Regionale Stadt-Apps stehen in Deutschland unter Rechtfertigungsdruck. Viele frühe Projekte sind gescheitert, die Nutzerzahlen blieben oft klein, die Erwartung an das Ergebnis war größer als das Ergebnis. Bliggit aus Wuppertal gehört zu den wenigen Plattformen, die nach sieben Jahren noch im Alltag ihrer Nutzer stattfinden, mit auffällig guten Bewertungen in den App-Stores und einem Kurzvideo-Feed.
Ich habe mit Holger Hammes gesprochen. Holger Hammes ist CEO der Bliggit GmbH aus Wuppertal, wo die Plattform seit 2018 entstanden ist. Sie ist heute in Wuppertal, in Saarlouis und demnächst in Radevormwald live, hat nach eigenen Angaben über 50.000 Installationen und mehr als 600 lokale Partner. Wir sprechen über die Learnings aus sieben Jahren Stadt-Plattform, darüber, wie andere Kommunen die Plattform heute als Lizenz übernehmen können, über den Video-Feed als Alleinstellungsmerkmal, über den Umgang mit KI und über die Frage, warum regionale, algorithmusbefreite Anlaufstellen in Städten wichtiger werden statt weniger wichtig.
1. Wie aus Wuppertal die Bliggit-Plattform entstand
Herkunft aus dem Stadtwerken-Kontext, Nortal-Begleitung und die Entscheidung für Make statt Buy.
Holger Hammes war lange in der Unternehmenskommunikation einer Sparkasse tätig und hat digitale regionale Plattformen bereits ab den 2000er Jahren aufgebaut. 2018 hat er zusammen mit Kollegen aus dem Stadtwerken-Umfeld in Wuppertal eine neue Plattform gestartet. Begleitet wurden sie damals durch die estländische Firma Nortal, die für viele der frühen Digital-Erfolge in Estland verantwortlich ist.
Die Entscheidung fiel bewusst gegen Buy. 2018 gab es in Deutschland keine Plattform, die die gewünschte Funktionsbreite abgebildet hätte. Dazu kam eine glückliche Finanzierungssituation. Wuppertal war Teil der digitalen Modellregion Bergisches Städtedreieck, es gab Aufbruchsstimmung und die Mittel, ein solches Vorhaben eigenständig zu bauen. Nach sieben Jahren hat sich diese Entscheidung als tragfähig erwiesen. Die Plattform hat Corona, Energiekrise und mehrere Wellen von Plattform-Skepsis überstanden.
2. Was Bliggit heute leistet und wo die Killer-Features liegen
Freizeitplanung, Alltagsunterstützung und Cockpit-Features als tragende Säulen.
Die App bündelt heute zwei sehr klare Nutzungsbereiche. Die erste Säule ist Freizeit- und Eventplanung. Ein Eventkalender, der sowohl bestehende Schnittstellen anzapft als auch lokale Creator, Vereine und Kulturträger einbindet, wird von den Nutzern stark angenommen. Die zweite Säule ist Alltagsunterstützung. Die App bietet ein Cockpit mit Push-Nachrichten für Blitzer, Abfall, Tanken, Laden und über die NINA-Schnittstelle auch offizielle Warnmeldungen. Die Auswahl der Themen ist bewusst getroffen. Vieles davon existiert einzeln bereits als App, wird in Wuppertal aber geschätzt, weil es gebündelt aus einem gut gestalteten Frontend kommt.
Die App hat in beiden App-Stores auffällig gute Bewertungen. Wer den Markt regionaler Stadt-Apps beobachtet, weiß, dass das eher die Ausnahme ist. Holger Hammes führt den Erfolg auf einen Punkt zurück: konsequente Kundenfokussierung. Bliggit interviewt regelmäßig eigene Nutzer, nimmt Feedback ernst, hat einen festen Prozess dahinter, der von Bewertung über Umsetzung bis zur Wiedervalidierung führt. Dieser Prozess ist über die letzten vier Jahre aufgebaut worden und wird seit ungefähr drei Jahren konsequent gelebt.
