Planungs- und Genehmigungsverfahren gelten als größter Bremsklotz des Infrastrukturausbaus in Deutschland. Wie groß der Hebel ist, zeigt die 380-kV-Leitung von Ganderkesee nach St. Hülfe in Niedersachsen: 61 Kilometer, rund 20 Jahre von der ersten Planung bis zur Inbetriebnahme, davon 17 Jahre Planung und Genehmigung.
Im ersten Betriebsjahr sparte die Leitung rund 500 Millionen Euro an Redispatch-Kosten ein, also an Kosten für Noteingriffe ins Stromnetz bei Engpässen, bei Gesamtkosten für das Projekt von rund einer Milliarde Euro.1
Rolf Lührs arbeitet seit über 25 Jahren an digitaler Beteiligung und der Digitalisierung von Planungsverfahren. Mit der DEMOS plan GmbH betreibt er Software für gesetzlich vorgeschriebene Beteiligungsverfahren. Im Frühjahr veröffentlichte er in Co-Autorenschaft ein Whitepaper „Agentic Planning“ 2. Im diesem Interview erklärt Lührs, was agentische KI in Verfahren heute schon leistet und weshalb jetzt der richtige Moment für mehr Innovationsgeist in der Beteiligung ist.
1. KI im Arbeitsalltag
KI ist derzeit auf allen Ebenen das Hype-Thema schlechthin. Wie nutzen Sie KI in Ihrer Organisation ganz konkret?
Wir waren schon „KI-Fans“, als es noch keine großen Sprachmodelle gab und Machine Learning gerade erst aufkam. Richtig greifbar wurde die agentische Dimension für uns aber erst im eigenen Betrieb.
Wir haben Agenten zwischen unsere Werkzeuge und die Nutzenden gesetzt: CRM, Ticketsystem, Personalverwaltung, alle diese Systeme haben eigene Oberflächen, in denen man sich auskennen muss.
Heute sage ich unserem Agenten zum Beispiel: Such mir heraus, wie viel Umsatz wir im letzten Jahr in einem bestimmten Themenfeld gemacht haben. Der Agent fragt nach, wenn etwas unklar ist, und liefert die Antwort mit Links und Belegen. Das ist mit Guardrails abgesichert, also mit festen Leitplanken, die vorgeben, was die KI tun darf und was nicht. Das ist nicht hundertprozentig, aber sehr zuverlässig.
Es geht eigentlich nur noch um die Intention: Was will ich? Die Bedienung der Systeme übernehmen die Agenten.
2. KI in Planungs- und Genehmigungsverfahren
Im Frühjahr haben Sie mit Ihren Kollegen das Whitepaper „Agentic Planning“ veröffentlicht. Was war die Vision dahinter, und was davon ist heute schon Realität?
Das Whitepaper war vor allem ein Programm: eine Vision, wie sich Planungs- und Genehmigungsverfahren in Europa mit agentischer KI neu denken lassen, und zugleich unser Arbeitsprogramm.
Real im Einsatz ist heute das KI-gestützte Einwendungsmanagement. Stellen Sie sich 1.000 Einwendungen und Stellungnahmen vor, also schriftliche Einwände von Bürgern, Verbänden und Behörden zu einem Vorhaben, viele davon als Kampagne. Zuerst muss dieser Bestand maschinenlesbar werden, aus PDFs, eingescannten Briefen und E-Mails.
Dann extrahieren wir die Argumente, also die Substanz jeder Einwendung, weisen Themenfelder zu, gruppieren und erstellen Erwiderungsvorschläge. Der letzte Schritt ist der anspruchsvollste: Ein guter Erwiderungsvorschlag braucht Referenzen auf die geltenden Gesetze und auf die Planungsunterlagen, genau wie bei einem Sachbearbeiter oder Juristen, die zu verstehen versuchen, ob dieses Argument dazu führt, dass etwas geändert werden muss oder nicht.
Das alles machen wir mit unterschiedlichen Sprachmodellen, zum Teil im eigenen Stack betrieben, mit Guardrails, damit es zuverlässige Ergebnisse produziert.
Wie groß der Hebel ist, zeigt die Feste Fehmarnbeltquerung: rund 12.600 Einwendungen und Stellungnahmen allein in der zweiten Anhörungsrunde. Von der ersten Auslegung der Pläne 2014 bis zum Planfeststellungsbeschluss Anfang 2019, also der behördlichen Genehmigung des Projekts, vergingen knapp fünf Jahre.3 Mit KI geht diese Auswertung um Faktoren schneller.
Infobox: Whitepaper „Agentic Planning“
Im März 2026 veröffentlichte Rolf Lührs gemeinsam mit Matthias Rehkop und Dr. Markus Klima das Whitepaper „Agentic Planning. Agentische KI als Beschleunigungsarchitektur für europäische Planungs- und Genehmigungsverfahren“.
