Leitfaden Digitale Zwillinge – Dr. Wolfgang Beckröge im Autoreninterview

Während einzelne Kommunen bereits erste Schritte bei der Umsetzung digitaler Zwillinge unternehmen, stellt sich die Frage nach einer flächendeckenden Perspektive. Unser Gesprächspartner Dr. Wolfgang Beckröge ist promovierter Meteorologe, hat über zehn Jahre die Geodatenabteilung des Regionalverbandes Ruhr geleitet und ist aktuell Präsident des Deutschen Dachverbands für Geoinformation e. V. (DDGI).

Seine Expertise liegt in der Integration von Klimaanpassung, Umweltdaten und digitalen Zwillingstechnologien über kommunale Grenzen hinweg. Er kennt die Herausforderungen verschiedener kommunaler Größen ebenso wie die Potenziale von Fernerkundungsdaten und GIS-Lösungen und wie diese in kommunale digitale Zwillinge einfließen können.

Als Mitautor des Leitfadens verdeutlicht er, warum digitale Zwillinge für Klima und Umwelt über kommunale Grenzen hinweg gedacht werden müssen und welche konkreten Lösungsansätze bereits existieren.

Wie bewerten Sie den Stand digitaler Zwillinge im Bereich Klima und Umwelt?

Im Bereich Klima und Umwelt sieht es ähnlich aus wie bei anderen Anwendungsfällen. Es gibt aktuell kaum vollständig ausgebaute Klima- oder Umweltzwillinge. Stattdessen werden in unterschiedlichen Systemen einzelne Aspekte betrachtet und integriert.

Gerade bei Umwelt- und Klimathemen ist die interkommunale und überregionale Sicht auf digitale Zwillinge besonders wichtig. Die Natur kennt keine administrativen Grenzen – Luftströme, Wasserkreisläufe, Hitzeinseln und Überflutungsgebiete machen nicht an Stadtgrenzen halt. Deshalb ist es entscheidend, einen Flächenansatz zu verfolgen und nicht nur einzelne Best-Practice-Beispiele in den Vordergrund zu stellen.

Welche konkreten Ansätze gibt es, um einen solchen Flächenansatz in der Praxis umzusetzen?

Der Schlüssel liegt in der Vernetzung vorhandener Daten. Statt Parallelstrukturen aufzubauen, sollten Kommunen auf bestehende Datenquellen zurückgreifen. Das Copernicus-Programm liefert beispielsweise kostenfrei nutzbare Satellitendaten, gerade auf Landesebene und von regionalen Akteuren wie Zweckverbänden oder Landkreisverwaltungen gibt es Daten, die in digitale Zwillinge einfließen können. Aus der Geoinformationsperspektive sollte nicht nur das Lokale, sondern die Fläche insgesamt betrachtet werden.

Muss ein digitaler Zwilling immer mit einem Geobasiszwilling starten?

Diese Frage stelle ich mir auch, denn ein Geobasiszwilling ist nicht für jeden Anwendungsfall initial notwendig. Wenn ich an Stadtwerke denke, haben diese häufig einen Netzzwilling, der geometrisch korrekt ist und natürlich auch auf Geodaten beruht. Hier werden Koordinaten genutzt, um die Netze lagegenau abzubilden. Sie starten aber nicht mit einem Geobasiszwilling, sondern mit einem Fachzwilling, hier also einem Netzzwilling. Für diesen Zweck reicht das zunächst aus, wichtig ist vor allem, dass er später integrierbar sein sollte.

Dennoch: Wenn wir den Geobasiszwilling als gemeinsame Verständnisbasis für die Stadt definieren, halte ich die von Ihnen genannte Vorgehensweise für genau richtig. Man könnte klar sagen: Der Geobasiszwilling ist nicht zwingend die Voraussetzung, aber alle bedarfsorientierte Fachzwillinge, etwa Umwelt- oder Klimazwillinge, sollten sich auf einen einheitlichen Geobasiszwilling beziehen können.


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