Nie war die Datengrundlage besser. Sensoren, Satelliten, Messzüge und Befliegungen liefern Zustandsdaten in einer Dichte, die es vor wenigen Jahren nicht gab. Trotzdem entscheidet sich der Wert dieser Daten erst dort, wo sie auf eine Entscheidung treffen: in der Betriebsphase einer Brücke, an einer Weiche, an einem Stadtbaum im Hitzesommer.
Um diese Lücke ging es bei den TWINTALKS Munich am 15. September 2026 auf der Main Stage der INTERGEO. Eine Stunde lang diskutierten fünf Panelisten aus Kommune, Bahn, Erdbeobachtung, Verband und Netzwerk, wie aus Monitoring vorausschauendes Handeln wird.


Wer eingeladen hat
Die TWINTALKS sind eine Gesprächsreihe von Bentley Systems, die Fachleute aus Geoinformation und Infrastruktur an wechselnden Orten zusammenbringt, um internationale Praxis auf lokale Anwendung zu übersetzen.
Auf der INTERGEO waren sie 2025 in Frankfurt am Main zum ersten Mal zu Gast, in diesem Jahr auf der Main Stage in München, wieder in Kooperation mit dem Deutschen Dachverband für Geoinformation (DDGI) und mit urban digital als Medienpartner.
Peter Rummel, Director Infrastructure Policy Advancement bei Bentley Systems und Vizepräsident des DDGI, moderierte.
Im Anschluss ging es zum Get-together an den Stand von Bentley Systems, wo die Diskussion in kleineren Runden weiterlief.

Auf dem Podium

- (v. l. n. r.) Peter Rummel, Moderation. Director Infrastructure Policy Advancement bei Bentley Systems und Vizepräsident des DDGI. Führte als Moderator durch die Stunde, fragte nach Datenquellen, Hürden und Anwendungen und holte zum Schluss von jedem auf dem Podium einen Wunsch ab.
- Dr. Wolfgang Beckröge, Präsident des DDGI. Brachte die Verbandsperspektive ein und die Frage, warum Geodaten so selten den Weg in Entscheidungsprozesse finden.
- Dr. Daniel Broschart, Referatsleitung Digitaler Zwilling, Klimaschutz und Mobilität, Stadt Landsberg am Lech. Zeigte, was eine Mittelstadt mit Befliegung, Sensorik und einem eigenen Referat tatsächlich betreibt.
- Christian Steffens, Projekt- und Netzwerkmanager, Copernicus Netzwerkbüro Kommunal. Vertrat die Erdbeobachtung und die Frage, wie Satellitendaten in kommunalen Fachverfahren ankommen.
- Candy Friauf, Beauftragter der Deutschen Bahn AG für BIM-Infrastruktur, DB InfraGO AG. Sprach für den größten Infrastrukturbetreiber des Landes und das Zusammenspiel von BIM und GIS.
- Dimitri Ravin, Gründer von Urban Digital. Ordnete ein, wo Kommunen in Deutschland bei der datenbasierten Stadtentwicklung stehen, und moderierte an den drei Messetagen ansonsten die Main Stage.
Woher die Daten kommen
Die erste Runde begann mit einer Bestandsaufnahme. Wer über die INTERGEO läuft, sieht LIDAR-Scanner, Drohnen, Messfahrzeuge und Satellitenanbieter dicht an dicht. Am Erfassen scheitert es nicht mehr, das machte Candy Friauf für die Bahn deutlich. Sie kauft neue Messzüge und baut ihre digitale Infrastrukturrepräsentanz auf, wie der digitale Zwilling dort heißt. Die eigentliche Arbeit beginnt danach.
„Wir brauchen uns keine Gedanken darüber zu machen, wie wir Daten aufnehmen. Die Herausforderung ist, die Daten, die wir haben, auch zusammenzubringen.“
Candy Friauf
Christian Steffens setzte den Blick aus dem All dagegen. Luftbildbefliegungen sind teuer, Kommunen leisten sie sich alle zwei oder drei Jahre. Copernicus-Daten kommen kostenfrei und im Abstand weniger Tage. Damit ändert sich die Art der Beobachtung.
