Kommunales Digitalbriefing für politische Entscheider:innen

POLICY PAPER

Kommunen stehen unter mehrfachem Druck: Knappe Haushalte, demografischer Wandel, steigende Bürgererwartungen und neue Bedrohungslagen treffen gleichzeitig auf den Anspruch, eine handlungsfähige und vertrauenswürdige Verwaltung zu sichern. Vor diesem Hintergrund rücken drei digitale Schlüsselthemen in den Fokus, die sich gegenseitig stützen und gemeinsam ein neues Fundament kommunaler Selbstverwaltung bilden. Digitale Zwillinge, Künstliche Intelligenz und Cybersicherheit.

Jedes der drei Schlüsselthemen wird eingehend beleuchtet – einschließlich der Ausgangslage und der Bedrohungen, der strategischen Chancen, der organisatorischen Voraussetzungen sowie der politischen Handlungsempfehlungen.

Ziel des Policy Papers

Mit diesem Workshop verlassen wir bewusst die Fachebene und betreten den politischen Raum. Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, nicht Technik im Detail zu erklären, sondern den Verwaltungsverantwortlichen verständlich zu machen, worum es bei der Digitalisierung im Sinne von Innovation und Entwicklung geht, um kommunale Herausforderungen zu meistern. Gleichzeitig wollen wir aus der Praxis für die Praxis das Voneinanderlernen befördern, damit Kommunen von den Erfahrungen anderer Kommunen profitieren und nicht jeden Weg allein gehen müssen.

  1. Digitale Zwillinge
  2. Künstliche Intelligenz
  3. Cybersicherheit
  4. Was politische Entscheider:innen jetzt veranlassen sollten
  5. Anhang mit konkreten Umsetzungsangeboten

Autor:innen

  • Dr.-Ing. Stefan Ostrau, Kreis Lippe – Vertreter des Deutschen Landkreistages im Lenkungsgremium GDI-DE (Workshop-Leitung)
  • Britta Jansen und Carolin Krebs, TÜV Rheinland Consulting (Workshop-Leitung)
  • Ass. iur. Cornelia Löbhard Mann, Kommunal Agentur NRW (Workshop-Leitung)
  • Michael Silvan, Segmentleiter Security Consulting, TÜV Rheinland (Workshop-Leitung)
  • Dr. Wolfgang Beckröge, Deutscher Dachverband für Geoinformation e. V.
  • Tatjana Dzepina, Stadt Bielefeld
  • Thomas Grimm, Polizei Köln
  • Anna Lindemann, NRW.Mobidrom
  • Dr. Stanislaw Chernin, Städte- und Gemeindebund NRW
  • Dr. Sebastian Hellmann, Kreis Unna
  • Max Schwerhoff, Stadt Troisdorf
  • Dimitri Ravin, urban digital.de (Moderation)

Podcast zum Policy Paper

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Digitale Zwillinge

– Aus Silos werden vernetze Lagebilder: Digitale Zwillinge in der Kommune

Einordnung des Begriffs digitaler Zwilling und Stand der Entwicklung

Der Begriff urbaner digitaler Zwilling (UDZ)

Digitale Zwillinge kommen ursprünglich aus der Raumfahrt sowie aus der Industrie 4.0. Das Konzept des Digitalen Zwillings wurde bereits bei der Apollo 13-Krise („Houston, wir haben ein Problem”) geboren. Die NASA nutzte seinerzeit identische Simulatoren am Boden, um Überlebensstrategien der Astronauten im All vorab exakt zu testen – damals noch analog, heute rein digital.

In unserem Bereich sowie im Smart City-Kontext ist es als Instrument zur ganzheitlich digitalen Abbildung von Städten und Regionen zu verstehen. Im Vordergrund steht die Frage, wie sich komplexe kommunale Herausforderungen mithilfe solcher Modelle (Analysen, Simulationen und Szenarien) besser darstellen und kommunizieren lassen.

Hype-Zyklus: zwischen Tal der Enttäuschung und Pfad der Erleuchtung

Die Entwicklung digitaler Zwillinge bewegt sich derzeit zwischen dem Tal der Enttäuschung und dem „Pfad der Erleuchtung”. Diese Einordnung trägt der Tatsache Rechnung, dass digitale Zwillinge in der Praxis zwischen überzogenen Erwartungen und ersten verlässlichen Erkenntnissen pendeln. Verschiedene Bundesländer befinden sich in unterschiedlichen Phasen des Aufbaus: Bremen, Hamburg, Saarland, Sachsen und Nordrhein-Westfalen sind bereits aktiv tätig, weitere Länder ziehen nach. Auch viele Kommunen sind stark eingebunden.

