Foto © Susanne Zessin
Bei unserer Community Session auf dem hessischen Kongress Digitale Städte und Digitale Regionen haben wir mit der fiktiven Projektleiterin Jana Stadtspiegel gezeigt, was ein digitaler Zwilling in der kommunalen Praxis wirklich bedeutet und was nicht. Die ganze Session gibt es jetzt als Podcastfolge zum Nachhören.
Digitale Zwillinge stehen auf vielen kommunalen Agenden, doch in der Praxis bleibt oft unklar, was genau gemeint ist. Genau hier setzte unsere Community Session für Digitalisierungsbeauftragte aus hessischen Kommunen an. Statt mit einer Definition oder einem Framework zu starten, haben wir das Thema entlang einer Geschichte erschlossen.
Eine Geschichte statt einer Definition
Im Mittelpunkt steht Jana Stadtspiegel, eine fiktive Projektleiterin, die im Rathaus die Zuständigkeit für den digitalen Zwilling übernimmt. Bewusst keine Erfolgsgeschichte, sondern eine realistische. Jana erlebt genau das, was viele Digitalisierungsbeauftragte kennen: Alle reden von digitalen Zwillingen, aber niemand meint dasselbe. Das GIS-Amt denkt an ein 3D-Stadtmodell, das Smart-City-Team an eine urbane Datenplattform, die Beschaffung an ein Dashboard.
Was ein digitaler Zwilling ist, und was nicht
Unser gemeinsam mit 18 Kommunen aus sieben Bundesländern entstandener Leitfaden beschreibt den digitalen Zwilling als lebendiges Modell der Stadt, kein statisches Abbild, sondern eines, das laufend mit aktuellen Daten aus unterschiedlichen Quellen angereichert wird. Noch wichtiger: Er ist ein gemeinsamer Arbeitsraum, in dem Fachbereiche mit Daten Entscheidungen und deren Folgen sichtbar machen. Technisch lässt er sich in sechs Bausteine zerlegen: Geobasiszwilling, Fachzwillinge, Datenvernetzung, Echtzeit-Daten, Simulation und Szenarien sowie den gemeinsamen Arbeitsraum.
Vier Thesen aus der Praxis
Aus Janas ersten Monaten im Thema stammen vier Beobachtungen, die in der Session per Handzeichen abgefragt wurden und auf viel Zustimmung stießen:
- Es gibt keine konsensuale Definition, jeder versteht etwas anderes darunter.
- Das Henne-Ei-Problem: Fachämter verweisen auf die GIS-Abteilung, die GIS-Abteilung wartet auf den Auftrag.
- Die Politik interessiert sich nicht für den Begriff, sondern für Handlungsfähigkeit, Vorsorge, schnellere Entscheidungen und Geld.
- Projekte scheitern an der Integration, nicht an der Technologie.
Vier Anwendungsfälle aus der kommunalen Praxis
Vielleicht löst sich die Definitionsfrage gar nicht über die Theorie, sondern über die Praxis. Vier konkrete Anwendungsfälle machten das Thema greifbar:
- Starkregen und Hochwasserschutz: Dresden simuliert, wo Wasser abläuft und welche Gebäude und Straßen betroffen sind, mit typisierten statt perfekt modellierten Gebäuden.
- Baum-Zwilling: Jeder Stadtbaum erhält einen digitalen Zwilling mit Standort, Art, Vitalität und teils Echtzeit-Bodenfeuchte, das macht Pflege messbar und Bäume als Klimainfrastruktur sichtbar.
- Wärmeinseln und Hitzestress: Kleinräumige Hitzeanalysen zeigen, wo die Belastung am höchsten ist, und führen zu konkreten Entscheidungen über Bäume, Materialien und Oberflächen.
- Stadtplanung und BIM-Integration: BIM-Daten im städtebaulichen Kontext ermöglichen Variantenstudien und machen Planungsfolgen für Politik und Öffentlichkeit anschaulich.
Was am Ende bleibt
Janas wichtigste Erkenntnis: Das eigentliche Problem war nie, dass die Idee zu abstrakt ist, sondern dass sie zu selten in die Sprache derer übersetzt wurde, die über Richtung, Geld und Prioritäten entscheiden. Der wichtigste nächste Schritt ist deshalb nicht die nächste technische Vertiefung, sondern die politische Übersetzung.
Weiterführende Angebote
Wer das Thema vertiefen möchte, findet im kompakten Leitfaden Digitale Zwillinge eine pragmatische Orientierung. Das begleitende Online-Programm „Digitale Zwillinge in der Umsetzung” stellt konkrete Anwendungsfälle und den fachübergreifenden Austausch in den Mittelpunkt.
Das Online-Programm ist eine gemeinsame Initiative des Informationsportals urban-digital.de und des Deutschen Dachverbands für Geoinformation (DDGI). Es richtet sich an kommunale Mitarbeiter, die digitale Zwillinge nicht nur verstehen, sondern in ihrer Verwaltungspraxis konkret voranbringen möchten. Weiterführende Informationen zum Online-Programm finden Sie hier.


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