Dein Dorf – Deine Daten: Warum gute Datenprozesse vor der Technik kommen, erklärt Stephan von St. Vith im Interview

Kommunales Datenmanagement und Open Data werden häufig mit großen Städten und umfangreichen Digitalisierungsstrategien verbunden. Doch gerade im ländlichen Raum stellt sich eine ganz praktische Frage: Wie können vorhandene Daten so organisiert, gepflegt und bereitgestellt werden, dass sie Verwaltungen, politischen Gremien und Gemeinden im Arbeitsalltag tatsächlich helfen – und perspektivisch auch die Grundlage für weitergehende Anwendungen wie Digitale Zwillinge bilden?

Mit dieser Frage beschäftigt sich der Landkreis Bernkastel-Wittlich im Projekt „Land.Open.Data – Dein Dorf – Deine Daten“, das im Rahmen des Bundesprogramms Ländliche Entwicklung und Regionale Wertschöpfung (BULE plus) gefördert wird.

Zum Projekt „Land.Open.Data – Dein Dorf – Deine Daten“

Ausgangspunkt war die Idee eines digitalen Dorferneuerungsportals, über das unter anderem Daten aus dem Zukunfts-Check Dorf zugänglich und fortschreibbar gemacht werden können. Im Projektverlauf hat sich der Blick jedoch erweitert: Im Mittelpunkt steht heute weniger die Frage nach einer bestimmten Plattform als vielmehr danach, wie Daten systematisch in Verwaltungs- und Entscheidungsprozesse eingebunden werden können. Dabei spielen Auffindbarkeit, Aktualität, Zuständigkeiten, gemeinsame Standards und die Zusammenarbeit zwischen Ortsgemeinden, Verbandsgemeinden, Landkreis und Land eine zentrale Rolle.

Diese Grundlagen sind zugleich Voraussetzung für weiterführende datenbasierte Anwendungen. Perspektivisch beschäftigt sich der Landkreis daher auch mit der Frage, wie die vorhandenen Datenstrukturen für Digitale Zwillinge genutzt werden können. Anknüpfungspunkte bietet beispielsweise das Projekt DITKO der Universität Koblenz, in das sich der Landkreis gemeinsam mit ausgewählten Pilotgemeinden einbringen möchte. Der Digitale Zwilling steht damit nicht am Anfang des Projekts, sondern kann eine mögliche Weiterentwicklung sein, wenn Daten verlässlich verfügbar, miteinander verknüpfbar und dauerhaft gepflegt sind.

Wie wichtig diese Perspektive ist, zeigte ein Prozessworkshop im Juni 2026. Am Beispiel des sogenannten Bauturbos nach § 246e BauGB wurde untersucht, welche Informationen in einem komplexen kommunalen Entscheidungsprozess benötigt werden, wo sie heute liegen und wie sie schneller verfügbar gemacht werden können. Eine zentrale Erkenntnis: Technik sollte nicht am Anfang stehen. Zunächst müssen Prozesse, Informationsbedarfe und Verantwortlichkeiten verstanden werden. Open Data ist dabei kein Selbstzweck, sondern kann ein nach außen sichtbares Ergebnis eines funktionierenden kommunalen Datenmanagements sein.

Im Interview sprechen wir mit Dipl-Geogr. und GIS-Administrator des Landkreises Bernkastel-Wittlich Stephan von St. Vith darüber, warum die Herausforderung häufig weniger in fehlenden Daten als in ihrer Auffindbarkeit und Nutzbarkeit liegt, was sich aus dem Beispiel des Bauturbos lernen lässt und weshalb Prozesse, Datenpflege und Governance entscheidend sind – sowohl für eine datenbasierte Verwaltungsarbeit heute als auch für weiterführende Anwendungen wie Digitale Zwillinge in der Zukunft.

Worum geht es im Projekt „Land.Open.Data – Dein Dorf – Deine Daten“?

