Den Digitalen Zwilling erlebbar machen: Wie das display in Frankfurt Stadtdaten künstlerisch inszeniert

Im display, dem Raum für digitale Praxis in Frankfurt am Main, wird gerade an einer Frage gearbeitet, an der viele Kommunen hängen: Wie bringt man die Daten eines Digitalen Zwillings so zu den Menschen, dass sie etwas auslösen? Die Antwort, die hier entsteht, ist eine immersive Inszenierung: Hitzeorte, Gebäudekubaturen und Straßenzüge verschmelzen zu einem lebendigen Partikelteppich, der auf Eingriffe reagiert.

Vorgestellt hat mir das Projekt Fabian Hackethal, der die städtischen Daten gemeinsam mit der Künstlerin Rosi Grillmair in eine neue Visualisierungs- und Kommunikationsform übersetzt. Das Besondere daran: Diese künstlerische Form ist nicht nur schön anzusehen, sondern mit echten Verwaltungsdaten unterfüttert und gemeinsam mit den Ämtern entstanden. Die kritische und kreative Auseinandersetzung mit Technologie und Daten steht im Fokus der Arbeit vom NODE Verein zur Förderung Digitaler Kultur e.V., welcher zusammen mit der Stabsstelle Smart City das display bespielt. Rosis Arbeit zum Thema Digitaler Zwilling ist der Auftakt einer langfristigen Kollaboration zwischen NODE und der Stabsstelle Smart City zum Thema offene Daten: unter dem Titel „Open Data Experiments“ werden in Zukunft noch weitere kreative Projekte und Aktionen laufen.

Im folgenden Doppelinterview spreche ich zunächst mit Fabian Hackethal über Entstehung, Rolle und Grenzen dieser Inszenierung. Im Anschluss kommt die Künstlerin Rosi zu Wort, die der Visualisierung ihre Gestalt gegeben hat.

Smart City Forum Frankfurt, Madlen Wendt und Fabian Hackethal im display
Abb. 1 – Madleen Wendt, Fabian Hackethal und Dimitri Ravin im display
Partikel-Visualisierung des Digitalen Zwillings im display Frankfurt
Abb. 2 – Die künstlerische Installation des digitalen Zwillings

Anlass meines Besuchs in Frankfurt am Main war das Smart City Forum, das inzwischen zum sechsten Mal stattfand.

Das Smart City Forum ist ein offenes Format, bei dem Verwaltung, Wissenschaft, Wirtschaft und Bürgerschaft über die digitale Stadt ins Gespräch kommen. Organisiert wird es von Madlen Wendt, die in der Stabsstelle Smart City den Themenbereich Partizipation verantwortet.

Während das Forum einmal im Jahr zusammenführt, gibt es mit dem display einen Ort, an dem sich die Smart City dauerhaft und operativ erleben und mitgestalten lässt.

Genau dort hat mir Fabian Hackethal, verantwortlich für die Themenbereiche Kultur, Bildung, Freizeit, Gesundheit und Soziales, ein Projekt vorgestellt, das die Kommunikation Digitaler Zwillinge neu denkt.

Was war der Anlass, den Digitalen Zwilling künstlerisch zu inszenieren?

Fabian Hackethal: Wir haben inzwischen sehr gute Daten über unsere Stadt, stehen aber immer wieder vor der Herausforderung, sie zu den Menschen zu bringen. Genau dafür reicht eine klassische Karte oder ein Pressestatement häufig nicht aus, es braucht eher eine interaktive Inszenierung. Die Aufmerksamkeit der Menschen ist knapp, und über künstlerische Mittel lassen sich komplexe Zusammenhänge sehr gut vermitteln. In der Kultur sind immersive Installationen längst etabliert, sie sind aber selten mit echten Daten unterfüttert und gemeinsam mit der Verwaltung entstanden. Genau das ist das Innovative an diesem Projekt, das wir als Grundlage für die weitere Entwicklung nehmen wollen.

Konkret stecken in dem Modell mehrere Datenquellen, die alle zusammenlaufen: Vom Gesundheitsamt der Stadt Frankfurt am Main stammen die kühlen Orte, die Sie als blaue Elemente sehen. Von unserer Urbanen Datenplattform kommen in Echtzeit die Temperaturdaten, dargestellt im Farbverlauf von gelb bis orange. Dazu kommt das 3D-Stadtmodell des Stadtvermessungsamts aus dem Geoportal.

Grundlage der künstlerischen Inszenierung ist dieser Partikelteppich, dessen Elemente aufeinander reagieren. Wenn man hineinzoomt, sieht man, wie die einzelnen Partikel voneinander abprallen, und genau diese Verhältnisse lassen sich inszenieren. Man kann sogar Rückmeldungen der Nutzer*innen einholen und fragen, wo Kühlung fehlt, sie an dieser Stelle einfügen, und alle Partikel ringsum reagieren darauf.

Vid. 1 – Mit dem Gamecontroller navigieren Sie durch den Digitalen Zwilling und wechseln zwischen verschiedenen Ansichten. Blaue Bereiche kennzeichnen kühle Orte, während orange und gelbe Partikel die Temperaturdaten entlang von Gebäuden und Flächen visualisieren. Der grün pulsierende Bereich markiert den Raum „display“.

Die Visualisierung ist sehr ansprechend und dynamisch, für Detailplanungen aber wahrscheinlich zu grob. Wo sehen Sie das in der Kommunikationsstrategie eines Zwillings?

