Es gibt diese Themen, bei denen ich zuletzt das Gefühl hatte, sie kommen jetzt überall hoch. Zumindest in meinen Gesprächen mit Mitarbeitern von Stadtwerken, Tiefbauämtern und Planungsbüros kommen sie immer wieder auf: Wie integrieren wir KI sinnvoll in Planung und Betrieb von Infrastruktur? Wie führen wir Daten so zusammen, dass digitale Zwillinge mehr leisten als hübsche Modelle zu sein? Und wie machen wir die Umsetzung großer Projekte verlässlicher, gerade wenn Rahmenbedingungen schwanken?
Die Illuminate Berlin 2026 war einer dieser Orte, an denen diese offenen Fragen greifbarer werden. Vom 28. bis 30. April hat der Infrastruktur-Software-Anbieter Bentley Systems im Hotel Adlon Kempinski geladen, für drei Tage mit KI-Forum, Hauptkonferenz und Anwendertag. Der Querschnitt der Teilnehmer reichte von internationalen Planungs- und Bauunternehmen über große Bauherren bis zu spezialisierten Beratungen.
Da Bentley Systems schon seit mehreren Jahren Mitglied unseres Netzwerks ist, war ich für den Podcast vor Ort und durfte vier Gespräche führen, jedes mit einem eigenen Themenschwerpunkt: KI und Datennutzung mit Claudia Feiner, Nachhaltigkeit und Wasser mit Peter Rummel, Produktentwicklung mit KI mit Susanne Trierscheid und die Stadt als digitaler Zwilling mit Dorothea Manou. Vier Perspektiven auf dieselbe Frage: Wie verändern Digitalisierung und KI die Art, wie wir Infrastruktur planen, bauen und betreiben.
Claudia Feiner – KI und Daten
AI & Digital Twin Strategy Leader, Keynote-Speakerin
Claudia Feiner ist seit über 20 Jahren in der Automobil- und Tech-Branche unterwegs. Sie hat Führungspositionen bei Porsche und diconium bekleidet und wurde 2022 unter Deutschlands inspirierendsten Frauen gewählt (40 over 40 – Germany’s Most Inspiring Women). Heute berät sie Unternehmen zu digitaler Transformation, KI und Innovationsstrategie.
Ihr Punkt: Die Daten in der Infrastruktur sind alle da, wir nutzen sie nur nicht. Ein Großteil von Daten, die ein Infrastrukturbauwerk über seine komplette Lebenszeit generiert, werden nicht ausgewertet. Sie liegen in E-Mails, in Protokollen, manchmal sogar auf Butterbrotpapier. KI sei der Hebel, um genau diese versteckten Informationen wieder zugänglich zu machen, über alle vier Lebensphasen hinweg: Planung, Bau, Betrieb, Rückbau.
Was mich am meisten getroffen hat: Sie nennt das Phänomen, dass wir wissen, was zu tun wäre, aber trotzdem nicht ins Tun kommen, „Zukunftsamnesie”. In unserem Gespräch macht es persönlich: Sie hat vier Neffen und Nichten und will sich in einigen Jahrzehnten nicht erklären müssen, warum 2026 noch konventionell statt mit BIM-Modell gebaut wurde.
„Ich habe heute in meinem Vortrag auch über die Zukunftsamnesie gesprochen. Eigentlich wissen wir alle, was zu tun wäre. Aber irgendwie kommen wir nicht ins Tun.”
Claudia Feiner
Peter Rummel – Nachhaltigkeit
Director of Infrastructure Policy Advancement, Bentley Systems
Peter Rummel und ich treffen uns regelmäßig auf den Branchenveranstaltungen zur Digitalisierung der Infrastruktur- und Baubranche. Sein Spezialgebiet ist das Thema Nachhaltigkeit, das in der Infrastrukturdiskussion oft zu CO₂ verkürzt wird.
Sein Aufruf: Wir reden zu wenig über Wasser. Nachhaltigkeit müsse auf zwei sicheren Beinen stehen, CO₂ sei das eine, Wasserverbrauch das andere. Er warnt vor einer Zukunft, in der Wasserknappheit das nächste politische Konfliktthema wird, und plädiert für die Schwammstadt als Leitbild, aber eben mit echter Datengrundlage. Trinkwasser einmal nutzen und dann als Abwasser wegspülen widerspricht jeder Kreislaufwirtschaft.