3. Der Video-Feed als Alleinstellungsmerkmal
Wie aus User-Feedback von 2022 der zentrale Nutzungs-Anker der Plattform entstand.
Der eigentliche Wendepunkt kam 2022. Nutzer haben in Interviews rückgemeldet, die App wirke im Vergleich zu Reels, TikTok und Instagram langweilig. Statisch, Bildkacheln, klassische Posts. Diese Rückmeldung kam nicht nur von jüngeren Zielgruppen, sondern auch von älteren. Für das Team war klar, dass ein regionaler Video-Feed her muss, der auch mit einem sehr viel kleineren Entwicklungsteam performen würde als die Feeds der großen Plattformen.
Der Prozess hat rund anderthalb Jahre gedauert. Anfang 2025 ging eine erste Version live, zunächst nur als Galerie mit zehn Videos. Die Annahme war so positiv, dass die Weiterentwicklung zum vollständigen Feed folgte. Der Feed ist seit rund zwei Monaten live und hat sich seither zum Hauptanwendungsfall in der App entwickelt. Das Besondere ist die Kombination aus lokalen Personen, lokalen Orten und thematischer Relevanz. Ein Beispiel aus Wuppertal ist das Café Zeitreise, ein generationenübergreifender Treffpunkt, dessen Inhalte über den Feed sichtbar werden und dann direkt vor Ort erlebbar sind. Genau dieses Verankern im Regionalen ist auf Instagram oder TikTok schwierig, weil der Algorithmus den Nutzer nach dem zweiten Beitrag in der Regel wieder aus der Region herausträgt.
Neben dem Video-Feed gewinnt ein zweites Element an Bedeutung: Interaktion. Umfragen, Gewinnspiele, kleine In-App-Games sind für die Retention entscheidend, weil sie eine Rechtfertigung für die App-Nutzung schaffen, die reine Information nicht mehr leisten kann.
4. Vom Abo-Modell zum Lizenzmodell für Kommunen
Warum das ursprüngliche Werbemodell nicht getragen hat und was Bliggit heute als B2B-Anbieter macht.
Zum Start setzte Bliggit auf ein Abo-Modell für Gewerbetreibende. Der Gedanke war, dass lokale Betriebe zwischen 30 und 50 Euro pro Monat zahlen, um in der App sichtbar zu werden. Im Kontext von Instagram, Corona und generellem Werbemarkt-Umbruch ließ sich dieses Modell in der gewünschten Breite nicht durchsetzen.
Die Konsequenz war eine bewusste Umkehrung des Geschäftsmodells. Bliggit hat sich als B2B-Anbieter neu positioniert. Die Plattform wird lizenzfähig, mit einer City-Filter-Funktion, mit White-Label-Fähigkeit, für einen Markt, der aus Stadtmarketing, Wirtschaftsförderungen, Städten, Sparkassen, Volksbanken und Stadtwerken besteht. Seit rund anderthalb Jahren wird dieser Weg intensiv verfolgt. Saarlouis war die erste Lizenzstadt, Radevormwald folgt in Kürze, weitere sind in der Pipeline.
Für Städte, die den Schritt gehen wollen, hat Holger Hammes eine klare Empfehlung. Der Hochlauf einer Plattform vor Ort funktioniert nach seiner Erfahrung nur mit einem oder zwei starken lokalen Stakeholdern im Rücken, meistens Sparkasse, Stadtwerke oder Wirtschaftsförderung. Rückhalt, Marketingbudget und Netzwerk sind die drei Voraussetzungen. Für 2027 kommt zusätzlich ein Pay-as-you-go-Modell für lokale Gewerbetreibende, mit dem Lizenznehmerstädte selbst einen Anteil refinanzieren können.
Am Beispiel Radevormwald wird auch ein politischer Hebel sichtbar. Bürgermeister Dejan Vujinovic gehört zu einer jüngeren Generation kommunaler Entscheider, für die direkte Bürgerkommunikation ohne Social-Media-Algorithmen ein zentraler Punkt ist. Das Video-Format als Kommunikationskanal für das Bürgermeisterbüro und für zentrale Themen der Stadt war einer der Entscheidungsgründe für Bliggit.