Fabian Hackethal: Für uns liegt der Wert klar in der partizipativen Komponente, nicht in der Detailplanung. Man könnte die Daten so visualisieren, dass Bürgerinnen und Bürger zur Diskussion eingeladen werden und ihren Einfluss auf die Stadt unmittelbar erleben. Stellt man etwa ein, was passiert, wenn wir nichts gegen den Klimawandel tun und sich die Stadt um 1,7 Grad erwärmt, reagieren alle Partikel darauf. Das ist plakativ und macht die Wirkung einzelner Klimaschutzmaßnahmen sichtbar, gerade auf dem großen Display entsteht ein starker Moment des Staunens.

Für den Alltag der Stadtplanung ist die Form dagegen bewusst zu grob, dort braucht es sehr viel mehr Genauigkeit. Was wir aber ausprobieren möchten, ist, ob sich durch das Hinzufügen weiterer Datensätze Beziehungen erkennen lassen, etwa wenn man die Windkarte, Gebäudeeigenschaften oder weitere Umweltdaten ergänzt. Vielleicht liegt der Nutzen am Ende darin, dass die Fachleute gemeinsam am Tisch stehen, diskutieren und ihre Überlegungen visualisiert sehen.

Besonders vielversprechend finden wir den Weg über das Gesundheitsamt. Es hat eine Präventionsaufgabe, betreibt Hitze und Gesundheitsmonitoring und kommuniziert bisher oft über klassische Wege. Wir haben inzwischen Klimalotsen, die in die Einrichtungen gehen und die Menschen über die Folgen des Klimawandels informieren. Wenn diese solche anschaulichen Elemente zum Erklären und Vermitteln mitnehmen, könnte das deutlich besser funktionieren. Das ist alles noch sehr experimentell, aber als Ansatz ist es vielversprechend.

Die Partikeldarstellung stammt von der Künstlerin Rosi Grillmair. Im zweiten Teil dieses Doppelinterviews kommt sie selbst zu Wort.

Was war Ihre gestalterische Idee hinter dem Partikelteppich, und warum eignet sich gerade diese Form, um die Lebendigkeit einer Stadt zu zeigen?

Rosi Grillmair: Partikel in ihrer Menge und ihren Bewegungen, die sich zu Strömungen und Dynamiken formen eignen sich für mich sehr, um komplexe Vorgänge möglichst anschaulich darzustellen. In einer Stadt passieren viele Dinge, die zwar öffentlich bekannt, aber unsichtbar sind. Ich benutze gerne diese ästhetische-technische Methode, um das zusammen mit Datensätzen zu ändern: Wie fühlen sich Menschen an bestimmten Orten? Ist es dort angenehm? Würde dem Ort Veränderung guttun? Bei diesem Projekt ging es um Hitze in der Stadt und die vielfachen Belastungen die dadurch entstehen. Der Ort und die Art der Interaktion mit der Visualisierung sind Teil des Werks: Menschen sollen zusammenkommen können an einem öffentlichen Ort, der im Kontext von Austausch und offenen Daten steht und selbst durch die Stadt „fliegen“ können. Es soll ein Moment des Erzählens und des gemeinsamen Spielens (Gamification und First-Person-Vogelperspektive) entstehen.

Vid. 2 – Besucher des display können mit Hilfe eines Gamecontrollers durch das virtuelle Frankfurt am Main fliegen und navigieren.

Wie verändert sich Ihr Blick auf städtische Daten, wenn Sie mit einer Verwaltung statt im rein künstlerischen Kontext arbeiten?

Rosi Grillmair: Es war für mich sehr spannend in die Datenwelt der Stadt Frankfurt am Main einzutauchen und es hat mich begeistert, wie viele Informationen bereit liegen und wie sich diese aus den unterschiedlichen Datensätzen zu neuem Wissen verknüpfen. Daran wollte ich unbedingt andere Menschen teilhaben lassen und ich habe meine Aufgabe darin gesehen, die Daten ansprechend und übersichtlich mit meinem Handwerk als Medienkünstlerin zugänglich zu machen. Ich unterstütze auch den Wunsch zu 100% die Daten offen zugänglich zu machen und zu sehen wie Bürger*innen damit arbeiten könnten. Da es so viele Datensätze und Ämter gibt, die sich mit dem Thema Stadtdaten beschäftigen, hat es mir geholfen den Fokus auf Hitze zu legen. Bei den Gesprächen mit den Ämtern kamen gleich so viele Ideen wie wir damit arbeiten könnten und welche Verknüpfungsmöglichkeiten und Arbeitsbereiche den Mitarbeitenden schon vorschweben. Ich habe mich als Künstlerin und Vermittlerin an der richtigen Stelle gefühlt diese Motivation weiterzutragen und künstlerisch zu bearbeiten.

Was soll eine Besucherin oder ein Besucher idealerweise vor dem display fühlen oder mitnehmen?

Rosi Grillmair: Unsere Idee mit dem Datenatelier war es einerseits die Vielfältigkeit der schon verfügbaren Daten sichtbar zu machen und andererseits das Gefühl zu schaffen, sich informiert damit auseinander zu setzen und nicht in der Fülle unterzugehen. Das display ist ein toller Ort, um zu vermitteln und Menschen Handwerkszeug zu geben und sie gleichzeitig einfach experimentieren zu lassen und Ideen zu entwickeln. Neben den drei Bildschirmen, auf denen man bereits bestehende Datensätze und Projekte (begleitet oder eigenständig) durchsuchen konnte, war meine Partikel-Visualisierung ein Aufmacher, um sich durch Gamification und moderne Visualisierungsmethoden in diese Datenwelt der Stadt einsaugen zu lassen. Besucher*innen sollten inspiriert nach Hause gehen und am besten selber weiter darüber nachdenken, wie sie individuell die Daten nutzen würden, um für sich, ihren Bekanntenkreis oder die Stadt neue Werkzeuge zu entwickeln.

„In order to use technology for different needs and interests, we need different people.“

Fiona Krankenbürger, Sprecherin beim Chaos Communication Congress 2018

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