Seine Sicht auf den digitalen Zwilling: Erst wenn ich verstehe, wo Wasser in meine Stadt hineinkommt, wie es sich bewegt und in welcher Qualität es wieder austritt, kann ich Reuse, Recycling und Repurposing wirklich denken. Stadtwerke seien heute schon innovativ aufgestellt, was fehle, sei die durchgängige Digitalisierung.
„Das Zusammenspiel aus individuellem Verbrauch und Klimaanpassung von Städten kann und wird der Türöffner sein, um Stadtklima und die Schwammstadt umzusetzen. Ein Schwamm ohne Wasser bringt nichts.”
Peter Rummel
Susanne Trierscheid – Produktentwicklung in Zeiten von KI
Vice President Product Executive, Bentley Systems
Susanne Trierscheid ist als Product Executive bei Bentley quasi General Manager für das Produktportfolio, in ihrem Fall das Flagship-Produkt MicroStation. Ihre Aufgabe ist, ein Produkt mit langer Geschichte zukunftsfähig zu machen, ohne die Bestandskunden abzuhängen.
Sie redet sehr ehrlich darüber, was KI für Geschäftsmodelle in der Software-Branche bedeutet. Klassische Lizenzmodelle funktionieren weniger gut, wenn ein Agent mehrere Nutzer ersetzen kann. Outcome-based Pricing sei die naheliegende Antwort, „aber da hat noch keiner eine Patentlösung”.
Ihre wichtigste These war für mich aber eine andere: KI ersetzt nicht ganze Jobs, sondern Aufgaben innerhalb eines Jobs. Der Gutachter, die Ingenieurin bleibt, aber der Arbeitsalltag sieht anders aus – und der Nachwuchs muss trotzdem einmal durch den Schmerz, Sachen in der alten Art und Weise zu rechnen, weil sonst in einigen Jahren niemand mehr beurteilen kann, ob die KI gerade Quatsch erzählt.
„Zu leicht dürfen wir es uns auch nicht machen, weil sonst wird uns die künstliche Intelligenz irgendwann Quatsch erzählen.”
Susanne Trierscheid
Dorothea Manou – Die Stadt als digitaler Zwilling
Market Development Manager, Bentley Systems
Dorothea Manou war mein letztes Gespräch und das einzige auf Englisch. Sie ist Geographin und GIS-Expertin, seit sieben Jahren bei Bentley Systems und seit Tag eins mit dem Fokus auf Städten. Genau das macht das Gespräch für mich besonders, weil ich selbst studierter Stadt- und Raumplaner bin.
Sie erklärte mir, dass Städte bei Bentley Systems eine eigene Industrie sind. Sie verbinden Verkehr, Wasser, Energie, Über- und Untergrund. Praktisch heißt ihre Antwort auf meine Frage nach einer realistischen Roadmap: klein anfangen. Eine Stadt, eine Abteilung, ein Use Case mit unmittelbar sichtbarem Wert. Erst danach skaliert man auf andere Abteilungen und externe Stakeholder.
Spannend wurde es bei der Frage nach Metriken. Manou widerspricht der reinen Mengenlogik und dreht es um: Es gehe darum, wie sehr ein digitaler Zwilling den Arbeitsalltag von vielleicht nur fünf Personen verbessert, und wie viel Zeit die dann freihaben für bessere Entscheidungen.
„It’s not just about the increased number of users; it’s how digital twins are improving their life.”
Dorothea Manou
Was bleibt nach drei Tagen Illuminate Berlin 2026
Vier Gespräche, eine Linie: Die Technologie ist da, die Daten sind da. Die spannende Frage ist, wie wir gemeinsam ins Tun kommen. Aus meiner Sicht ist ein Baustein zum Erfolg sicherlich so ein Format wie die Illuminate: Drei Tage, in denen Bauherren, Projektentwickler, Planungs- und Bauunternehmen, Beratungen und Bentley selbst nicht aneinander vorbeireden, sondern sich tatsächlich begegnen. Danke an Bentley Systems für die Einladung, und an Claudia, Peter, Susanne und Dorothea fürs Mitmachen.
Die ganze Folge gibt es hier: Spotify | Apple Podcasts