UDZ – Ausgewählte Initiativen und aktuelle Umsetzungspraxis

Im Zuge des Bundesförderprogramms MPSC werden derzeit in über 30 der insgesamt 73 geförderten Kommunen UDZ aufgebaut. Sie erweisen sich dabei zunehmend als Treiber der digitalen Entwicklung in den Kommunen. Das derzeit bekannteste Förderprojekt bildet die Kooperationsinitiative „Connected Urban Twins (CUT)” der Städte Hamburg, Leipzig und München. Daraus entstanden ist auch die DIN SPEC 91607 „Digitaler Zwilling für Städte und Kommunen”.

In einer einschlägigen Studie sind kürzlich 60 digitale Zwillinge analysiert worden. Demzufolge sind die Entwicklungen höchst unterschiedlich. Zudem besteht insgesamt kein einheitliches Funktionsverständnis. Zu verzeichnen sind unterschiedliche fachliche Entwicklungen mit hoher Spannbreite: Von umfassenden urbanen Plattformen über spezialisierte Anwendungen bis hin zu föderalen Initiativen, die Grundlagen für Standards und Skalierung schaffen. Die Auswertung der Anwendungsfelder verdeutlicht klare Schwerpunkte:

  • Über 80 % der Zwillinge adressieren Energie & Umwelt und Infrastruktur
  • Ca. 60 % befassen sich mit Mobilität oder Stadtentwicklung
  • Ca. 15 % integriert Bürgerbeteiligung & Transparenz
  • Ca. 15 % Krisen- und Risikomanagement
  • Anwendungen in Wirtschaft, Gesundheit oder Bildung & Kultur bleiben Ausnahmefälle

Fazit: UDZ ermöglichen eine sehr gute Abbildung räumlicher und technischer Entwicklungen. Aktuell werden primär operative, weniger strategische Steuerungsaufgaben unterstützt. Wichtige Aspekte bilden dabei die Verknüpfung räumlicher Zwillinge mit statistischen, systemischen Modellen. Demgegenüber sind bisher kaum Daten zu wirtschaftlichen und sozialen sowie innovationsbezogenen Prozessen integriert.

Linkliste für Anhang

Pragmatische Lösungen für kommunale Herausforderungen

Aus Sicht der Kommunen sind digitale Zwillinge dann sinnvoll, wenn sie pragmatische Antworten auf akute kommunale Probleme geben. Fünf zentrale Bedarfsfelder, die das politische Versprechen digitaler Zwillinge konkretisieren:

Verlässliche, objektive Entscheidungsgrundlagen

Politische und administrative Entscheidungen sollen sich auf belastbare, datenbasierte Grundlagen, Analysen und zunehmend auch auf Simulationsmodelle stützen können – unabhängig von Einzelinteressen und tagespolitischen Stimmungen.

Frühwarnsysteme zum Krisenmanagement

Digitale Zwillinge erlauben es, kritische Entwicklungen frühzeitig zu erkennen – etwa bei Starkregen, Hitzewellen, Versorgungsengpässen oder hybriden Bedrohungen – und Schutzmaßnahmen rechtzeitig vorzubereiten. Ihre große Stärke liegt in der Fähigkeit, echtzeitbasiere Daten aufzubereiten und ein umfassendes Lagebild zu erhalten sowie präventive Maßnahmen des Bevölkerungsschutzes zu planen.

Zeitsparende Arbeitsinstrumente

Planungs- und Genehmigungsprozesse können durch digitale Zwillinge wesentlich beschleunigt werden. Komplexe Abwägungen, die heute manuell erfolgen, lassen sich in digitalen Modellen vorbereiten und parallelisieren. UDZ leisten damit einen wesentlichen Beitrag zur prozessgesteuerten Verwaltungsmodernisierung.

Visualisierungen komplexer Zusammenhänge

Politische Gremien, Verwaltungsführung und Öffentlichkeit profitieren von anschaulichen Visualisierungen, die abstrakte Sachverhalte – Mobilitätsströme, Energieflüsse, Klimaeffekte – verständlich machen. Politische Entscheidungsprozesse werden durch ZDF (Zahlen, Daten, Fakten) erheblich objektiviert und tragen somit zur Versachlichung der Debatten bei.

Verstärktes kommunales Digitalmarketing

Digitale Zwillinge sind zugleich Instrumente des Eigenmarketings der Verwaltung. Sie zeigen, was eine Kommune leistet, wo Herausforderungen auch für die Verwaltungsmodernisierung liegen und welche Investitionen ihre Wirkung entfalten.

Dr.-Ing. Stefan Ostrau (Kreis Lippe), Workshop-Leiter „Digitale Zwillinge“

Dr.-Ing. Stefan Ostrau ist als Fachbereichsleiter für Geoinformation, Liegenschaftskataster und Immobilienbewertung beim Kreis Lippe tätig. Seine Expertise liegt in der strategischen Verknüpfung von Geodateninfrastrukturen, digitalen Zwillingen und Verwaltungsmodernisierung. Als Mitglied im Lenkungsgremium GDI-DE für den Deutschen Landkreistag kennt er die Perspektive der Kreise ebenso wie die bundesweiten Anforderungen.