Es skizziert, wie agentische KI Verfahren durchgängig unterstützen kann: von maschinenlesbaren Antrags- und Planungsunterlagen über das KI-gestützte Einwendungsmanagement bis zu Erwiderungs- und Bescheidentwürfen. Die fachliche Bewertung und die Entscheidung bleiben dabei beim Menschen. Das Whitepaper ist frei verfügbar unter agenticplanning.eu.
Wer setzt solche Lösungen beim Infrastrukturausbau ein?
In diesen Verfahren gibt es immer zwei Seiten: die Genehmigungsbehörden auf Bundes- und Landesebene und die Vorhabenträger, etwa Übertragungsnetzbetreiber wie 50Hertz oder Tennet, die Autobahn GmbH oder die Deutsche Bahn.
Die Vorhabenträger sind derzeit flexibler, dort haben wir mittlerweile zwei Rahmenverträge, und es entwickelt sich schnell, weil sich die Zeit- und Kostenersparnis direkt belegen lässt.
Auf der Behördenseite dauert es länger, dort spielen Beschaffung und die Debatte um digitale Souveränität hinein.
Infobox: SPARK, die KI-Module des Bundes
SPARK steht für „Schnellere Planung und Realisierung durch KI“. Unter diesem Programm lässt das Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS) KI-Module für Planungs- und Genehmigungsverfahren entwickeln und stellt sie lizenzkostenfrei als Open Source bereit; die ersten Werkzeuge erschienen im April 2026 auf der Plattform Open CoDE. Beim World Government Summit 2026 wurde SPARK in der Kategorie „Best Use of AI in Government Services“ ausgezeichnet.4
Hinter SPARK stehen zwei Teilprojekte: SPARK Workflow, umgesetzt mit PwC, und SPARK API, umgesetzt von einer Innovationsgemeinschaft unter Führung von Capgemini, zu der neben Aleph Alpha, Mistral, STACKIT, Edgeless Systems und drei Fraunhofer-Instituten auch die DEMOS plan GmbH gehört. Ihr Schwerpunkt liegt auf dem Einwendungsmanagement: von der Extraktion der Argumente bis zu Erwiderungsvorschlägen mit Referenzen auf Gesetze und Planungsunterlagen. Mittlerweile ist DEMOS auch bei SPARK Workflow aktiv und berät bei der Weiterentwicklung eines EWM für die Genehmigungsbehörden des Bundes.
3. Beteiligung und Standards
In der Debatte heißt es oft, Beteiligung bremse den Ausbau. Wie sehen Sie das?
Umweltprüfungen und Öffentlichkeitsbeteiligung gibt es aus guten Gründen, vieles davon ist europaweit harmonisiert, und ich finde das richtig. Man sollte prüfen, welche Umweltauswirkungen ein Projekt hat, und die Betroffenen zu Wort kommen lassen.
Zugleich sind Verfahren über die Jahre immer umfangreicher und komplexer geworden: mehr Prüfschritte, mehr Beteiligte, mehr Stellungnahmen, dazu eine weitgehend analoge Durchführung. Die Auswertung ist im Kern qualitative Textanalyse, dafür sind Sachbearbeitende in der Verwaltung gar nicht ausgebildet.
Genau hier liegt die große Chance: Mit KI können wir an der richtigen Intention festhalten und sie trotzdem effizient umsetzen. Die Maschine übernimmt die mechanische Arbeit, die Menschen konzentrieren sich auf Abwägung und Entscheidung. Die Konsistenz gewinnt dabei sogar, weil gleiche Argumente gleich behandelt werden und alles gerichtlich überprüfbar bleibt.
Sie bezeichnen Standards wie XPlanung als Gamechanger. Warum ausgerechnet die?
Diese XÖV-Standards, also die einheitlichen Datenstandards der deutschen Verwaltung, kenne ich seit ihren Anfängen vor rund 25 Jahren. Sie sollen einheitliche Schnittstellen schaffen, damit sich Daten verlustfrei austauschen lassen, etwa bei Bebauungsplänen. Für Menschen sind sie sperrig, in der Praxis haben sie sich trotz gesetzlicher Pflicht nie flächendeckend durchgesetzt.
Für KI gilt das Gegenteil: Mit strukturierten Daten arbeitet sie am besten, solche Standards verarbeitet sie mühelos.
Der entscheidende Punkt ist aber ein anderer: KI kann standardkonforme Daten nicht nur lesen, sondern aus den vorhandenen digitalen Plänen erzeugen. Wir müssen nicht mehr warten, bis alle Daten irgendwann vorliegen, wir können sie generieren. Das verändert die Grundlage der gesamten Verfahrensdigitalisierung, gerade auch für Kommunen.
4. Ausblick
Neben KI stehen derzeit im GovTech-Diskurs zwei weitere Themen oben auf der Agenda: digitale Souveränität und Open Source. Wie sehen Sie das?
