Wenn der Notruf eingeht, zählt jede Sekunde. Die Feuerwehr Düsseldorf muss garantieren, innerhalb von sechs Minuten jede Adresse in der wachsenden Stadt erreichen zu können. Doch wie plant man Feuerwehrstandorte in einer Großstadt, die sich durch Baustellen, Verkehrsströme und neue Stadtteile ständig verändert?
Gemeinsam mit Ubilabs, einem führenden Technologiepartner für Kartenanwendungen und urbane Daten aus Hamburg, hat die Feuerwehr Düsseldorf ein geodatenbasiertes Analysetool entwickelt, das Erreichbarkeitsanalysen in Sekunden liefert. Was früher monatelange Gutachten von Ingenieurbüros erforderte, ist heute in wenigen Klicks simulierbar. Aktuell werden auf Basis dieses Tools vier neue Feuerwehrstandorte in Düsseldorf geplant.
Wir haben David von der Lieth, Direktor der Feuerwehr Düsseldorf und Jens Wille, Geschäftsführer bei Ubilabs gefragt, was ihre Zusammenarbeit auszeichnet und was andere Städte daraus lernen können.
Was war der konkrete Anlass, ein geodatenbasiertes Tool für die Standortplanung zu entwickeln, und warum war der bisherige Weg über Ingenieurbüros nicht mehr ausreichend?
Jens Wille: Der Anlass war die Erkenntnis, dass Gutachten von Ingenieurbüros zu lange brauchen und zu statisch sind, da sie nur eine Momentaufnahme der Stadtentwicklung bieten. Wir wollten der Feuerwehr die Möglichkeit geben, schnell mögliche Standorte zu untersuchen, indem wir ein Werkzeug schaffen, das Planungsszenarien in Echtzeit berechnet. Der bisherige Weg war schlicht zu langsam, zu teuer und nicht agil genug, um auf kurzfristige städtebauliche Veränderungen oder Verkehrsflussänderungen zu reagieren.
Das 6-Minuten-Kriterium klingt simpel, ist es in der Praxis aber vermutlich nicht. Was macht die Standortplanung in einer wachsenden Stadt wie Düsseldorf so anspruchsvoll?
David von der Lieth: Die Herausforderung liegt in der hohen Dynamik einer Metropole: Baustellen, Nachverdichtung und sich ändernde Verkehrsströme beeinflussen die Erreichbarkeit jede Minute. Das 6-Minuten-Ziel ist eine harte Grenze für das erste Eintreffen, aber die Planung muss dabei Tausende von Variablen gleichzeitig berücksichtigen, um eine flächendeckende Sicherheit zu garantieren. Mit dem Tool können wir nun sehr schnell simulieren und untersuchen, wie die Erreichbarkeit sichergestellt werden kann.
Welche Daten fließen konkret in das Tool ein und welche Rolle spielt die Cloud-Infrastruktur für die Geschwindigkeit der Analysen?
Jens Wille: Wir führen hochauflösende Straßennetzdaten, Verkehrsdaten, soziodemografische Informationen und teilweise auch historische Einsatzdaten in einer Architektur zusammen. Ein dahinterliegender Cloud-Service ist dabei das Herzstück, da er es uns ermöglicht, komplexe Erreichbarkeitsanalysen – für die der herkömmliche Weg Tage bräuchte – in Sekundenbruchteilen durchzuführen. Durch diese Rechenpower können wir “Was-wäre-wenn”-Szenarien für das gesamte Stadtgebiet interaktiv und im Live-Betrieb diskutieren.
Wie hat sich die Zusammenarbeit zwischen Feuerwehr und Technologiepartner konkret gestaltet und was braucht es auf beiden Seiten, damit so ein Projekt gelingt?
David von der Lieth: Es war ein Prozess auf Augenhöhe, bei dem wir die technologische Expertise von Ubilabs direkt mit dem taktischen Fachwissen der Feuerwehr Düsseldorf verschmolzen haben. Auf der einen Seite braucht es einen Technologiepartner, der bereit ist, die spezifischen Bedürfnisse von Behörden tiefgreifend zu verstehen, statt nur Standardlösungen “von der Stange” zu verkaufen. Auf der anderen Seite braucht es Mut und eine offene Innovationskultur innerhalb der Verwaltung, wie wir sie die letzten Jahre aufbauen konnten.