„Das Schöne daran ist, dass man weg von der Momentaufnahme kommt und hin zu kontinuierlicher Beobachtung.“
Christian Steffens
Peter Rummel ergänzte das mit dem Riss in der Brücke: Ein einzelnes Bild lässt sich kaum interpretieren. Eine Zeitreihe, die zeigt, dass sich seit 20 Jahren nichts verändert hat, ist eine Entscheidungsgrundlage.
Daniel Broschart beschrieb, wie Landsberg am Lech beides verbindet: mehrjährige Befliegungen für den Vergleich, dazu Umweltsensorik, die Temperatur und Luftfeuchte über Tag, Woche und Jahr erfasst, sowie Frequenzmessungen für Fuß- und Radverkehr. Das Ziel ist, verkehrsrechtliche Anordnungen aus Daten abzuleiten statt aus dem Bauchgefühl.
Warum Daten allein nicht reichen
Wolfgang Beckröge griff den Gedanken auf und schärfte ihn mit einem Beispiel aus dem Ruhrgebiet: Der Ruhrverband bewirtschaftet die Talsperren, weiß aber nicht, wie viel Wasser die neuen Schwammstadt-Strukturen in den Kommunen zurückhalten. Der eine Datentopf kennt den anderen nicht, die Talsperre wird gesteuert, als gäbe es die Schwammstadt nicht. Durchlässigkeit, nicht Datenmenge, ist für ihn der entscheidende Begriff.
„Es hilft nicht, zehn verschiedene tolle Datentöpfe zu haben, wenn sie nicht miteinander kombiniert werden können.“
Dr. Wolfgang Beckröge
Für die Frage nach kritischen Infrastrukturen hatte er eine klare Position: Schwarz oder Weiß wird nicht funktionieren. Wer Daten pauschal als frei oder als geheim einstuft, steht im Katastrophenfall ohne die Daten da, die dann gebraucht würden. Datenräume mit sauber verteilten Rollen sind aus seiner Sicht der technische Weg dorthin.
Was Kommunen bremst
Christian Steffens benannte, was in vielen Verwaltungen fehlt: nicht die Daten, sondern die Erlaubnis. Satellitendaten sind keine amtlichen Daten, in kommunalen Richtlinien kommen sie nicht vor. Also weiß der Sachbearbeiter nicht, ob er sie nutzen darf. Dazu kommt die Haftungsfrage, die beim Stadtbaum noch harmlos klingt, bei einem Frühwarnsystem, das nicht greift, aber nicht mehr.
„Wer haftet, wenn ich auf Basis von Erdbeobachtungen Entscheidungen treffe und diese Daten falsche Werte liefern?“
Christian Steffens
Daniel Broschart wünschte sich einen einfacheren Zugang: einen Ort, an dem man für ein Stadtgebiet oder ein Flurstück sieht, welche Daten es überhaupt gibt. Peter Rummel erkannte darin den alten GIS-Begriff der Metadaten wieder, Daten über Daten, bevor man sich die Daten anschaut.
„Wenn es so eine Art Lexikon gäbe, bei dem ich mich bedienen kann, wären sehr viele Grundlagen geschaffen.“
Dr. Daniel Broschart
Dimitri Ravin hob die Frage auf die Ebene der Organisation. Die Innovatoren in den Kommunen wünschen sich gesetzliche Handlungsaufforderungen, wie sie das Onlinezugangsgesetz für Verwaltungsleistungen geschaffen hat, und damit verbundene Mittel. Gleichzeitig sitzen viele, die die Ideen haben, etwa Klimaanpassungsmanager, ohne Weisungsbefugnis und ohne Budget, sodass vieles auf dem Papier bleibt.
