Der Kreis Lippe hat sein neues Geoportal live geschaltet und gehört damit zu den ersten Kreisen in Deutschland, die einen digitalen Zwilling eingeführt haben. Gegenüber dem Vorgänger bringt das Portal 3D-Karten, eine deutlich bessere Nutzbarkeit auf dem Mobilgerät mit und orientiert sich an der DIN SPEC 91607 zum standardisierten Einsatz von digitalen Zwillingen in Kommunen.
In der Reihe „Mittachs mit Meinolf!“ erklären Landrat Meinolf Haase und Abteilungsleiter Dr. Stefan Ostrau, was hinter dem neuen Portal steckt. Es bündelt Daten aus dem Kreisgebiet sowie vom Land NRW und vom Bund, verknüpft sie in einem digitalen Modell und macht daraus interaktive Karten und Visualisierungen. Konkret lassen sich damit bspw. Starkregenabflüsse und Hochwasserszenarien simulieren und zeigen, welche Häuser bei einem Überflutungsereignis betroffen wären. Das hilft in der Krisenstabsarbeit ebenso wie dabei, politische Entscheidungsprozesse mit objektiven Datengrundlagen zu unterstützen. So lassen sich Verwaltungsmodernisierung und interkommunale Zusammenarbeit erheblich ausbauen.
👉 Selbst durchklicken im Geoportal Kreis Lippe.
Herr Dr. Ostrau, Sie befassen sich seit vielen Jahren mit Geoinformationen und raumbezogenen Informationssystemen. Was ist beim neuen GIS-Portal hinzugekommen, und warum ist das ein Meilenstein?
Der Kreis Lippe steht wie viele anderen Kommunen an der Schwelle zu einer neuen Ära der Verwaltungsmodernisierung. Unsere Kreispolitik fordert verbesserte digitale Prozesse und Dienstleistungen. Gelingen kann dieses nur durch ein kommunales Ökosystem, bestehend aus urbaner Datenplattform, Serviceportal und Digitalem Zwilling.
Neu an dem Geoportal sind insbesondere die Themenstrukturierung und die Vernetzung – die Fachdaten können dabei in kommunale Fachprozesse eingebunden werden. Genau genommen handelt es sich nicht um einen Digitalen Zwilling, sondern um verschiedene Ausprägungen in Form von Geobasis- und Geofach-Zwillingen. Der Aufbau erfolgte in Anlehnung an die DIN SPEC 91607. Eingebunden wurden per Open Data zugängliche Daten des Bundes und des Landes NRW (3D-Mesh).
Neu sind auch die erweiterten Datenzugriffs- und 3D-Visualisierungsmethoden. Während die Digitalen Zwillinge des Bundes und einiger Länder großräumige Sachverhalte darstellen, sind wir mit unserem Digitalen Zwilling in der Lage, auch kleinräumige kommunale Daten auf dieser Datenbasis aufzubereiten – technologisch autonom, natürlich auch mit Möglichkeiten der Kooperation.
Dabei geht es beispielsweise um die Themen Hochwasser, Starkregeneinflüsse, Sichtfeldanalysen für Windenergieanlagen, um die Klimafolgenanpassung durch Hitze und Dürre sowie um Planungs- und Bauleitplandaten. Diese sind allesamt wichtig für die integrierte Stadt- und Regionalplanung.
Neben öffentlichen Informationen sind Geodaten auch zu internen Steuerungszwecken eingebunden. Zur Verfügung stehen diese nur einem autorisierten Personenkreis, beispielsweise den Bürgermeistern. Dazu zählen Breitbanddaten mit den Versorgungsgebieten verschiedener Netzbetreiber, die Darstellung der Eigentumsverhältnisse von öffentlichen Immobilien sowie ausgewählte Daten der kommunalen Wärmeplanung.
Dazu kommt die interne Beschleunigung der Abläufe. Im Zuge der Umsetzung des Bauturbos sind wir intern dabei, die Prozesse in den Bereichen Umwelt und Bauordnung stärker zu verzahnen, um den Baugenehmigungsprozess insgesamt zu beschleunigen.
