nicht funktionieren. Wer Daten pauschal als frei oder als geheim einstuft, steht im Katastrophenfall ohne die Daten da, die dann gebraucht würden. Datenräume mit sauber verteilten Rollen sind aus seiner Sicht der technische Weg dorthin.

Was Kommunen bremst

Christian Steffens benannte, was in vielen Verwaltungen fehlt: nicht die Daten, sondern die Erlaubnis. Satellitendaten sind keine amtlichen Daten, in kommunalen Richtlinien kommen sie nicht vor. Also weiß der Sachbearbeiter nicht, ob er sie nutzen darf. Dazu kommt die Haftungsfrage, die beim Stadtbaum noch harmlos klingt, bei einem Frühwarnsystem, das nicht greift, aber nicht mehr.

„Wer haftet, wenn ich auf Basis von Erdbeobachtungen Entscheidungen treffe und diese Daten falsche Werte liefern?“

Christian Steffens

Daniel Broschart wünschte sich einen einfacheren Zugang: einen Ort, an dem man für ein Stadtgebiet oder ein Flurstück sieht, welche Daten es überhaupt gibt. Peter Rummel erkannte darin den alten GIS-Begriff der Metadaten wieder, Daten über Daten, bevor man sich die Daten anschaut.

„Wenn es so eine Art Lexikon gäbe, bei dem ich mich bedienen kann, wären sehr viele Grundlagen geschaffen.“

Dr. Daniel Broschart

Dimitri Ravin hob die Frage auf die Ebene der Organisation. Die Innovatoren in den Kommunen wünschen sich gesetzliche Handlungsaufforderungen, wie sie das Onlinezugangsgesetz für Verwaltungsleistungen geschaffen hat, und damit verbundene Mittel. Gleichzeitig sitzen viele, die die Ideen haben, etwa Klimaanpassungsmanager, ohne Weisungsbefugnis und ohne Budget, sodass vieles auf dem Papier bleibt.

Seine Schlussfolgerung: Wer datenbasierte Stadtentwicklung will, muss dorthin, wo über Ressourcen entschieden wird, also stärker in die Infrastruktur und zu den Stadtwerken. Wer die neuen Technologien nicht in die eigenen Arbeitsprozesse holt, bleibt Leuchtturm. Die Frage, die er mitgab: Wie werden Kommunen von Getriebenen der Digitalisierung zu Treibenden?

Get-together nach den TWINTALKS am Stand von Bentley Systems auf der INTERGEO 2026
Im Anschluss an das Panel ging es zum Get-together an den Stand von Bentley Systems.

Vom Reagieren zum Vorhersehen

Die konkretesten Beispiele kamen aus dem Betrieb. Candy Friauf beschrieb, wie weit die Bahn seit dem „Bauwerksbuch im Keller“ gekommen ist: Weichen melden über den Messstrom, wenn sie demnächst ausfallen, Weichenheizungen werden im Winter überwacht, Hänge nach Starkregen. Bestandsdaten, Ad-hoc-Daten und Sensorik laufen zusammen, damit Mängel erkannt werden, bevor sie zum Schaden werden.

Auf kommunaler Ebene ist das Monitoring oft weniger sichtbar, aber ebenso konkret. Christian Steffens nannte Anwendungen, die bereits laufen oder gerade entstehen: In Essen überwacht das Projekt TreeCop den Zustand der Stadtbäume aus dem All, nach einem Sommer mit Tagen über 40 Grad kein Forschungsthema mehr. Badegewässer lassen sich auf Blaualgen prüfen, ohne täglich Proben zu nehmen. Das Netzwerkbüro Verkehr baut einen Dienst für Bodenbewegungen auf, der Senkungen im Millimeterbereich sichtbar macht, relevant für jedes Schienennetz in einer Tagebauregion. Ein Berliner Start-up, LiveEO, meldet der Bahn, wenn Bäume zu nah an die Oberleitung wachsen.

Peter Rummel fasste die Stufen zusammen: reaktiv, präventiv, prädiktiv. Wer weiß, was passieren wird, kann verhindern, dass es passiert.

Fünf Wünsche zum Schluss

Zum Abschluss ließ Peter Rummel jeden auf dem Podium sagen, was er sich wünscht, wenn die Technik da ist und die Daten auch. Fünf Antworten, jede in einer Minute:

Dr. Daniel Broschart

Referatsleitung Digitaler Zwilling, Klimaschutz und Mobilität, Stadt Landsberg am Lech

Die Wirkung von Planung simulieren: Was verändert sich mikroklimatisch, wenn eine Fläche entsiegelt und begrünt wird?

Dr. Wolfgang Beckröge

Präsident des DDGI

„Nicht Stadt, Land, Bund, sondern wir gemeinsam.“ Verwaltungsgrenzen, juristische und föderale Grenzen bei Geodaten aufbrechen.

Christian Steffens

Projekt- und Netzwerkmanager, Copernicus Netzwerkbüro Kommunal

„Nicht die datenreichste Kommune ist die, die in Zukunft gewinnt, sondern die Kommune, die auf Basis dieser Daten die klügsten Entscheidungen trifft.“

Candy Friauf

Beauftragter der Deutschen Bahn AG für BIM-Infrastruktur, DB InfraGO AG

„Dass wir Daten genauso ernst und wichtig nehmen, wie wir Stahl und Beton immer genommen haben.“ Dazu über 90 Prozent Pünktlichkeit.

Dimitri Ravin

Gründer von Urban Digital

Die Erfolgsgeschichten dorthin bringen, wo sie fehlen: in die Kommunalakademien und in die Verbände, deren Regulatorik die Digitalisierung bisher kaum kennt.

Wie es weitergeht

  • GeoForum 2026. Das Thema setzt der DDGI beim 14. Deutschen GeoForum am 1. und 2. Dezember 2026 in Berlin fort, unter demselben Titel wie das Panel: „Geomonitoring: Risiken global und lokal erkennen und minimieren“. Programm und Anmeldung unter https://ddgi.de/14-geoforum-2026/.
  • Smart Country Convention. Peter Rummel ist auf der Smart Country Convention vom 13. bis 15. Oktober 2026 in Berlin auf der Green Stage zu hören.