Der Kreis Herford nutzt seinen digitalen Zwilling nicht mehr nur zum Anschauen, sondern zum Planen und Simulieren, und wertet statistische Daten bis auf Quartiersebene aus.
Tobias Hanke leitet dort die Abteilung Geodatenmanagement im Amt für Kataster, Geodaten und Immobilienwerte und versorgt den Kreis wie auch die kreisangehörigen Kommunen mit Geodaten. Seine These: Der digitale Zwilling steht und fällt mit dem Datenmanagement, und dasselbe gilt für den Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Verwaltung.
Beim Urban Digital Netzwerktreffen rund um digitale Stadtentwicklung am 12. Oktober in Berlin ist er dabei. Vorab haben wir ihn gefragt, wie aus einem Kartenportal ein Werkzeug wurde, warum Kreis und Kommunen zusammenarbeiten müssen und was die Entwicklungen rund um KI für seine Arbeit bedeuten.
1. Vom Kartenportal zum Werkzeug
Sie leiten das Geodatenmanagement des Kreises Herford. Wie hat sich Ihre Arbeit in den vergangenen Jahren verändert?
Wir beschäftigen uns seit jeher mit der Geodateninfrastruktur für den Kreis und für unsere kreisangehörigen Kommunen. Sie hat sich schrittweise weiterentwickelt: von einem reinen Kartenportal über 3D-Anwendungen bis zum digitalen Zwilling, den wir heute mit Geobasisdaten und vielfältigen Geodaten aus verschiedenen Quellen bestücken. Ermöglicht wurde das von der immer weiter fortschreitenden Technik, konsequent umgesetzten Datenstandards und von den Massendaten, die wir inzwischen nutzen können.
Was unterscheidet den digitalen Zwilling von den 3D-Modellen, die es vorher schon gab?
Die Grundlage ist ein realistisches Abbild der Erdoberfläche mit allem, was darauf steht, von Gebäuden bis zur Vegetation, angereichert durch immer hochauflösendere Fernerkundungs- und Satellitendaten. Dadurch konnte bereits frühzeitig ein volltexturiertes 3D-Modell entwickelt werden, woraus der Geobasiszwilling für den Kreis Herford entstanden ist. Der Sprung zum digitalen Fachzwilling liegt woanders: Es geht nicht mehr nur um das gute Aussehen, sondern darum, dass ich damit arbeiten kann, es in datenbasierte Prozesse integriere, prognostiziere und simuliere.
Ein Beispiel aus der Stadtplanung: Ich kann künftige städtebauliche Entwicklungen nicht nur auf dem Papier zeigen, sondern ganze Stadtteile oder Wohnblöcke, die sich verändern, oder Entwürfe aus einem Architekturwettbewerb in den Zwilling integrieren, inklusive Sichtbarkeitsanalysen und Schattenwürfen. Das lässt sich auf Starkregen- und Hochwassersimulationen und viele weitere Umweltthemen übertragen. Aus einem reinen Informationsportal ist ein interaktives Werkzeug geworden.
2. Entscheidungen bis auf Quartiersebene
Statistik und Geodaten sind traditionellerweise zwei datenaffine Abteilungen. Wie bringen Sie beide im Kreis Herford zusammen?
Wir haben eine abgeschottete kommunale Statistikstelle, die Daten der Fachämter und der Kommunen erhält und anonymisiert zur Verfügung stellt. Das Geodatenmanagement bringt diese Daten im KomMonitor in eine Darstellungsform. Die Menge wird unterschätzt: Wir haben eine vierstellige Zahl an Indikatoren zum Kreis Herford abgelegt.
Durch das Zusammenspiel von Statistik und Geodatenmanagement sind diese Daten georeferenziert und lassen sich in eine kleinräumige Gliederung packen. Ich kann sie nicht nur für den Kreis darstellen, sondern auf die Kommune, einen Ortsteil oder ein Quartier herunterbrechen und damit deutlich dezidiertere Aussagen treffen. Themen wie die Kita-Bedarfsplanung lassen sich so datenbasiert entscheiden, nicht aus dem Bauchgefühl. Der Geobereich arbeitet seit Jahren so, davon können andere Fachbereiche viel lernen.
3. Keine Insellösungen: Zusammenarbeit von Kommunen mit Kreis
Wie stellen Sie sicher, dass der digitale Zwilling nicht zur nächsten Insellösung wird?
Das ist eine entscheidende Frage. Wir sagen, wir sind datenbasiert und fächerübergreifend, dürfen aber beim digitalen Zwilling nicht wieder Insellösungen erschaffen. Aus diesem Grund nehmen wir alle kreisangehörigen Kommunen mit und betreuen sie intensiv, denn das Thema ist groß, und die kommunale Haushaltslage kennt jeder. Meine Rolle im Geodatenmanagement verstehe ich als Beratung und Service: Die Kommunen haben Zugriff auf alle unsere Plattformen, für einzelne haben wir eigene Anwendungen gebaut. Für Bürgerinnen und Bürger sind unsere kreisangehörigen Kommunen oft erste Anlaufstelle. Mit unseren Angeboten kann der Vor-Ort-Service verbessert und beschleunigt werden.
Wichtig ist außerdem, den digitalen Zwilling nicht nur verwaltungsübergreifend zu denken, sondern Digitalisierung und Geodaten zusammenzubringen: den CDO der Kreisverwaltung, die CDOs und Digitalisierungsbeauftragten der Kommunen und die Fachanwender aus bspw. Stadtplanung, Umwelt und Klimaschutz. Am Ende sind das diejenigen, die den Zwilling nutzen sollen. Wir arbeiten seit einiger Zeit so, und es ist sehr fruchtbar.