Seine Schlussfolgerung: Wer datenbasierte Stadtentwicklung will, muss dorthin, wo über Ressourcen entschieden wird, also stärker in die Infrastruktur und zu den Stadtwerken. Wer die neuen Technologien nicht in die eigenen Arbeitsprozesse holt, bleibt Leuchtturm. Die Frage, die er mitgab: Wie werden Kommunen von Getriebenen der Digitalisierung zu Treibenden?

Vom Reagieren zum Vorhersehen
Die konkretesten Beispiele kamen aus dem Betrieb. Candy Friauf beschrieb, wie weit die Bahn seit dem „Bauwerksbuch im Keller“ gekommen ist: Weichen melden über den Messstrom, wenn sie demnächst ausfallen, Weichenheizungen werden im Winter überwacht, Hänge nach Starkregen. Bestandsdaten, Ad-hoc-Daten und Sensorik laufen zusammen, damit Mängel erkannt werden, bevor sie zum Schaden werden.
Auf kommunaler Ebene ist das Monitoring oft weniger sichtbar, aber ebenso konkret. Christian Steffens nannte Anwendungen, die bereits laufen oder gerade entstehen: In Essen überwacht das Projekt TreeCop den Zustand der Stadtbäume aus dem All, nach einem Sommer mit Tagen über 40 Grad kein Forschungsthema mehr. Badegewässer lassen sich auf Blaualgen prüfen, ohne täglich Proben zu nehmen. Das Netzwerkbüro Verkehr baut einen Dienst für Bodenbewegungen auf, der Senkungen im Millimeterbereich sichtbar macht, relevant für jedes Schienennetz in einer Tagebauregion. Ein Berliner Start-up, LiveEO, meldet der Bahn, wenn Bäume zu nah an die Oberleitung wachsen.
Peter Rummel fasste die Stufen zusammen: reaktiv, präventiv, prädiktiv. Wer weiß, was passieren wird, kann verhindern, dass es passiert.
Fünf Wünsche zum Schluss
Zum Abschluss ließ Peter Rummel jeden auf dem Podium sagen, was er sich wünscht, wenn die Technik da ist und die Daten auch. Fünf Antworten, jede in einer Minute:
Dr. Daniel Broschart
Referatsleitung Digitaler Zwilling, Klimaschutz und Mobilität, Stadt Landsberg am Lech
Die Wirkung von Planung simulieren: Was verändert sich mikroklimatisch, wenn eine Fläche entsiegelt und begrünt wird?
Dr. Wolfgang Beckröge
Präsident des DDGI
„Nicht Stadt, Land, Bund, sondern wir gemeinsam.“ Verwaltungsgrenzen, juristische und föderale Grenzen bei Geodaten aufbrechen.
Christian Steffens
Projekt- und Netzwerkmanager, Copernicus Netzwerkbüro Kommunal
„Nicht die datenreichste Kommune ist die, die in Zukunft gewinnt, sondern die Kommune, die auf Basis dieser Daten die klügsten Entscheidungen trifft.“
Candy Friauf
Beauftragter der Deutschen Bahn AG für BIM-Infrastruktur, DB InfraGO AG
„Dass wir Daten genauso ernst und wichtig nehmen, wie wir Stahl und Beton immer genommen haben.“ Dazu über 90 Prozent Pünktlichkeit.
Dimitri Ravin
Gründer von Urban Digital
Die Erfolgsgeschichten dorthin bringen, wo sie fehlen: in die Kommunalakademien und in die Verbände, deren Regulatorik die Digitalisierung bisher kaum kennt.
Wie es weitergeht
- GeoForum 2026. Das Thema setzt der DDGI beim 14. Deutschen GeoForum am 1. und 2. Dezember 2026 in Berlin fort, unter demselben Titel wie das Panel: „Geomonitoring: Risiken global und lokal erkennen und minimieren“. Programm und Anmeldung unter https://ddgi.de/14-geoforum-2026/.
- Smart Country Convention. Peter Rummel ist auf der Smart Country Convention vom 13. bis 15. Oktober 2026 in Berlin auf der Green Stage zu hören.