Ausgangspunkt des Projekts waren die Daten aus dem Zukunfts-Check Dorf. In vielen Ortsgemeinden wurden über Jahre Informationen zu Bevölkerungsentwicklung, Leerständen, Baulücken, Infrastruktur, Umwelt oder Daseinsvorsorge zusammengetragen. Die Frage war zunächst: Wie können wir diese Daten nach Abschluss eines Dorferneuerungskonzepts weiter nutzbar machen? Im Projektverlauf ist deutlich geworden, dass die Herausforderung größer ist als die Frage nach einem einzelnen Portal. Es geht darum, wie Daten zwischen Ortsgemeinden, Verbandsgemeinden, Kreisverwaltung und Land auffindbar, aktuell, verknüpfbar und dauerhaft nutzbar werden und wie sie tatsächlich in Planungs- und Entscheidungsprozesse einfließen. Unser Ziel ist deshalb ein umsetzbares Modell für eine stärker datenbasierte Verwaltungs- und Dorfentwicklung. Die Dorferneuerung ist dafür ein sehr konkreter Ausgangspunkt, der Ansatz soll aber auch auf andere kommunale Aufgaben übertragbar sein.

Ihre zentrale Erkenntnis lautet, den Blick nicht zu sehr auf die Technik zu richten. Warum sollte man bei den Prozessen anfangen?

Weil eine Datenplattform allein noch keinen Mehrwert schafft. Entscheidend ist zunächst: Welche Entscheidung soll besser oder schneller getroffen werden? Wer ist daran beteiligt? Welche Informationen werden dafür benötigt, wo liegen sie heute, wie aktuell sind sie und wer ist für ihre Pflege verantwortlich? Wenn man diese Fragen entlang eines konkreten Prozesses beantwortet, lassen sich daraus sehr viel genauer Anforderungen an Daten, Metadaten, Standards, Schnittstellen und technische Systeme ableiten. Wir drehen die Logik also bewusst um: nicht zuerst ein Tool auswählen und anschließend überlegen, wofür man es nutzen könnte, sondern vom konkreten Verwaltungs- und Entscheidungsprozess zur passenden technischen Unterstützung gelangen. Das hilft auch dabei, keine neuen Datensilos aufzubauen.

Im Workshop haben Sie den Prozess „Baugenehmigung nach dem sogenannten Bauturbo gemäß § 246e BauGB“ betrachtet. Was zeigt dieses Beispiel?

Der sogenannte Bauturbo eignet sich für uns als prototypischer Entscheidungsprozess. Die verfügbare Zeit für Abstimmung und Bewertung soll kürzer werden, die fachliche Komplexität verschwindet aber nicht. Naturschutz, Wasserrecht, Denkmalschutz, Erschließung, kommunale Entwicklungsziele oder nachbarliche Belange müssen weiterhin berücksichtigt werden. Damit wird sehr anschaulich: Die Qualität und Geschwindigkeit einer Entscheidung hängen stark davon ab, ob die notwendigen Informationen zum richtigen Zeitpunkt auffindbar, zugänglich und nutzbar sind. Im Workshop haben wir deshalb nicht nur den Ablauf betrachtet, sondern für die einzelnen Prozessschritte auch die benötigten Informationen, deren Quellen und die eingesetzten Anwendungen erfasst. Aus diesen Informationsbedarfen leiten wir nun die Dateninventur und später die Anforderungen an die künftige Datennutzung ab.

Auf der untersten Verwaltungsebene, in den Ortsgemeinden, wo liegt das Kernproblem?

Das Kernproblem ist weniger, dass überhaupt keine Daten vorhanden wären. Häufig fehlt vielmehr der Überblick: Welche Informationen gibt es, wo liegen sie, welcher Stand ist aktuell und darf beziehungsweise kann ich sie für meine Aufgabe nutzen? Gerade in kleinen Ortsgemeinden mit ehrenamtlich getragenen Strukturen ist es unrealistisch, für jedes Thema eigene Datenplattformen und Spezialwissen aufzubauen. Hinzu kommt, dass relevante Informationen auf sehr unterschiedlichen Ebenen liegen – in Konzepten und PDFs, in GIS-Systemen, Fachverfahren, Tabellen oder Landesportalen. Deshalb brauchen wir einfache Zugänge, gute Metadaten, gemeinsame Standards und klar geregelte Verantwortlichkeiten. Entscheidend ist, dass ein Ortsbürgermeister oder ein Gemeinderat nicht zum ‚Datentrüffelschwein‘ werden muss, um eine belastbare Entscheidungsgrundlage zu bekommen.

Sie haben sich mit der Landesebene ausgetauscht. Wo hakt es im Zusammenspiel von Kommune und Land?