Wie weit sind die Kommunen in Nordrhein-Westfalen bei Simulation und Prognose?
Im Moment ist das ein Flickenteppich. Viele geförderte Smart-City-Kommunen haben einzelne Lösungen in der Pipeline oder in der Entwicklung, viele nicht geförderte Kommunen warten ab. Ich hoffe, dass wir das demnächst produktiv in den Einsatz bekommen. Dafür finden wir uns in Nordrhein-Westfalen gerade zusammen, damit nicht 53 Insellösungen entstehen, sondern alle voneinander profitieren.

4. Künstliche Intelligenz braucht Datenmanagement
Wie schätzen Sie die rasanten Entwicklungen rund um künstliche Intelligenz für Ihre Arbeit ein?
Auf der strategischen Ebene ist für mich aktuell und sicher auch im nächsten Jahr das Datenmanagement entscheidend. Dieses Thema ist ein Stück weit von KI überholt worden: Die KI-Thematik kommt von allen Seiten auf die Kommunen zu, man kann kaum noch etwas machen, ohne dass irgendwo KI drinsteckt. Wenn ich KI aber richtig betreiben will und nicht nur an Sprachmodelle denke, sondern an Entscheidungsgrundlagen, brauche ich im Hintergrund vernünftige Daten.
Die Vision geht hier in Richtung eines nutzerspezifischen Portals. Jemand stellt eine Frage, etwa nach der Quote an Mehrfamilienhäusern, und bekommt den digitalen Zwilling in der für ihn passenden Ausprägung angezeigt. Dafür müssen die Daten der Kreisverwaltung und der Kommunen strukturiert vorliegen. KI hat das Thema Datenmanagement überholt und ist gleichzeitig sein Beschleuniger. Wir müssen jetzt nachziehen und ein vernünftiges Datenmanagement aufbauen, auch für die Bereiche außerhalb der Geodaten. Das wird mich in den nächsten ein bis zwei Jahren stark beschäftigen.
Was passiert, wenn Verwaltungen das nicht schaffen?
Wenn wir in den nächsten ein, zwei Jahren keine vernünftige eigene Lösung anbieten können, besteht die Gefahr, dass Lösungen von außen den Platz einnehmen, die auf globalen Daten basieren und nicht auf unseren. Der Blick geht dabei nicht nur nach außen, sondern auch nach innen: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Verwaltung wollen KI nutzen, um ihre Arbeitsprozesse effizienter zu gestalten. Für den Kreis Herford wurde durch unsere Stabsstelle CDO ein KI-Leitbild entwickelt, mit Workshops in der Belegschaft. Dort kam sehr oft: Ich brauche keine globale Antwort, ich will in meinen Daten und in meinen Anträgen vernünftig suchen und auswerten, statt alte Akten zu wälzen.
Gefragt ist also eine KI auf den eigenen Daten, und dafür braucht es das Datenmanagement. Vieles ist bereits vorhanden, liegt aber versteckt in Fachapplikationen und muss strukturiert herausgeholt werden.
5. Blick nach vorne und nach Berlin
Der Kreis Herford reist mit einer ganzen Delegation zur Messe nach Berlin. Was steckt dahinter?
Das hat zwei Gründe: Zum einen sind wir über den Landkreistag NRW mit dem Motto „Vernetzte digitale Zwillinge. Starke Regionen. Sichere Zukunft.“ am Stand des Ministeriums für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung des Landes Nordrhein-Westfalen auf der Smart Country Convention vertreten, gemeinsam mit weiteren Kreisen aus Nordrhein-Westfalen, und zeigen dort Lösungen rund um digitale Zwillinge, ergänzt um Vorträge aus dem Kreis Herford in der Speakers Corner des Ministeriums.
Zum anderen, und das ist für uns der entscheidende Punkt: Digitale Zwillinge basieren auf kommunalem Datenmanagement, das im Geobereich lange gelebt wird und in vielen anderen Bereichen gerade erst beginnt. Datenstrategien und Datenkonzepte beschäftigen im Moment viele, auch uns auf strategischer Ebene gemeinsam mit unserem CDO-Bereich. In Zeiten knapper Kassen und wachsender Aufgaben muss dieses Thema als wichtig erkannt werden, auch von den Hausspitzen, um Rückhalt im Haus zu haben und es in den politischen Diskurs einzubringen.
Wir reisen daher geschlossen: mit Kollegen aus Geodaten und Digitalisierung, unserer Verwaltungsleitung und Mitgliedern des Kreistags. Wir wollen ein breites Spektrum zeigen, was smarte digitale Verwaltung leisten kann, damit Themen, die am Ende Effektivität steigern und Ressourcen sparen, nicht nur auf der fachlichen Ebene diskutiert werden, sondern auch im politischen Rahmen Gehör finden.
Der Kreis Herford ist auf der Smart Country Convention vom 13. bis 15. Oktober 2026 am Gemeinschaftsstand des Ministeriums für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung NRW zu finden, hub27, Stand 416.
Sie wollen Tobias Hanke persönlich treffen? Er ist beim Urban Digital Netzwerktreffen rund um digitale Stadtentwicklung am 12. Oktober in Berlin dabei.