5. KI, Authentizität und die Frage nach der Zukunft der App
Wo KI heute Effizienz bringt, wo sie in die Sackgasse führt und warum Apps als Bedienform bleiben.
KI ist bei Bliggit ein Werkzeug, kein Ersatz. Das Team baut derzeit hybride Prozesse auf, in denen KI klassische Effizienzaufgaben übernimmt. Vektorsuche für die App-Suche ist seit einem Monat produktiv, das Empfehlungsmanagement wird 2027 den nächsten größeren Sprung machen, in der Entwicklung übernimmt KI Fleiß- und Test-Aufgaben. Gleichzeitig warnt Holger Hammes vor einem generellen Automatismus. In der Softwareentwicklung beobachtet er, dass jüngere Kollegen, die viel Code über KI schreiben, länger brauchen, um die fachliche Reife früherer Jahrgänge zu erreichen. Reflexion und Review-Fähigkeit werden zum eigentlichen Engpass.
Beim Content ist die Position noch klarer. Regionalität funktioniert nur mit echten Personen, mit Gesicht, mit lokaler Verankerung. Wer versucht, Regionalität mit KI zu erzeugen, wird als Plattform scheitern, weil das Publikum genau das schnell entlarvt. Der Hinweis auf Human-Made-Kennzeichnungen in sozialen Netzwerken, auf LinkedIn-Reaktionen gegen offensichtlich KI-generierte Beiträge und auf die Entscheidung von Spotify, KI-generierte Musik im Algorithmus zurückzustufen, spricht für eine erkennbare Gegenbewegung.
Zur Frage, ob Apps als Bedienform bleiben, ist die Antwort pragmatisch. Wir sind seit zwanzig Jahren auf Apps trainiert, wir sind taktile Wesen, wir wollen wischen, tippen, blättern. Sprachbedienung liegt weltweit bei rund 30 Prozent Quelle?. Wo Sprache stärker wird, ist offen. Die Bedienform Wischen und Antippen wird nach Einschätzung von Holger Hammes weiter tragen.
6. Was Kommunen jetzt lernen können
Umarmungsansatz, Neuanfang nach gescheiterten Apps und die Rolle regionaler Anlaufstellen
Als Ausblick lassen sich aus dem Gespräch drei Punkte mitnehmen. Der erste ist der Umarmungsansatz, ein Begriff, den Holger Hammes von Nortal übernommen hat. Regionale digitale Landschaften sind unvermeidlich vielfältig. Digitaler Zwilling, Bonussystem, Stadt-App und Fach-Anwendungen laufen nebeneinander. Der Wert entsteht dort, wo diese Anwendungen sich gegenseitig verstärken statt sich zu verdrängen.
Der zweite betrifft alle Kommunen mit gescheiterten oder schwach genutzten Stadt-Apps aus vergangenen Jahren. Es lohnt, sich davon zu lösen und einen zweiten Anfang zu machen, diesmal mit konsequenter Nutzerorientierung. Die Frage, wie erreiche ich die Bürger meiner Stadt wirklich, steht am Anfang, nicht die Feature-Liste.
Der dritte ist Kommunikation als bleibender Faktor. Auch wenn KI weiter wächst, bleiben regionale Strukturen, in denen inhaltlich verankerte Kommunikation stattfindet, für jede Kommune relevant. Ob Deutschland dabei zu einer stärker konsolidierten Landschaft mit wenigen großen Anbietern kommt oder ob die föderale Vielfalt bleibt, ist offen. Für Holger Hammes bleibt der Trend zu mobilen Plattformen mit relevanten Use Cases stabil. Die Hoffnung ist, dass Städte, die einmal den Mut verloren hatten, ihn wiederfinden.
Ich bedanke mich bei Holger Hammes für das Gespräch. Wer mehr über Bliggit erfahren oder über eine eigene Stadt-Plattform nachdenken möchte, findet alle Informationen und Kontaktmöglichkeiten unter bliggit.de.