Das Tool amortisiert sich bereits nach einem einzigen Planungsprozess. Wie erklären Sie das und welche Kosten spart eine Kommune konkret?
David von der Lieth: Eine einzige Fehlplanung bei einem Wachenstandort kostet eine Kommune über Jahrzehnte hinweg Millionenbeträge. Indem wir durch das Tool die optimale Positionierung finden, sparen wir nicht nur die hohen Honorare für externe Gutachten, sondern optimieren auch den Personal- und Ressourceneinsatz langfristig. Effizienz bedeutet hier nicht nur Kostenersparnis, sondern vor allem einen Zeitgewinn in der Lebensrettung, der ohnehin unbezahlbar ist.
Inwiefern ist dieses Modell auf andere Kommunen oder andere Bereiche der Gefahrenabwehr übertragbar?
Jens Wille: Das Modell ist nahezu universell einsetzbar, da die Grundlagen der Standortoptimierung und Erreichbarkeit für jede Feuerwehr und jeden Rettungsdienst relevant sind. Wir haben das System so modular aufgebaut, dass es problemlos auf andere Städte skaliert werden kann, unabhängig von deren Größe. Letztlich geht es überall darum, knappe Ressourcen datenbasiert und mit maximalem Impact für die Sicherheit der Bürger einzusetzen. Um jeder Kommune die Möglichkeit zu geben, sehr schnell und einfach die Planungen zu optimieren, sind wir gerade dabei, das Tool als Self-Service zugänglich zu machen.
Was hat Sie an dieser Zusammenarbeit am meisten überrascht?
David von der Lieth: Mich hat am meisten beeindruckt, wie schnell aus einer abstrakten Datenmenge visuelle Entscheidungshilfen wurden, die sofort eine intuitive Bestätigung unserer jahrelangen Erfahrung lieferten – und diese oft noch präzisierten. Die Geschwindigkeit, mit der das Team von Ubilabs taktische Anforderungen in Software Code übersetzt hat, war für eine Behörde eine völlig neue Erfahrung. Es hat uns gezeigt, dass Digitalisierung im öffentlichen Sektor dann funktioniert, wenn die Anwender den unmittelbaren Nutzen für ihren Alltag sehen und man sehr intensiv und agil gemeinsam an einer Lösung arbeiten kann.
Das Tool wird ja stetig weiterentwickelt, zusätzlich entstehen neue Tools wie das Echtzeit-Lagebild. Wie sieht die Vision für die Zukunft aus?
Jens Wille: Unsere Vision ist der „Digitale Zwilling“ der städtischen Sicherheit, bei dem das Echtzeit-Lagebild als zentrales Nervensystem fungiert. So kommen wir von der rein reaktiven Planung hin zu einer prädiktiven Steuerung, die bereits erkennt, wo Engpässe entstehen könnten, bevor der erste Notruf eingeht. Das Echtzeit-Lagebild ermöglicht es, die theoretischen Planungsmodelle permanent mit der realen Einsatzrealität abzugleichen und so die Resilienz der Stadt in Echtzeit zu erhöhen. Gerade sind wir dabei im Zuge eines Projektes mit der ESA, der Information Factory auch Earth Observation Daten zu integrieren. Auf diese Weise lassen sich zum Beispiel im Falle von Hochwasser oder großer Hitze wichtige Erkenntnisse gewinnen, die für die Einsatzplanung ein großer Gewinn sind.
David von der Lieth: Für uns bedeutet das Echtzeit-Lagebild den Schritt in eine neue Ära der Transparenz und Steuerungsfähigkeit. Die Vision ist ein integriertes Dashboard, das uns jederzeit zeigt, wie sicher die Stadt in diesem Moment ist – unter Berücksichtigung von Wetter, Verkehr und aktueller Ressourcenverfügbarkeit. Wir schaffen damit eine datengestützte Vertrauensbasis für politische Entscheidungen und stellen sicher, dass die Feuerwehr Düsseldorf nicht nur heute, sondern auch bei den Herausforderungen von morgen immer innerhalb der kritischen Hilfsfrist bleibt. Durch die Integration der Earth Observation Daten bietet sich für uns die entscheidende Chance vor die Lage zu kommen.