Auf der Behördenseite wird digitale Souveränität oft so verstanden, dass der Staat den gesamten Stack selbst beherrschen muss. Ich verstehe den Impuls, halte aber eine andere Lesart für zielführender: Souverän ist, wer wählen kann. Also unterschiedliche Anbieter, Wechselmöglichkeiten und eigene Kompetenz in den entscheidenden Feldern, statt für schlechtere Produkte mehr Geld zu bezahlen.
Für kleine, innovative Unternehmen muss es sich außerdem wieder lohnen, in solche Lösungen zu investieren. Daran entscheidet sich, ob Government Technology in Deutschland vorankommt.
Lösung: DEMOS Einwendungsmanagement Online
Die KI-basierte Anwendung ermöglicht den automatischen Import von PDFs, E-Mails und die manuelle Eingabe von Stellungnahmen in ein einheitliches System. Die Nutzenden können Stellungnahmen bearbeiten, beantworten und Verantwortlichkeiten festlegen. Stellungnahmen können mit Schlagworten versehen werden, um eine gezielte Strukturierung zu ermöglichen.
Das System erleichtert die Bearbeitung von Masseneinwendungen sowie inhaltlich ähnliche Stellungnahmen. Koordinierte Aufgabenverteilung durch gezielte Zuweisung der Bearbeitung an die zuständigen Mitarbeitenden innerhalb einer Organisation. Erwiderungsvorschläge erleichtern den Erwiderungsprozess. Mehr erfahren…
Was wünschen Sie sich von Verwaltung und Politik, damit dieses Potenzial gehoben wird?
Mehr Mut, die Verfahren KI-first zu denken, denn möglich ist schon heute sehr viel. Stellen Sie sich eine Sachbearbeiterin in einem Planfeststellungsamt vor, die seit 20 Jahren Verfahren betreut. Eine absolute Expertin, aber ohne Lust, noch ein hochkomplexes Programm zu lernen.
Künftig sagt sie einfach, was sie vorhat: Ich habe 2.500 Einwendungen und 40 Stellungnahmen, womit werte ich die aus? Der Agent empfiehlt das passende Werkzeug, legt das Verfahren an, importiert die Dokumente und meldet sich zur Kontrolle zurück.
Das ist der Unterschied zum Chatbot: Der Agent macht. Das ist die Revolution. So wird Digitalisierung nahbar, weil natürliche Sprache die Bedienhürde ersetzt und Fachwissen wieder mehr zählt als Toolkenntnis. Neue Systeme ließen sich damit erheblich schneller in die praktische Anwendung bringen.
Die Ansätze sind da, auf Bundesebene, in den Ländern und in Projekten. Jetzt kommt es darauf an, diese Initiativen zu orchestrieren und den eingeschlagenen Weg konsequent weiterzugehen, mit Siebenmeilenstiefeln.
Die Beurteilungskompetenz für das, was KI kann, ist noch knapp, man muss es erleben, um es einzuschätzen. Umso wichtiger ist es, jetzt anzufangen.
Quellenhinweise
- Tennet-Leitung Ganderkesee bis St. Hülfe: 61 km, Inbetriebnahme 2023, rund 20 Jahre von Planungsbeginn bis Inbetriebnahme, davon 17 Jahre Planung und Genehmigung, rund 1 Mrd. Euro Kosten, rund 500 Mio. Euro Redispatch-Ersparnis im ersten Betriebsjahr (Tim Meyerjürgens, Tennet, im Cleaning Up Podcast Ep. 233, Transkript frei lesbar: www.cleaningup.live; Leitungsdaten: Energie und Management, 25.08.2023, www.energie-und-management.de; vgl. Whitepaper „Agentic Planning“, S. 24, Fußnote 15).
- Whitepaper: Lührs, R., Rehkop, M., Klima, M. (2026): Agentic Planning. Agentische KI als Beschleunigungsarchitektur für europäische Planungs- und Genehmigungsverfahren, März 2026, zenodo.org/records/19188670 (CC BY 4.0).
- Feste Fehmarnbeltquerung: rund 12.600 Einwendungen und Stellungnahmen in der zweiten Anhörung, Erwiderungen durch Femern A/S bis April 2017; erste Auslegung Mai 2014, Planfeststellungsbeschluss 31.01.2019 (www.schleswig-holstein.de/DE/fachinhalte/F/fehmarnbelt/fehmarnbelt_planungsstand.html, Planungsstand Fehmarnbelt).
- SPARK: Programm des BMDS (www.bmds.bund.de/themen/kuenstliche-intelligenz/ki-in-der-verwaltung/spark); Open-Source-Module auf Open CoDE seit April 2026; Teilprojekte SPARK Workflow (www.pwc.de) und SPARK API (www.capgemini.com; Partner der Innovationsgemeinschaft laut Presseinformation des Fraunhofer IAIS vom 16.07.2026, www.iais.fraunhofer.de).