Schließlich setzen wir verstärkt Dashboards um – eine sehr innovative Form komplexer Informationsdarstellung. Jüngstes Beispiel ist unser Bildungsbericht. Dargestellt sind ausgewählte Ergebnisse von Schuleingangsuntersuchungen im Grundschulbereich, beispielsweise Sprachstörungen. Diese Auswertung haben wir regional weiter gegliedert und nutzen diese als interne Steuerungsgrundlage. In einem weiteren Projekt sind wir dabei, die Daten unseres Jobcenters aufzubereiten.
Zur Einordnung: Bisher gab es das klassische Geoportal, jetzt ist alles in einem Portal gegliedert?
Genau. Bisher wurde von uns die klassische Geoportal-Philosophie mit zunehmender Themenvielfalt und unübersichtlicher Layerstruktur umgesetzt. Diese Systematik haben wir abgelöst – das „Layer-Klicksystem“ durch themenspezifische Fachzwillinge ersetzt.
Auch ausgewählte Statistikdaten haben wir eingebunden, zum Beispiel die Daten unseres örtlichen Gutachterausschusses in Form von Indexreihen zur Entwicklung der Boden- und Immobilienpreise. Immobiliengutachter und Gutachterinnen benötigen diese quartalsweise aktualisierten Daten zur Bestimmung des aktuellen Marktwertes. Ebenso sind die Bodenrichtwerte eingebunden sowie die Bauleitplandaten. Mit der neuen Bauordnung in NRW und dem Bauturbo wird auch der Stellenwert von BIM erheblich zunehmen. Folglich werden ausgewählte Daten auch in den Digitalen Zwilling eingebunden.
Treiben Sie diese Integration der einzelnen Portalsysteme voran, um Ressourcen zu bündeln?
Ja, genau darauf zielt es ab, denn der Digitale Zwilling steht nicht für sich allein. Wir stellen die Vernetzung zum Onlinezugangsgesetz her, d.h. zu den Dienstleistungen des allgemeinen Serviceportals. Viele Dienstleistungen erfordern dabei Geofachdaten und Eigentumsdaten – folglich an Anbindung an den Digitalen Zwilling.
Parallel dazu sind wir mit der PICTURE-Methode in die Prozessaufnahme eingestiegen. Analysiert werden potenzialbehaftete Prozesse hinsichtlich des verstärkten Technikeinsatzes und der Vernetzung weiterer Datenquellen. Durch interkommunale Zusammenarbeit machen wir uns dabei auch die Arbeit benachbarter Kreisverwaltungen zunutze.
Zusätzlich beschaffen wir gerade ein Social Intranet, eine moderne Kommunikationsplattform für Mitarbeitende. Mit dieser lassen sich auch wesentliche Daten des Digitalen Zwillings vernetzen. Im Ergebnis entsteht ein Ökosystem aus Social Intranet, allgemeinem Serviceportal und Digitalem Zwilling. Nur so gelingt auch nach Innen eine echte Verwaltungsmodernisierung.
Stichwort urbane Datenplattformen: Wie ordnen Sie Civitas Connect und die vielen parallelen Plattformen ein?
Aus einer Arbeitsgruppe der OWL-IT (kommunaler Zweckverband) heraus haben wir kürzlich den Entwurf eine Daten-Dachstrategie erarbeitet – mit insgesamt 2 Stoßrichtungen: Datenplattformen sowie die Inventur wichtiger Daten. Ziel ist die breite Nutzung von Daten für gemeinwohlorientierte städtische und ländliche Entwicklungsprozesse. Im Zuge der Smart-City-Entwicklung sind bereits zahlreiche Datenplattformen im Einsatz, zu denen in unserer Region u.a. der Urban Stack Gütersloh, der Urban Data Hub Paderborn sowie die Open-Source-Plattform CIVITAS/CORE gehören. All diese Systeme müssen interagieren mit Plattform-zu Plattform Datenaustausch. Die Kommunen benötigen hier Planungssicherheit im Hinblick auf den Einsatz von Technologien und Kosten.
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