Die eigentliche Herausforderung ist die Anschlussfähigkeit zwischen den Ebenen. Auf Landesebene gibt es bereits Portale, Geodateninfrastrukturen und Fachsysteme wie das Geoportal.rlp.de oder die Offene Daten Plattform open.rlp.de. Gleichzeitig entstehen und verändern sich viele kommunale Daten vor Ort. Damit daraus ein funktionierender Datenfluss wird, reicht es nicht, am Ende einzelne Dateien manuell auf ein Open-Data-Portal zu laden. Es braucht klare Regeln: Wer ist fachlich verantwortlich? Wer pflegt einen Datensatz? Wie wird die Aktualität dokumentiert? Welche Metadaten und Standards gelten? Wie können Informationen möglichst ohne Doppelpflege zwischen Systemen weitergegeben werden? Genau hier kommt Governance ins Spiel. Open Data verstehen wir deshalb inzwischen weniger als isoliertes Ziel, sondern als eine nach außen sichtbare Folge eines funktionierenden internen Datenmanagements. Wenn Daten intern sauber organisiert, beschrieben und aktuell gehalten werden, wird auch ihre offene Bereitstellung wesentlich einfacher.

Wie geht es im Projekt weiter?

Nach dem Prozessworkshop gehen wir jetzt bewusst in eine prozessbezogene Dateninventur. Wir wollen also nicht versuchen, sämtliche Datenbestände im Landkreis vollständig zu katalogisieren. Stattdessen betrachten wir exemplarisch priorisierte Prozesse und Anwendungen und fragen: Welche Daten werden hier konkret benötigt, wo liegen sie, wie ist ihre Qualität, wer pflegt sie und welche Brüche oder Mehrfacherhebungen gibt es? Daraus wollen wir eine übertragbare Vorgehensweise entwickeln. Im nächsten Schritt werden organisatorische Grundprinzipien, funktionale Anforderungen an technische Systeme und eine realistische Roadmap abgeleitet. Am Ende des Projekts soll deshalb keine fertige Plattform oder vollständige IT-Zielarchitektur stehen, sondern ein belastbares Umsetzungskonzept mit priorisierten nächsten Schritten, möglichen Quick Wins und einer Logik, die sich auf weitere Prozesse und Kommunen übertragen lässt.

Zum Schluss: Was ist Ihre Botschaft an die Community?

Für uns ist besonders spannend, wie andere ländliche Kommunen den Schritt vom einzelnen Digitalisierungsprojekt zu einem dauerhaften Datenmanagement geschafft haben. Mich interessieren vor allem Beispiele, bei denen Zuständigkeiten für Datenpflege und Metadaten wirklich im Alltag verankert sind, mehrere Verwaltungsebenen zusammenarbeiten und bestehende Landes- oder Geodateninfrastrukturen sinnvoll genutzt werden. Gerade kleine Kommunen können nicht dauerhaft eigene komplexe Plattformlandschaften betreiben. Deshalb ist die Frage wichtig, wie gemeinsame Standards, zentrale Infrastrukturen und dezentrale fachliche Datenpflege zusammenspielen können. Besonders wertvoll wären Erfahrungen aus Projekten, die die Förderphase bereits hinter sich haben und zeigen können, was im Regelbetrieb tatsächlich funktioniert – und was nicht. Über einen Austausch dazu würden wir uns sehr freuen.

Über Stephan von St. Vith

Stephan von St. Vith ist Diplom-Geograph und arbeitet in der Kreisverwaltung Bernkastel-Wittlich im Fachbereich Kreisentwicklung. Dort verantwortet er die Themen Regionalentwicklung, Tourismus, LEADER und Fördermittelmanagement, ist Radverkehrsbeauftragter und als GIS-Analyst tätig.

Seit 2005 baut er das Geoinformationssystem der Kreisverwaltung auf, von den ersten Webkarten über das Corona-Dashboard bis zum 2024 veröffentlichten Geoportal des Landkreises. Seine Schwerpunkte liegen bei Geodatenmanagement, Open Data und Digitalisierung sowie bei der Frage, wie Ortsgemeinden und Verwaltungen vorhandene Daten für konkrete Entscheidungsprozesse nutzbar machen. Im Bereich Fördermittel stellt er den LEADER-Ansatz und Förderangebote wie Regionalbudget und Bürgerprojekte vor und baut ein kommunales Fördermittelmanagement im Landkreis mit auf.

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